Juso-Chefin im Interview Debakel am Sonntag? So verteidigt sich Mirjam Hostetmann

Petar Marjanović, Bern

24.11.2025

Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann gibt sich trotz schlechter Umfragen für die Erbschaftssteuer noch nicht geschlagen. (Archivbild)
Juso-Präsidentin Mirjam Hostetmann gibt sich trotz schlechter Umfragen für die Erbschaftssteuer noch nicht geschlagen. (Archivbild)
Bild: Keystone/Philipp Schmidli

Die Juso steht bei der Erbschaftssteuer-Initiative kurz vor einer historischen Niederlage. Die Chefin der Jungsozialisten stellt sich den Fragen von blue News.

Petar Marjanović, Bern

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Laut Umfragen droht am nächsten Sonntag der Erbschaftssteuer-Initiative der Juso eine Niederlage. 
  • Die Präsidentin der Jungpartei sieht keine Fehler in der Kampagne, sondern in der finanziellen Macht der Gegnerschaft.
  • Sie hofft in der Schlussmobilisierung auch auf FDP-Mitglieder, weil der Freisinn früher die Erbschaftssteuer befürwortet hatte.

Mirjam Hostetmann, die Erbschaftssteuer-Initiative steuert auf eine deutliche Niederlage zu. Haben Sie und die Juso die Kampagne schlicht vergeigt?
Wir werden unsere Kampagne erst nach dem Urnengang analysieren. Bis dahin kämpfen wir jeden Tag für ein Ja – damit jene zahlen, die die Klimakrise massgeblich mitverursachen. Die Realität ist: Das Nein-Lager dominiert seit über einem Jahr mit einem Budget, das zehnmal grösser ist als unseres. Mit vollen Kassen kann man die Debatte bestimmen. Dass sich dieses Machtgefälle auf die öffentliche Meinung auswirkt, sollte niemanden überraschen.

Ihre Gegner behandeln die Initiative, als wollten Sie das Land fundamental auf den Kopf stellen. Warum löst Ihr Vorschlag derart grosse Panik aus?
Weil sie um ihre Privilegien fürchten. Sie verstecken ihre Interessen hinter Floskeln über «Familienunternehmen», meinen aber Steuerprivilegien für die Erben von Riesenkonzernen. In Wahrheit verteidigen sie ein System, in dem ein paar Wenige ein riesiges Vermögen besitzen und der Staat für sie zum Selbstbedienungsladen wird. Sie wollen zurück zu einer Ordnung, in der Vetternwirtschaft für sie normal ist. Und der Rest soll schweigen.

Das ist ein massiver Vorwurf. Übertreiben Sie da nicht?
Er ist durch Zahlen gedeckt. Die Vermögenskonzentration hat historische Ausmasse erreicht – auch weil in vielen Kantonen die Erbschaftssteuer abgeschafft wurde. Das reichste Prozent besitzt 45 Prozent des Vermögens. Ihre Vermögen sind explodiert: Die Reichsten kommen heute zusammen auf 833,5 Milliarden Franken – mehr, als die ganze Schweiz in einem Jahr erarbeitet. Das ist kein Verdienst Einzelner, sondern das Resultat politischer Entscheide zugunsten der Reichsten.

Aber ein Teil dieses Vermögens ist doch erarbeitet. Wer viel leistet, darf doch auch viel behalten?
(lacht) Kleine Teile davon – natürlich. Aber die entscheidenden Sprünge entstanden durch politische Privilegien: Die Vermögenssteuern für die Reichsten wurden gesenkt, Unternehmenssteuern reduziert, Erbschaftssteuern abgebaut. Diese Politik hat Vermögen konzentriert und nicht die erarbeitete Leistung belohnt. Die Steuerpolitik der letzten Jahre war eine Wohlstandsmaschine für die Reichsten im Land.

«Diese Politik hat Vermögen konzentriert und nicht die erarbeitete Leistung belohnt.»

Die 24-jährige Mirjam Hostetmann ist die neue Juso-Präsidentin. (Archivbild)

Mirjam Hostetmann

Juso-Chefin

Sie reden ständig über Ungleichheit, wollen das Geld aber für den Klimaschutz. Haben die Leute diesen Zusammenhang überhaupt verstanden?
Unsere Initiative verbindet die beiden grössten Krisen unserer Zeit: die Klimakrise und die Demokratiekrise, beide verursacht durch die enorme Vermögenskonzentration. Diese Themen lassen sich nicht trennen. Die Gegner reden über alles Mögliche, aber nie über Bergstürze, Hochwasser, Hitzewellen und die explodierenden Kosten. Das Nein zum CO₂-Gesetz hat gezeigt: Die breite Bevölkerung will nicht, dass sie allein die Klimakosten tragen muss. Genau deshalb sagen wir: Wer am meisten profitiert und am stärksten zur Krise beiträgt, muss am meisten zahlen. Die Nein-Kampagne will diese Verantwortung verhindern.

Eine Studie zeigt eine massive mediale Schlagseite gegen euch. Selbst die SVP-Begrenzungsinitiative 2020 erhielt wohlwollendere Berichterstattung.
Die Gegenseite fährt seit einem Jahr eine Millionenkampagne. Statt einer sachlichen Diskussion über Klima, Gerechtigkeit und Finanzierung gab es Schlagzeilen, die den Lügen der Nein-Kampagne dienten. Das hat die Vormachtstellung der Reichsten und ihrer Unternehmen auch in der politischen Debatte aufgezeigt. Gleichzeitig wurde kaum berichtet, wie massiv sich die Reichsten im Land bereichern konnten. Dass sich das auf die Meinungsbildung auswirkt, ist offensichtlich.

Die Grünen klagen seit Jahren, dass die Medien Klimapolitik ignorieren. Ist das nicht eine Ausrede dafür, dass linke Klimapolitik schlicht nicht zieht?
Wir haben nicht die Ressourcen der Wirtschaftsverbände und der FDP, die von Banken, Versicherungen und Konzernen gesponsert werden. Wir führen Kampagnen ohne Millionenbudgets. Wir arbeiten unter völlig anderen Bedingungen. Aber die Dringlichkeit unserer Inhalte bleibt bestehen – wir liefern Antworten auf die Krisen dieser Zeit. Unsere Gegner geben Millionen aus, um zu vertuschen, dass sie keine Lösungen haben, weil sie das Problem sind.

Zohran Mamdani hat gezeigt, dass linke Politik auch ohne Millionen Erfolg haben kann. Warum gelingt euch das nicht?
Ich würde sein Kampagnenbudget nicht unterschätzen. Und: Die USA sind nicht die Schweiz. Aber ja, er hat gezeigt, dass eine hoffnungsvolle, klare Vision überzeugt. Er hat konkrete Probleme angesprochen und sich nicht durch künstliche Nebenschauplätze ablenken lassen.

Braucht die Linke also dringend professionelleres Medientraining?
Alle, die politisch Verantwortung übernehmen wollen, müssen überlegen, wie sie ihre Inhalte klar kommunizieren. Bei der Mamdani-Kampagne ging es jedoch nicht nur um Inhalte, sondern auch um ein Gemeinschaftsgefühl.

Wenn die Schweiz am Sonntag Nein sagt – ist die Erbschaftssteuer dann politisch tot, wie es das Nein-Lager gern hätte?
Ganz sicher nicht. Die Schweiz braucht in den kommenden Jahren Milliarden für Klimaschutz, Infrastruktur, Bildung und soziale Sicherheit. Wenn wir dieses Geld nicht bei den reichsten Klimaverschmutzern holen, zahlen die Mittelschicht und die unteren Einkommen. Das werden wir nicht zulassen. Und wir werden jene Parteien und Expertinnen an ihre Aussagen erinnern, die im Abstimmungskampf behauptet haben, sie seien nicht grundsätzlich gegen eine Erbschaftssteuer.

Eidgenössische Abstimmungen

Auf der Abstimmungsseite von blue News findest du alle wichtigen Informationen zu den eidgenössischen Abstimmungen: Initiativen und Referenden verständlich erklärt, umfassende Hintergrund-Storys sowie Zusammenfassung und Einordnung der Resultate.

Die Resultate der städtischen Abstimmungen erfreuen das Grüne Bündnis Bern. (Symbolbild)
sda

Also keine Alternativen zur Erbschaftssteuer?
Natürlich setzen wir uns grundsätzlich für eine gerechte Verteilung von Vermögen ein, dafür gibt es verschiedene Mittel. Die Erbschaftssteuer ist eines der gerechtesten Finanzierungsinstrumente, die wir haben. Sie verhindert extreme Vermögenskonzentration. Das war bis vor wenigen Jahren sogar der FDP bewusst. Der Freisinn hat früher die Erbschaftssteuer befürwortet und argumentierte: «Leistung muss sich lohnen.» Heute bedeutet das offenbar, dass sich die Kinder der Reichsten auf unversteuertem Vermögen ausruhen dürfen.

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