Absenzenflut in Schulen? – «Das BAG muss eine Lösung finden»

Julia Käser

13.9.2020 - 21:45

Der Schulalltag ist auch nach dem Lockdown komplexer als zuvor. 
Bild: Keystone

Fühlt man sich erkältet, soll man laut BAG zu Hause bleiben – das gilt auch für die Jüngsten. Ob diese Massnahme für Schulkinder sinnvoll ist, wird aber angezweifelt. 

«Personen mit Krankheitssymptomen bleiben zu Hause», lautet die Empfehlung des Bundesamts für Gesundheit (BAG). Das gilt auch für Kinder im Schulalter. Doch gerade jüngere Kinder haben in den kälteren Jahreszeiten immer mal wieder Husten oder eine Schnuddernase. Blieben sie beim schwächsten Erkältungssymptom daheim, hätte das sehr wahrscheinlich eine Absenzenflut zur Folge. 

Davon geht auch der Walliser CVP-Nationalrat Philipp Matthias Bregy aus. Ob diese Massnahme verhältnismässig sei, will er in einer Fragestunde des Parlaments wissen. Würden Kinder bei jedem Schnupfen oder Husten vom Unterricht ausgeschlossen, hätte dies weitreichende Konsequenzen – für die Kinder und die Eltern. 

Dagmar Rösler, Präsidentin des Lehrerverbandes Schweiz (LCH), fordert eine klare Strategie für den Umgang mit Kindern unter zwölf Jahren. Dazu müsse endlich auch die Frage wissenschaftlich geklärt werden, wie ansteckend Kinder in diesem Alter für andere seien. «Solange wir das nicht wirklich wissen, werden wir weiterhin im Trüben fischen», so Rösler. 

«Der Bund muss Antworten finden»

Im Hinblick auf die drohende Absenzenflut sagt die oberste Lehrerin: «Es war ja schon immer so, dass keine kranken Kinder in die Schule geschickt werden sollen. Falls dies trotzdem geschieht, wurden sie auch bis anhin nach Hause geschickt.»

Sicher sei, dass sowohl Eltern als auch Lehrpersonen diesbezüglich sensibilisierter seien als in früheren Jahren. Deshalb müsse davon ausgegangen werden, dass nun vermehrt Kinder oder gar ganze Klassen dem Unterricht fernbleiben. Dazu müssten jetzt Antworten gefunden werden.

«Das BAG muss eine Lösung finden», sagt auch eine Lehrperson aus dem Kanton Bern im Gespräch mit «Bluewin». Noch immer herrsche keine abschliessende Klarheit darüber, wie mit erkälteten Schülerinnen und Schülern umzugehen sei. «Aktuell wird es bei uns so geregelt, dass ein Schulkind mit Symptomen zum Arzt gehen muss und erst bei einem negativen Testergebnis wieder zur Schule kommen darf.»

Mehr Aufwand und wenig Kontinuität für Lehrpersonen

Kinder, die engen Kontakt zu einem erkrankten Schüler gehabt hätten, müssten erst in Quarantäne, wenn der Test positiv sei. Sorgen macht sich die Lehrperson vor allem im Hinblick auf den Winter: «Momentan wird viel gelüftet. Die Fenster und Zimmertüre bleiben offen. Wie handhaben wir das, wenn es kälter wird?»

Die sinkenden Temperaturen würden punkto Pausen zum Problem. Momentan hielten sich die Schülerinnen und Schüler häufig draussen auf. «Was, wenn dann aber plötzlich alle dicht gedrängt im Foyer sitzen? Dann wird es schwierig, alle engen Kontakte eines Erkrankten ausfindig zu machen.»

Kommt hinzu: Schulkinder, die wegen Erkältungssymptomen oder angeordneter Quarantäne fehlten, erhielten häufig individuelle Betreuung. «Alles in allem gibt es für uns Lehrpersonen mehr zu tun und wenig Kontinuität.»

Rückkehr zum Fernunterricht verhindern

Dass die Organisation des Schulalltags noch komplexer wird, bestätigt LCH-Präsidentin Rösler. «Man bereitet den Präsenzunterricht vor und nach. Gleichzeitig hat man noch einige Schülerinnen und Schüler, die zu Hause arbeiten, und muss deshalb besorgt sein, dass die geleistete Arbeit zurückkommt und korrigiert wird.»

Verfrüht Alarm schlagen will Rösler aber nicht. «Im ‹normalen› Ausmass kennen Lehrerinnen und Lehrer dieses Phänomen ja schon.» 

Klar ist: Eine Rückkehr zum Fernunterricht müsse unbedingt verhindert werden. Für Kinder und Eltern würde es nicht einfacher, wenn die Schule wieder zu Hause stattfände. «Über die Auswirkungen des Notfall-Fernunterrichts im Frühling wurde ja schon genug berichtet. Da haben zu viele Kinder darunter gelitten und auch viele Eltern sind an ihre Grenzen gekommen», so die oberste Lehrerin. 

Beim BAG scheint man sich des Problems bewusst zu sein. So heisst es auf Anfrage, man sei mit den Pädiatern dabei, das Ganze zu besprechen – vor allem im Hinblick auf den Herbst und Winter. Neue Empfehlungen für Schulkinder sollen Mitte Oktober veröffentlicht werden. 

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