Nachtarbeiter der Diplomatie Die Unsichtbaren hinter den Genfer Friedensgesprächen

Petar Marjanović

25.11.2025

Flugi_MASTER

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24.11.2025

In Genf landeten am Wochenende Diplomaten aus Washington und Kiew, ohne dass die breite Öffentlichkeit zuvor davon wusste. Hinter dem überraschenden Friedensgespräch stand ein Zusammenspiel von kaum sichtbaren Helfer*innen. blue News wirft einen Blick auf diejenigen, die sich um die Landung der Staatsflieger kümmern.

Petar Marjanović

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Am Wochenende trafen sich die USA und die Ukraine überraschend zu Friedensgesprächen in Genf.
  • Möglich machten das viele Stellen im Hintergrund, die Landungen von Staatsfliegern prüfen, bewilligen und koordinieren.
  • So konnten hochrangige Diplomaten sicher und auch ausserhalb der normalen Flugzeiten in die Schweiz reisen.

Am Sonntag kam es in Genf zu einem Treffen, das bis kurz zuvor kaum jemand öffentlich auf dem Radar hatte: Vertreterinnen und Vertreter der USA und der Ukraine reisten überraschend zu Friedensgesprächen in die Schweiz. Ein diplomatisches Manöver, das selbst erfahrene Beobachter verblüffte.

Die «Aargauer Zeitung» rekonstruierte, wie es überhaupt dazu kam. Demnach zog ein Mann im Hintergrund die Fäden: Gabriel Lüchinger, SVP-Politiker und Gemeinderat im 7500-Einwohner-Ort Herzogenbuchsee BE, fungiert seit April 2025 als Sondergesandter des Bundesrates für die USA.

Ein Fluglotse der zivilen Flugsicherung Skyguide  im Tower des Genfer Flughafens. (Themenbild)
Ein Fluglotse der zivilen Flugsicherung Skyguide  im Tower des Genfer Flughafens. (Themenbild)
Bild: Keystone/Martial Trezzini

Es waren es sowohl Washington als auch Kiew, die sich explizit die Schweiz als neutralen Boden sowie Genf als Zentrum der internationalen Diplomatie wünschten.

Rubios Leute mussten Formular ausfüllen

Doch bislang wenig bekannt ist, wer dieses Treffen im Maschinenraum der Schweizer Verwaltung möglich machte. blue News hat recherchiert, welche Instanzen zuschalten müssen, bevor ein diplomatischer Sonderflug überhaupt Schweizer Boden berührt – so wie am Sonntagmorgen, als kurz vor 9.30 Uhr die Boeing 757 der US-Regierung mit Aussenminister Marco Rubio an Bord in Genf aufsetzte.

Und zwar läuft das so: Will ein Staat wie die USA oder die Ukraine ein geheimes oder heikles Treffen anbahnen, kann er die Schweiz als «Fazilitatorin» anfragen. Die Schweiz stellt dann nicht nur Räumlichkeiten und Sicherheit, sondern wirkt im Kleinen als Mediatorin («Mediation light», wie es in offiziellen Dokumenten heisst) mit und schafft den Rahmen für Gespräche, die andernorts kaum möglich wären.

Sobald klar ist, dass von Bundesbern diese «guten Dienste» erwartet werden, beginnt die operative Arbeit: Die ausländischen Politiker und Diplomatinnen müssen in die Schweiz gelangen. Das passiert meist nicht per Linienflug, sondern mit einem offiziellen Staatsflug. Der Unterschied liegt nicht nur im Flugzeug, sondern auch im bürokratischen Unterbau.

Formular zu Öffnungszeiten ans Bundesamt einreichen

Für eine Landung braucht es eine Freigabe. Doch anders als bei regulären Passagiermaschinen erteilen nicht die Fluglotsen die «Clearance», sondern Beamte des Bundesamtes für Zivilluftfahrt (Bazl). Es bearbeitet während der Bürozeiten – 8 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr – die schriftlichen Gesuche der ausländischen Botschaften und Behörden. Ausserhalb dieser Zeiten übernimmt die Luftwaffe die Arbeit. Sie prüfen, ob eine Landung völkerrechtliche Probleme aufwerfen oder gar der Vorbereitung von Kampfhandlungen dienen könnte.

Wie häufig Gesuche abgelehnt werden, will das Bazl aus Rücksicht auf diplomatische Interessen nicht offenlegen. Fest steht: Am Wochenende erhielt eine ganze Reihe hochrangiger Emissäre grünes Licht – darunter US-Aussenminister Rubio und Andrij Jermak, der Stabschef des ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenski.

Fluglotsen erfüllen Flugplan auch in der Nacht

Sobald die diplomatische Landebewilligung erteilt ist, geht sie an die zivile Flugsicherung Skyguide. Die Lotsinnen und Lotsen müssen dann nur noch sicherstellen, dass die Maschine zum bewilligten Zeitpunkt landen kann. Bei diplomatischen oder humanitären Einsätzen dürfen Flieger auch ausserhalb der regulären Betriebszeiten aufsetzen – die Rubio-Maschine hätte ebenso gut um drei Uhr morgens landen können.

In Genf und Zürich halten nachts jeweils zwei Fluglotsen den Betrieb aufrecht. Es komme jedoch vor, dass diese Zweierbesetzung kurzfristig nicht eingehalten werden könne, sagt Skyguide-Sprecher Vladi Barrosa zu blue News: «Bei kurzfristigen Krankheitsausfällen ist es auch schon vorgekommen, dass die Nacht nur von einer Person abgedeckt wird.»

Der Anflug von Rubios Boeing verlief indes im Standardverfahren. Anders als bei Staatsbesuchen auf Präsidentenniveau – etwa bei Donald Trump – musste der Flughafen nicht temporär geschlossen oder die Maschine zusätzlich separiert werden. Einen langen Arbeitstag später hob der US-Aussenminister wieder ab: um 00.31 Uhr, rund 90 Minuten nach dem offiziellen Betriebsschluss des Flughafens Genf.

Barrosa kommentiert trocken: «Im Tower Genf waren die Flugverkehrsleitenden der Nachtschicht im Einsatz und haben den Start abgewickelt. Für unsere Lotsen ist das ein Flugzeug mehr.»


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