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Erhält Gösgen Verstärkung? Das Parlament hat das AKW-Bauverbot aufgehoben. Bis in der Schweiz ein neues Kernkraftwerk ans Netz geht, wird es aber noch lange dauern.
KEYSTONE
Der Nationalrat hat den Gegenvorschlag des Bundesrats zur «Blackout stoppen»-Initiative angenommen. Damit dürfen in der Schweiz wieder AKW gebaut werden. Diese haben aber noch andere Hürden.
Das Parlament hat entschieden: Das Verbot, neue AKW zu bauen, ist Geschichte, die Kernkraft ist wieder eine Option in der Energieversorgung der Schweiz. Konkret hat der Nationalrat den Gegenvorschlag des Bundesrates zur «Blackout stoppen»-Initiative gutgeheissen, die den Bau wieder zulässt.
Heisst das, es wird bald gebaut und die noch laufenden Reaktoren erhalten Ablösung? Die kurze Antwort: Wohl eher nicht. Das sind die Gründe:
Naheliegend wäre, dass Axpo, Betreiberin des AKW Beznau und beteiligt an den Kernkraftwerken Leibstadt (39,1 Prozent) und Gösgen (25 Prozent) diese Chance packen würde. Doch darauf lässt sich der Stromriese nicht hinaus. Die politischen, regulatorischen und finanziellen Risiken seien zu gross, um den Bau eines neuen AKW in den Vordergrund zu stellen, schreibt das Unternehmen in einem Online-Dossier zum Thema.
Alpiq ist zu 40 Prozent Besitzerin des AKW Gösgen und zu 27,4 Prozent des AKW Leibstadt. Doch auch dieser Stromversorger meldet auf Anfrage von blue News: «Für Alpiq stellt sich die Frage eines Neubaus im aktuellen Umfeld und mit den derzeitigen regulatorischen Rahmenbedingungen nicht.»
Noch unwahrscheinlicher ist es, dass einer der weiteren Eigentümer und Betreiber der Schweizer AKW – CKW, BKB, EWZ, AEW – im Alleingang ein neues Atomkraftwerk realisiert.
Zwei Gemeinden haben sich bereits in Stellung gebracht: Leibstadt AG, wo seit 1984 das jüngste Schweizer AKW Strom erzeugt, und Döttingen AG, dem Dorf neben dem AKW Beznau. Beide Gemeinde-Exekutiven betonen, sie wären bereit, einen Teil ihres Gebiets einem neuen Kernkraftwerk zur Verfügung zu stellen.
Dass ein neues AKW dort gebaut wird, wo bereits eines steht, erscheint sinnvoll. Nicht nur hat sich die Bevölkerung längst daran gewöhnt, auch die Logistik ist eingespielt – zumindest für den Betrieb eines herkömmlichen Systems.
Ob es tatsächlich technisch und rechtlich möglich ist, am Ort eines bestehenden AKW ein weiteres zu realisieren, ist eine andere Frage. Diese wird erst beantwortet, wenn ein solches Projekt näher geprüft wird.
Die Baukosten hängen auch mit dem langen politischen Prozess und dem Bewilligungsverfahren zusammen – siehe nächster Punkt. Axpo schreibt, nur mit einer «umfassenden Risikoübernahme durch den Staat» wären die finanziellen Risiken für ein einzelnes Unternehmen tragbar.
Wie hoch die Kosten wären, ist Sache von Prognosen und Ableitungen aktueller AKW-Projekte. Der Energie-Experte Walter Rüegg rechnet in der «NZZ» mit 5 bis 8 Milliarden Franken pro Gigawatt Leistung des AKW – für Bau, Betrieb und Rückbau am Ende der Lebensdauer. Gösgen leistet 1,01 Gigawatt, Leibstadt 1,23 Gigawatt.
Die Gesamtkosten müssen über den Verkauf des Stroms eingespielt werden, den das AKW über seine Lebensdauer generiert. Dabei steht das AKW mit allen anderen Stromerzeugern im Wettbewerb und wird Mühe haben, sein Angebot abzusetzen, wenn dessen Preis über dem Marktpreis liegt.
Der Bund macht für den Betrieb eines Kernkraftwerks nach mehr als 40 Jahren strenge Auflagen. Diese erfüllt der Reaktorblock 1 des AKW Beznau. Dieses ist mit Baujahr 1969 das älteste im Betrieb stehende AKW der Welt. Klar ist – je länger ein Atomkraftwerk Strom ins Netz einspeist, desto günstiger wird die Energie – da die Investition über einen längeren Zeitraum amortisiert wird.
China baue neue AKW zu einem Drittel des Preises, der für westliche Einzelprojekte entsteht, schreibt Walter Rüegg in der «NZZ» weiter, ein Grund, auf ein Sinken der Baukosten auch in der Schweiz zu hoffen.
In die andere Richtung weisen Neubauten in Finnland und Grossbritannien. Das AKW in Hinkley Point wird statt 25 über 30 Milliarden Dollar kosten und erst Anfang der 2030er Jahre ans Netz gehen, statt 2025 wie geplant. Fast viermal so teuer wie kalkuliert wurde der Reaktor im finnischen Olkiluoto und statt 2009 ging er 2023 in Betrieb.
Gleichzeitig nehmen aber laufend neue AKW die Stromerzeugung auf. Die World Nuclear Association meldet in ihrem neusten Bericht, 2024 seien sieben Reaktoren ans Netzt gegangen, deren 70 befänden sich im Bau.
Nicht vor Mitte der 2040er Jahre lautet die aktuelle Schätzung. Axpo geht sogar von frühestens 2050 aus. Der Grund ist, dass ein Projekt eines neuen Kernreaktors in der Schweiz auch nach Aufhebung des Bauverbots verschiedene politische und rechtliche Hürden nehmen muss. Die erste dürfte das Referendum gegen die Aufhebung des Bauverbots sein, das Links-Grün bereits angekündigt hat.
Dann müssen die Zuständigen einen Standort finden und ein Projekt ausarbeiten, welches wiederum mehrere Bewilligungen braucht, bis es realisiert werden kann.
Die Small Modular Reactors SMR sind eine neue Kategorie von Atomreaktoren. Während konventionelle AKW fast immer Einzelanfertigungen sind, die den Gegebenheiten an ihrem Standort angepasst sind, können SMR in Fabriken gebaut werden. Am Standort sind sie dann nur noch zu installieren und anzuschliessen. Damit einher geht die Hoffnung, dass sich Kraftwerke aus SMR deutlich schneller realisieren lassen, als konventionelle AKW.
Da SMR nur knapp ein Drittel der Leistung konventioneller Reaktoren haben, ungefähr 300 Megawatt, geht von ihnen auch ein kleineres Sicherheitsrisiko aus.
Eine günstige, flexible Alternative sind die modularen Kleinreaktoren bis jetzt nur in der Theorie. Ein Projekt in den USA wurde lange vor Inbetriebnahme gestoppt, weil die Kosten explodierten und der Strom als Folge davon viel zu teuer geworden wäre, als dass ihn jemand bezogen hätte.
Auch Axpo schreibt, damit SMR für sie zum Thema würden, müssten sie zuerst an einem anderen Standort beweisen, dass sie wirtschaftlich betrieben werden können. In der Schweiz einen Pionier-Mini-Reaktor zu realisieren, schliesst Axpo aus.
Vor 2045 wird aller Voraussicht nach kein neues AKW in der Schweiz in Betrieb gehen. In diesen 20 Jahren kann es also nichts zur Stromversorgung beitragen. Dies ist eines der Argumente der Gegner*innen des Ausstiegs aus dem Atom-Ausstieg.
Die Befürworter*innen betonten in der Debatte, dass es primär darum gehe, die Technologie wieder zuzulassen. Ihre Hoffnung könnte sein, die AKW-Technologie mache in den nächsten Jahren so grosse Fortschritte, dass der Bau sehr viel weniger Zeit in Anspruch nimmt. Die Verfahren, bis an einem Standort der Bau beginnen darf, dauern deswegen aber nicht weniger lang.
Ziel der Energiestrategie 2050 ist, die Schweiz mit erneuerbarer Energie aus Wasser, Sonne, Wind und Biomasse zu versorgen. Sollte dieses Ziel erreicht werden, bräuchte es kein neues Kernkraftwerk in der Schweiz.