Die Schweizer rücken immer mehr vom Bargeld ab

uri

30.6.2020 - 18:00

Kontaktloses Bezahlen per App auf dem Smartphone – Die Corona-Pandemie macht auch dem Bargeld zu schaffen. (Symbilbild)
Bild: Keystone

Der Abgesang auf das Bargeld wird schon lange angestimmt – doch es erweist sich als erstaunlich zählebig. Nun scheint es allerdings, als könnten auch Münzen und Nötli zu prominenten Corona-Opfern werden.

Noch im Januar 2020 hatte Thorsten Hens, Professor für Finanzökonomie an der Universität Zürich, auf Radio SRF scherzhaft erklärt, die Schweiz sei «das letzte Land, welches das Bargeld abschafft». Er prognostizierte dessen Ende für das Jahr 2050. Aufgrund der rasenden Entwicklung im Zuge der Corona-Krise nahm er diese Einschätzung nun zurück. Ebenfalls mit einem Lachen sagte er inzwischen zum Ende des Bargeldes: «Meine neue Vorhersage ist nicht mehr 2050, sondern 2030 – also nur noch zehn Jahre».

Tatsächlich hat die Corona-Pandemie dem bargeldlosen Bezahlen einen massiven Schub verpasst, wie SRF berichtet. Grossverteiler wie Aldi oder Coop registrierten seither einen Zuwachs beim Einkauf mit Karte oder per Smartphone um etwa zehn Prozent.

Angst vor dem Bargeld

Eine ähnliche Entwicklung nimmt auch der Automatenbetreiber Selecta wahr. Wie das Unternehmen gegenüber «Bluewin» sagte, würden inzwischen bis zu 60 Prozent der Verkäufe an den Automaten kontaktlos beglichen. Vor der Pandemie habe die Zahl dazu bei 44 Prozent gelegen. Die Furcht vor einer Ansteckung über Münzen und Nötli scheint an dieser Entwicklung einen grossen Anteil zu haben.

Dass das bargeldlose Zahlen noch mehr an Bedeutung gewinnt, dürfte jedoch ausser Frage stehen – die Grossverteiler unternehmen hier laut SRF bereits weitere Anstrengungen.

Neue Bezahlsysteme

So habe Coop kürzlich die Zahlungsoption mit der eigenen Supercard-Kreditkarte eingeführt und Aldi während der Pandemie das kontaktlose Bezahlsystem Twint lanciert. Auch die Migros werde noch in diesem Jahr ein neues System prüfen. Hierbei solle es künftig möglich sein, Produkte mit dem eigenen Smartphone zu scannen und direkt zu bezahlen. Somit würde sogar der Gang an die Selbstbedienungskasse hinfällig.

Auch wenn Banknoten während der Corona-Pandemie weniger in den Geschäften zirkulierten, nahm der «Gesamtumlauf» insgesamt trotzdem zu, wie der stellvertretende Direktor der Schweizerischen Nationalbank, Peter Eltschinger, zu SRF sagte. Hierbei handle es sich um ein typisches Krisenphänomen: «Die Leute wollen auf der sicheren Seite sein und legen sich einen Notvorrat an.»

Da die Corona-Krise noch längst nicht ausgestanden ist, und einige Wissenschaftler davon ausgehen, dass man womöglich lernen müsse, mit dem Virus zu leben, könnte das unter Umständen auch ein langes Überleben des Bargelds unter dem heimischen Kopfkissen bedeuten.

Realistischere Berechnungsgrundlage

Ohnehin leben Totgesagte ja länger, wie der Volksmund weiss. So konnte die SNB erst im letzten Jahr von einem «Comeback» des Bargelds berichten, das allerdings einer neuen Berechnungsgrundlage geschuldet war. So wurden bis Ende 2017 im Datensatz der SNB lediglich Bargeldbezüge registriert, die mit inländischen Maestro-Karten an inländischen, aber von Fremdbanken betriebenen Geldautomaten getätigt wurden.

Nicht erfasst wurden hingegen Abhebungen, die Personen mit ihrer Debitkarte am Automaten der eigenen Bank tätigten. Erst seit Anfang 2018 fliessen auch diese in die Statistik ein. Das Bild sollte so bedeutend realistischer werden. Schliesslich dürften die meisten Menschen Geld an Bancomaten von Bank abheben, bei denen sie auch Kunden sind – ganz einfach, um Gebühren zu vermeiden.

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