Das bewirken Dauerregen und Hochwasser auf lange Sicht

Von Maximilian Haase

15.7.2021

Anhaltender Regen und Hochwasser bleiben nicht ohne Folgen: Womit wir rechnen müssen, wenn die Unwetter schon längst abgezogen sind. 

Von Maximilian Haase

15.7.2021

Nach kurzer Atempause befindet sich schon das nächste Unwetter über der Schweiz. Enorme Gewitter mit anhaltendem Niederschlag hatten seit Dienstag an vielen Orten zu Hochwasser geführt – mit teilweise verheerenden Folgen. Städte überfluten, Strassen sind nicht mehr befahrbar, an vielen Seen herrscht Höchstwarnstufe. Eine Entspannung der Lage scheint erst am Wochenende in Sicht.

Doch so schnell die Gewitter abgezogen und die gröbsten Schäden beseitigt sein mögen: Unwetter und Hochwasser ziehen auch mittel- und langfristig Folgen nach sich. Allerdings nicht ausschliesslich negative.



Hochwasser und Erdrutsche

«Die Seen werden voraussichtlich erst am Samstag ihren maximalen Seestand erreichen», heisst es im Naturgefahrenbulletin des Bundes. Zu Überschwemmungen könnte es also auch kommen, sobald die Niederschläge nachgelassen haben.

Ähnliches gilt für Erdrutsche: «Im Westen und im Norden der Schweiz sowie in den Alpen können Rutschungen auftreten, weil die Böden bereits viel Wasser enthalten», schreiben die Autoren des Naturgefahrenbulletins. Das gelte auch für die Folgetage. 

Hochwasserwarnungen werde das Bundesamt für Umwelt (BAFU) «voraussichtlich noch mindestens die nächsten zwei Wochen aussprechen», zitiert «20 Minuten» auch den Hydrologie-Experten David Volken. Es werde lange dauern, «bis sich die Wassermassen in den Seen auf der Alpennordseite wieder abgebaut haben».



Bis Flüsse wie Aare, Reuss und Rhein wieder normale Pegelstände erhielten und das Wasser von Seen der Warnstufe 5 wie der Bieler und Neuenburger See wieder abgelassen ist, könnten Wochen vergehen, wie Volken auch im Gespräch mit «Blick TV» erklärt: Es brauche sehr lange, bis sich das System wieder erhole.  

Landwirtschaft

Betroffen ist insbesondere auch die Landwirtschaft: «Die Böden sind wassergesättigt und teils haben sich kleinere oder grössere Seen auf Kulturland gebildet», teilt das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) auf Anfrage von «blue News» mit. Dies verzögere wegen der geringen Befahrbarkeit der Böden die Pflanzenschutzmassnahmen.

Stehendes Wasser könne über mehrere Tage das Pflanzenwachstum und die Qualität von Ernteprodukten wie Kartoffeln beeinträchtigen. «Sich ausbreitende Pflanzenkrankheiten wirken sich auf die Qualität der Ernteprodukte aus», so BLW-Mediensprecherin Florie Marion.

Da in den kommenden Wochen die Getreideernte anstehe und die Mähdrescher auf die Felder fahren müssen, seien «einige niederschlagsfreie und sonnige Tage vonnöten».

Versorgung

Dass durch die durchnässten Böden auch Engpässe entstehen können, berichtet etwa der Verband Schweizer Gemüseproduzenten (VSGP). Die Böden könnten den Regen nicht mehr aufnehmen. Dies trete landesweit auf und führe zu einem Engpass in der Gemüseversorgung der Schweiz.

In der Schlechtwetterphase können die Gemüsebauern Pflanzen für die zweite Ernte nicht ausbringen oder ansäen; zudem sei das Gemüse schlecht gewachsen, wie der Verband mitteilt. Auch wenn die Gewächshauskulturen am Trockenen sind, fehlt ihnen das Licht. Tomaten, Auberginen und Gurken wachsen langsamer, wodurch die Erntemengen tiefer ausfallen.



Beim Freilandgemüse sind bei einigen Gemüsearten Teil- bis Totalschäden zu verzeichnen. Die Kulturen stehen im Wasser und verfaulen. Die Auswirkungen werden bis im Frühling spürbar sein, schreiben die Gemüseproduzenten. Das Wetter erschwert die Produktion von Lagergemüse. Rüebli und Zwiebeln verzeichnen grosse Ausfälle.

Die grössten Ausfälle gibt es wegen Hagels im Berner Seeland. Aber auch das Waadtland und andere Anbaugebiete sind betroffen. Zu allem Wetterübel kommt die Gefahr durch Unkraut und Schädlinge, weil die Kulturen nicht mit Maschinen befahrbar sind. So ist der Pflanzenschutz eingeschränkt.

Die Schweizer Gemüsebauern können deshalb den Markt teilweise nicht mit einheimischer Ware beliefern. Dadurch steigen die Importe. Das wiederum dürfte gemäss dem Verband Auswirkungen auf den Preis von Schweizer Gemüse haben. Die Richtpreise zwischen Produzenten und Händlern sind demnach bereits angestiegen. Der Detailhandel dürfte das auf die Kunden überwälzen.

Flora und Fauna

Anders als die Agrarwirtschaft trägt die Natur auf lange Sicht nur kleinere Blessuren davon: «Wir Menschen finden Naturereignisse wie diejenigen der letzten Wochen oft als extrem oder schlimm. Flora und Fauna können damit umgehen», sagt Dr. Reinhard Lässig von der Eidg. Forschungsanstalt WSL zu «blue News».

«Falls die eine oder andere Tier- oder Pflanzenart von einem Naturereignis wie Hochwasser oder Starkregen lokal stark betroffen wäre», so Lässig, werde sie «den Verlust mittel- bis langfristig ausgleichen». In Ökosystemen gebe es «immer wieder Schwankungen innerhalb einzelner Populationen, das ist normal».

So manche Population könnte sich freuen – und dem Menschen dabei das Leben etwas schwerer machen. Nach dem Regen könnten sich die Larven von Stechmücken nämlich besonders gut entwickeln, gerade in der Kombination mit schwülen Temperaturen: «Es ist durchaus wahrscheinlich, dass in der nächsten Zeit noch eine Mückenplage kommt», sagt etwa Meteorologe Klaus Marquardt von Meteonews zu «20 Minuten».

Grundwasser

Bleibt die Frage, ob Unwetter und Hochwasser denn nicht auch positive langfristige Folgen haben. In den Sinn kommt sofort das Grundwasser. Nach mehreren relativ trockenen Sommern sei der Grundwasserspiegel an vielen Orten der Schweiz «unterdurchschnittlich» gewesen, bestätigt Reinhard Lässig. Jedoch seien die Grundwasserspiegel seit dem schnee- und regenreichen Winter und Frühjahr 2021 «schon einigermassen aufgefüllt» gewesen.

Könnten die derzeitigen Wassermengen trotzdem helfen? «Kleinere Defizite wurden vermutlich durch die intensiven Niederschläge der letzten Wochen ausgeglichen», so Lässig. Andererseits: «Extrem starke Regenfälle wie in den vergangenen Wochen fliessen in geneigtem Gelände aber zum grossen Teil oberflächlich ab und gelangen in die Bäche, Flüsse und Seen.» Dieser Abfluss wirke sich auf das Grundwasser kaum aus.

«Die Bodenwasservorräte sind wieder aufgefüllt», teilt auch das BLW «blue News» mit. Nun würden «die Betriebe vom Tal- über das Berg- bis zum Sömmerungsgebiet durchschnittliche Temperaturen und deutlich weniger Niederschläge bis zum Vegetationsende begrüssen».

Mit Material von SDA