Er wurde nur 18: Tutanchamuns Grab lockt Tausende nach Zürich

Jennifer Furer

27.7.2020 - 12:35

Seit 2008 haben über 6,5 Millionen Menschen die Tutanchamun-Ausstellung besucht.
zVg

Die Tutanchamun-Ausstellung bricht Rekorde. Im Interview sagt Historiker Wolfgang Wettengel, wo sich die echte Mumie befindet, warum sie nicht ausgestellt wird und woran der 18-jährige Pharao gestorben sein könnte.

Mehr als 6,5 Millionen Menschen besuchten seit 2008 die Ausstellung «Tutanchamun – Sein Grab und die Schätze». Angefangen hat die Erfolgsgeschichte in Zürich. Zwölf Jahre später gastiert sie erneut in der Schweiz. Vom 10. Juli bis 1. November ist das nachgebaute Grab des 18-jährigen Pharaos Tutanchamun in der Halle 622 in Zürich-Oerlikon zu sehen.

Ein Zufall, sagt Wolfgang Wettengel, der wissenschaftliche Leiter der Tutanchamun-Ausstellung. Im Interview mit «Bluewin» erklärt der deutsche Historiker, wieso er das Grab Tutanchamuns vor mehr als zehn Jahren nachbauen liess und warum es nicht möglich ist, das Original zu zeigen.

Herr Wettengel, Sie sind seit 2006 wissenschaftlicher Leiter des Ausstellungsprojektes Tutanchamun. Wie kann man sich so lange mit einem 18-jährigen ägyptischen Pharao beschäftigen?

Das ist eine Lebensaufgabe. Denn immer wieder gibt es neue Theorien und Forschungen. Die Vielfalt und die kulturhistorische Tiefe der Funde aus dem Grab Tutanchamuns sind immens. Die Zeit, in der Tutanchamun gelebt hat, ist äusserst spannend – auch, weil sie voller Widersprüche ist.

Zur Person
zVg

Wolfgang Wettengel studierte Ägyptologie, Ethnologie und Mittelalterliche Geschichte an der Ludwig Maximilians Universität in München. Seit 2006 ist er wissenschaftlicher Leiter des Ausstellungsprojektes Tutanchamun. Er ist verantwortlich für Nachbau der durch den Tourismus gefährdeten Sargkammern des Tutanchamun und des pharaonischen Kunsthandwerkers Sennedjem aus der Zeit Ramses II. 

Inwiefern widersprüchlich?

Die späte 18. Dynastie war eine krisenhafte Zeit. Der Ketzerkönig Echnaton, der Vater von Tutanchamun, hat eine gesellschaftliche Umbruchphase eingeleitet, eine soziale und religiöse Revolution. Er hat traditionelle Gottheiten vom Thron gestossen und eine universelle Gottheit eingeführt: Aton, den Sonnengott. Alle anderen bisherigen Gottheiten sind aus dem ägyptischen Glauben rausgeflogen. Somit haben sich auch die traditionellen Rollen der Priesterschaft und hoher Beamter geändert. Ein ganzes Land stand kopf. Tutanchamun musste nach seiner Thronbesteigung die Wogen wieder glätten.

Hat er das geschafft?

Ja, er hat eine gewisse Stabilität reingebracht, indem er etwa die Verehrung des Gottes Aton beschränkt und die Verhältnisse vor Echnatons Revolution wiederhergestellt hat. Das ist auch gut an der Namensänderung Tutanchamuns nach seiner Thronbesteigung zu sehen. Ursprünglich hörte er auf den Namen Tutanchaton.

Im November 2007 wird die Mumie von Tutanchamun in eine klimatisierte Spezialvitrine umgebettet.   

Tutanchamun wurde nur 18 Jahre alt. Woran ist er gestorben?

Das ist bis heute nicht restlos geklärt. Die Mumie hat mehrere Dinge zum Vorschein gebracht: Zum einen litt Tutanchamun an Malaria. Diese Krankheit ist nicht grundsätzlich tödlich. Die Ägypter waren es gewohnt, mit ihr zu leben. Zum anderen hatte Tutanchamun einen offenen Bruch oberhalb des Knies am linken Bein. Unter diesem hat er wohl sehr gelitten. In der Wissenschaft ist die Meinung verbreitet, dass der Bruch und ein daraus resultierender Infekt die Todesursache waren.

Worauf basieren diese Erkenntnisse?

Die Mumie von Tutanchamun wurde eingehend von der Wissenschaft untersucht – etwa durch DNA-Analysen und CT-Scans.

Wieso ist man sich sicher, dass der Bruch sich zu Lebzeiten Tutanchamuns ereignet hat – und nicht etwa beim Transport oder bei der Bergung der Mumie?

Die Wissenschaft ist sich da ziemlich sicher, weil Balsamierungsflüssigkeit im Bruch selbst gefunden wurde. Zuvor bestand die Theorie, dass der Pharao ermordet worden sein könnte, weil Knochensplitter im Hinterkopf gefunden wurden. Diese Theorie wurde aber verworfen, weil diese Splitterungen mit grosser Sicherheit nach dem Tod Tutanchamuns entstanden sind.

Tutanchamuns Mumie wurde gehüllt in Schreinen und Särgen beerdigt.
zVg

Bei der Bearbeitung der Mumie und beim Interpretieren der Erkenntnisse ist also grosse Vorsicht geboten.

Ja, bei der Beurteilung archäologischer Funde müssen wir immer alle Umstände berücksichtigen. Als man die Mumie untersuchen wollte, klebte diese so fest an der unteren Sargwanne, dass sie beim Herausnehmen in mehrere Teile zerbrochen ist. Bei der Untersuchung der Mumie kam dann zum Vorschein, dass Rippen aufgeschnitten wurden oder zerbrochen waren. Noch heute streitet man sich, ob dies bei der Bergung oder etwa bei einem Grabraub nach der Entdeckung passiert ist.

Umfrage
Waren Sie an der Tutanchamun-Ausstellung?

In der Ausstellung ‹Tutanchamun – Sein Graub und die Schätze› ist vieles nicht im Original. Die Schreine und Särge zum Beispiel sind nachgebaut. Warum?

Wenn wir die Originale für die Ausstellung verwenden, käme es zu massiven Schäden an diesen. Sie müssen sich vorstellen: Die Schreine sind Holzkonstruktionen mit Stuck und vergoldeten Reliefs. All diese Materialien arbeiten. Während der Jahrtausende sind schon diverse Sprünge und Risse entstanden. Gerade auch, als sie im Museum in Kairo standen. Dort gab es keine Klimatisierung. Die Schwankungen der Temperaturen haben dazu geführt, dass Gold- und Stuckbrösel einfach abgefallen sind.

Gibt es noch einen anderen Grund?

Dadurch, dass die Objekte nachgebaut sind, können wir sie mehrfach und in einem anderen Kontext zeigen. Der Besucher sieht sie zunächst so, wie Howard Carter sie in den Kammern vorgefunden hat, und erlebt somit auch den spannenden Moment der Entdeckung. Selbige Objekte sind dann auch einzeln ausgestellt – und somit für die genauere Betrachtung zugänglich.

Wie funktioniert eine Rekonstruktion dieser Objekte?

Als die Idee aufkam, archäologische Fundstücke nachzubauen, habe ich es nicht für möglich gehalten. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Es gibt Ägypter, die in der Lage sind, Kunstobjekte originalgetreu nachzubilden, indem sie zum Teil dieselbe handwerkliche Technik anwenden wie ihre Vorfahren. Das sind Menschen mit einem extrem ausgeprägten visuellen Gedächtnis.

Die Totenmaske Tutanchamuns besteht aus purem Gold und wiegt über 10 Kilogramm.
Anne-Marie von Sarosdy

Wer hat die Nachbauten angefertigt, die nun in Zürich ausgestellt sind?

Ein Künstler und Ägyptologe, der in Ägypten seit vielen Jahren eine eigene Werkstatt betreibt. Das Projekt war sehr aufwendig und er hat wie ein Besessener Tag und Nacht daran gearbeitet. Er hat sich überlegt, welche Materialien sich zum Nachbau eignen. Einige Fundstücke waren aus purem Gold. Diese 1:1 nachzubilden, war allein aus Kostengründen undenkbar. Er hat dann Metall verwendet und es anschliessend galvanisch vergoldet.

Das muss aber auch teuer gewesen sein.

Einige Millionen Franken.

Wo befinden sich die echten Schreine und wo ist die Mumie von Tutanchamun?

An unterschiedlichen Orten. Die Mumie befindet sich im Tal der Könige in der ursprünglichen Grabkammer in einem klimatisierten Glaskasten. Die Schreine sind im Museum in Kairo ausgestellt. Das ist eben auch einzigartig an unserer Ausstellung: Wir haben das Grab und seine Schätze wieder zusammengeführt und sie an einem Ort ausgestellt.

Dieser Streitwagen wurde im Grab von Tutanchamun gefunden.
zVg

Was möchten Sie als Forscher unbedingt noch über Tutanchamun erfahren, das im Moment noch unerforscht ist?

Es gibt viele blinde Flecken. Die Forschung rund um Tutanchamun, sein Leben und die Zeit, in der er gelebt hat, ist noch lange nicht abgeschlossen. Beispielsweise ist unbekannt, wie die Jahre zwischen dem Tod Echnatons und der Machtübernahme durch seinen Sohn Tutanchamun ausgesehen haben. Und auch aus der Zeit nach dem Tode Tutanchamuns liegt noch vieles im Dunkeln.

Zum Beispiel?

In einem Brief schreibt eine ägyptische Königin dem hethitischen Grosskönig Šuppiluliuma I. Es wird vermutet, dass Anchesenamun, die Gemahlin von Tutanchamun, diesen Brief verfasst hat. Die Verfasserin bittet, einen hethitischen Prinzen nach Ägypten zu schicken, der den Thron besteigen soll. Tutanchamun hatte keine Kinder – und damit keinen königlichen Nachfolger.

Was soll dann geschehen sein?

Ein hethitischer Prinz soll nach Ägypten aufgebrochen sein. Doch dort kam er nie an. Warum, ist – wie so vieles bei der Geschichte – unklar. Šuppiluliuma I. vermutete einen Mord durch die Ägypter. Schliesslich wurde auch einer von ihnen Pharao: Eje.

Ist es nicht frustrierend, sich ständig mit Vergangenem auseinanderzusetzen?

Für mich bietet die ägyptische Archäologie so viele spannende Aspekte und interessante Geschichten, mit denen ich mich auch künftig auseinandersetzen, sie beleuchten und erforschen möchte.

Diese wären?

Etwa auch die Ausgrabungsgeschichte der Mumie Tutanchamuns und die Biografie des Ausgräbers Howard Carter. Dieser war eigentlich ein Künstler und reiste 1891 mit 17 Jahren alleine nach Ägypten mit dem Ziel, archäologischer Zeichner zu werden. Er hat sich zum Chefinspektor von Oberägypten hinaufgearbeitet. Dann aber wurde er nach Kairo versetzt, wo er Chefinspektor Unterägyptens wurde. Dort hat er sich mit einer französischen Touristengruppe angelegt.

Im Grab von Tutanchamun lag ein Kanopenschrein. Darin befand sich ein Kanopenkasten mit den vier Kanopen und den Eingeweidesärgen des Königs.
zVg

Was geschah dann?

Sein Chef forderte, dass Carter sich entschuldigt. Dieser sah den Fehler nicht bei sich und widersetzte sich. Carter warf seinen Job hin. 1905 stand er wieder ganz am Anfang. Zwei Jahre später lernte er den wohlhabenden englischen Lord Carnarvon kennen, der sein Ausgrabungsprojekt finanzierte. Carter setzte sich ab 1917 zum Ziel, das Grab des verschollenen Pharaos Tutanchamun zu finden. Fünf Jahre dauerte es, bis es entdeckt wurde.

Hinter der Mumie Tutanchamuns stecken also sehr viel Geschichte und interessante gesellschaftliche Zusammenhänge. Trotzdem: Ist es nicht deprimierend, sich mit dem Tod eines 18-jährigen Jungen zu beschäftigen?

Die Frage nach dem menschlichen Schicksal stellt sich jedem. Es ist die Frage, wie man damit umgeht. Auch die Ägypter beschäftigten sich mit dem Tod. Sie glaubten, dass es ein Leben danach gibt. Ägypter haben sehr gerne gelebt – und sie wollten den individuellen Beitrag, den sie während des Lebens geleistet haben, mit ins Totenreich nehmen.

Glauben Sie persönlich an ein Leben nach dem Tod?

Es ist klar, dass es auch abfärbt, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Dennoch bin ich – wie übrigens viele Ägypter damals – skeptisch. Auch sie meinten schon, dass es keine Zeugen für ein Leben nach dem Tod gebe. Es sei schliesslich noch niemand zurückgekehrt.

Hätten Sie gerne in der Vergangenheit gelebt?

In gewisser Weise ja – im Endeffekt aber doch nicht. Das hat vor allem mit der heutigen Medizin zu tun. Selbst grosse Pharaonen sind aufgrund banaler Dinge gestorben, etwa wegen Zahnproblemen. Kam es dabei zu einem schmerzhaften Kieferdurchbruch, konnte man sterben. So etwas bleibt uns heute erspart.

Am liebsten würden Sie also über eine Zeitmaschine verfügen, um hin und her zu switchen?

Lacht. Das wäre natürlich optimal.

Wolfgang Wettengel: «Als die Idee aufkam, archäologische Fundstücke nachzubauen, habe ich es nicht für möglich gehalten.»
zVg

Die Ägypter glaubten, dass die Seele in den Körper zurückkehren kann. Dafür musste dieser aber intakt sein. Das ist ja bei Tutanchamun nicht mehr der Fall. Auch die Forschung hat ihren Beitrag dazu geleistet. Fehlt der Respekt vor solchen archäologischen Schätzen?

In der Archäologie ist diese Frage präsent und es ist wichtig, sich diese zu stellen. Archäologen sind natürlich am Erkenntnisgewinn interessiert und wollen möglichst tiefe Einblicke in die Strukturen und Ereignisse der Vergangenheit bieten, aus denen man auch heute noch lernen kann. Dann ist es leider eine Tatsache, dass es Grabräuberei gibt – und zwar seit der Antike. Durch ihre Arbeit sichern und beschützen Wissenschaftler wichtige Funde.

In der Ausstellung ist es möglich, einen Blick in die Schreine aus Tutanchamuns Grab zu werfen.
zVg

Tutanchamun fasziniert rund um den Globus. Die Ausstellung über ihn besuchten bereits 6,5 Millionen Besucher seit 2008 weltweit. Warum ist die Ausstellung so erfolgreich?

Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen interessiert das Thema Ägypten. Kaum eine Ausstellung, die sich diesem Thema widmet, stösst nicht auf Interesse. Auch der Kult um Tutanchamun ist riesig und die Geschichten, die hinter seinem Leben stecken, faszinieren die Menschen. Zudem ist die Ausstellung einmalig – und sie lässt die ägyptische Archäologie leben wie nie zuvor.

Begonnen hat die Ausstellung 2008 in Zürich. Wie ist daraus eine internationale Erfolgsgeschichte geworden?

Geholfen hat die positive Resonanz der Besucherinnen und Besucher, aber eben auch jene von Fachleuten. Die ‹Neue Zürcher Zeitung› hat damals beispielsweise den Ägyptologen und Rektor der Universität Basel in die Ausstellung geschickt und ihn gefragt, wie er sie findet. Dieser war begeistert über die neue Art, archäologische Funde in ihrem Kontext zu präsentieren und ihre Geschichte rundherum zu erzählen.

Vieles läuft heutzutage in unserer Gesellschaft digital ab. Die Aufmerksamkeit ist begrenzt. Inwiefern muss eine Ausstellung auf diese Entwicklung reagieren und wie bleibt eine Ausstellung attraktiv?

Wir arbeiten immer wieder an neuen Ausstellungs- und Erzählformen. Filme sowie neue und mehrsprachige Audioguides: Das sind alles Elemente, die wir aktualisieren und optimieren. Zudem gibt es immer wieder neue Erkenntnisse oder auch mal Theorien, die wieder verworfen werden. Auch das halten wir fest.

Die Ausstellung findet in einem geschlossenen Raum statt. Wie ist das in Zeiten der Coronakrise machbar?

Es zwingt uns, auf die Bremse zu treten, wir können nicht derart Gas geben, wie wir es eigentlich möchten. Wir müssen schauen, dass sich keine Gruppen bilden und die Ausstellung sich verteilt. Diese Herausforderung ist aber zu bewältigen.

So fand Howard Carter 1922 eine Kammer von Tutanchamuns Grab vor.
zVg

Wo ist die nächste Station der Ausstellung?

Bis am 1. November ist sie noch in Zürich, dann im nächsten Jahr in Mannheim. Eigentlich hätte die Ausstellung ja schon Ende Mai in Mannheim sein sollen.

Wieso ist dies nicht passiert?

Sie musste coronabedingt abgesagt werden. Daraufhin sind Veranstalter aus Zürich auf uns zugekommen und haben uns gefragt, ob die Ausstellung nicht stattdessen in Zürich stattfinden könne. Damit schliesst sich in gewisser Hinsicht ein Kreis: Vor 12 Jahren begann das Projekt in Zürich und nun sind wir wieder hier.

Ist eigentlich geplant, die Ausstellung nach Ägypten zu bringen?

Daran wurde schon gedacht, ja. Im Moment ist es aber kein Thema. Unter anderem wegen der angespannten Lage in Ägypten. Sollte die Ausstellung aber einmal zu einem Ende kommen, werden wir sicher in Betracht ziehen, sie in Ägypten abzuschliessen.

Zurück zur Startseite