«Man wagt kaum noch zu zeichnen» Wie die Angst die Meinungsfreiheit frisst

Valérie Passello

3.12.2025

Patrick Chappatte ist Karikaturist und lebt in Genf. 
Patrick Chappatte ist Karikaturist und lebt in Genf. 
blue News

Der politische Karikaturist Patrick Chappatte veröffentlicht gemeinsam mit seiner US-Kollegin Ann Telnaes das Buch «Censure en Amérique». Das Werk ist als Dialog zwischen den beiden Künstlern angelegt – und versteht sich als Warnruf vor der schleichenden Aushöhlung der Meinungsfreiheit unter Präsident Trump.

Valérie Passello

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Politische Karikaturisten in den USA geraten zunehmend unter Druck, weil Medien aus Angst vor Repressionen Zeichnungen nicht mehr veröffentlichen.
  • Unter Präsident Trump hat sich ein Klima der Einschüchterung und Selbstzensur in Redaktionen und Universitäten ausgebreitet.
  • Das neue Buch «Censure en Amérique» zeigt, wie die Meinungsfreiheit erodiert und warum Satire zum Gradmesser der Demokratie wird.

Ein Karikaturist, das ist ja eher jemand, der für sich im stillen Kämmerlein arbeitet. Jetzt legen Sie ein Buch zu zweit vor. Wie kam es zu dieser Begegnung?

Patrick Chappatte: Ann Telnaes ist eine der ganz Grossen der amerikanischen politischen Karikatur. Ich freue mich sehr, sie mit diesem Buch dem französischsprachigen Publikum näherzubringen. Es stimmt: Wir sitzen normalerweise jeder in unserer Ecke – sie in den USA, ich in Europa, in Genf. Das gehört zum Beruf, der ziemlich einsam ist. Aber wir kennen uns seit Langem.

«Mit ihrem Rücktritt hat Ann Telnaes ein Zeichen gesetzt.»

Patrick Chappatte

Karikaturist

Sie war eine Zeit lang Präsidentin der Vereinigung der amerikanischen Karikaturisten. Sie hat mich damals in den Vorstand geholt. Wir teilen die gleiche Sorge: Wir wollen nicht nur unseren Beruf verteidigen, sondern weiter gefasst die Freiheit der Meinungsäusserung.

In Genf gibt es unsere Stiftung «Freedom Cartoonists», deren Präsident ich bin. Sie verfolgt genau diese Mission. Ann Telnaes sitzt dort ebenfalls im Vorstand. Wir stehen also schon lange in engem Kontakt.

Skizze der Zeichnung, die die «Washington Post» ablehnte und die Ann Telnaes zum Rücktritt bewog.
Skizze der Zeichnung, die die «Washington Post» ablehnte und die Ann Telnaes zum Rücktritt bewog.
Zeichnung von Ann Telnaes, aus dem Buch «Censure en Amérique», erschienen im Verlag Les Arènes.

Im Januar 2025 kam es zu einem Schlüsselmoment: Ann Telnaes trat nach 17 Jahren bei der «Washington Post» zurück – wegen einer verworfenen Zeichnung.

Ja, das war ein sehr einschneidendes Ereignis. Sie ist wegen der Skizze einer Zeichnung zurückgetreten, die nicht veröffentlicht werden durfte. Das war ein starkes Signal.

Wir haben sie unterstützt und nach Genf eingeladen. Aber sie wollte mit diesem Schritt vor allem eines sagen: Bei der «Washington Post» kann man nicht mehr frei zeichnen. Im Juni 2025 kam sie nach Genf, und dort begann das Gespräch, das wir im Buch fortsetzen.

Worum ging es in dieser Zeichnung? Natürlich um Donald Trump…

Es ging um Donald Trump und Jeff Bezos, und um die Verbindung zwischen den beiden. Man sieht die Tech-Magnaten Mark Zuckerberg, Sam Altman, den Eigentümer der «Los Angeles Times» und Jeff Bezos, wie er einem übergrossen Trump – erkennbar an seinem Bauch und der herunterhängenden Krawatte – Geldbündel überreicht. Jeff Bezos ist ja nicht nur der übermächtige Milliardär, den man kennt, sondern auch der Besitzer der «Washington Post».

«Wir reden hier nicht von irgendeiner Zeitung: Es ist die ‹Washington Post›, die den Watergate-Skandal aufgedeckt hat.»

Patrick Chappatte

Karikaturist

In der Redaktion dachte man offenbar: «Oh je, wir greifen unseren eigenen Verleger an.» Man bekam es mit der Angst zu tun und liess die Zeichnung vorsorglich in der Schublade. Man fürchtete die Reaktion von Jeff Bezos. In einem Amerika, das wirklich funktioniert, wäre diese Zeichnung erschienen. Der Eigentümer – Bezos oder irgendein anderer – hätte sie vielleicht gehasst, aber er hätte nicht eingegriffen. Und selbst wenn: Es ist genau die Aufgabe der Presse, die Mächtigen zu kritisieren.

Karikatur von Patrick Chappatte zum selben Thema.
Karikatur von Patrick Chappatte zum selben Thema.
Patrick Chappatte, extrait du livre «Censure en Amérique», paru aux éditions Arènes.

Hinzu kommt: Die Zeichnung stellte schlicht die Wirklichkeit dar. In jener Zeit hatten sich die Tech-Milliardäre bei Trumps Amtseinführung reihenweise hinter ihn gestellt und Millionen gespendet. Ann Telnaes hat das praktisch nur beschrieben.

Dass die Redaktion solche Angst hatte, nennt sie «obeying in advance» – vorauseilenden Gehorsam. Und wir reden, ich sage es nochmals, von der «Washington Post»: jener Zeitung, die Watergate ans Licht gebracht hat, die traditionell den Mächtigen die Wahrheit sagt und recherchiert. Dieses historische Selbstverständnis wurde mit Füssen getreten. Und Ann Telnaes hat dafür den Job ihres Lebens aufgegeben – das war alles andere als eine leichte Entscheidung.

Diese Form von vorweggenommener Zensur knüpft an Ihren eigenen Fall bei der «New York Times» an. Dort wurden Sie entlassen – wegen einer Zeichnung, die gar nicht von Ihnen stammte.

Genau. Und in unserem Dialog spiegeln sich diese beiden Geschichten. Die «New York Times» beschliesst 2019, auf alle politischen Karikaturen zu verzichten. Ich bin zu dieser Zeit ihr Hauskarikaturist.

«Diesmal haben wir es mit einer Macht zu tun, die entschlossen ist, einzuschüchtern und ihren Willen durchzusetzen.»

Patrick Chappatte

Karikaturist

Dann erscheint eine Karikatur, die aus der portugiesischen Presse übernommen wurde – über Netanyahu und Trump. Sie löst einen Skandal aus, wird als antisemitisch verurteilt. Ich war ironischerweise gerade in New York, um einen Preis im Namen der «New York Times» entgegenzunehmen, als diese Zeichnung erschien. Vor dem Gebäude kam es zu Protesten.

Die Zeitung gerät in Panik und kommt am Ende zum Schluss: Der beste Weg, mit politischen Karikaturen umzugehen, ist, gar keine zu haben – um keine Kontroversen mehr managen zu müssen. Also streicht sie das Format und meinen Vertrag gleich mit. Das war 2019.

Patrick Chappatte, extrait du livre «Censure en Amérique», paru aux éditions Arènes.

Sie sprechen von der Verteidigung der Meinungsfreiheit. Wie ist es derzeit um sie bestellt – in den USA und weltweit?

Wir haben über die «New York Times» im Jahr 2019 gesprochen. Sechs Jahre später, 2025, erleben wir den Fall der «Washington Post». Heute ist es nochmals etwas anderes. Wir haben es mit einer Regierung zu tun – mit Trump –, die sehr entschlossen ist, einzuschüchtern und ihren Willen durchzusetzen.

Wir sehen eine amerikanische Medienlandschaft, in der sich viele Redaktionen anpassen, eine Wirtschaft, die sich komplett hinter die Macht stellt, ein Klima der Selbstzensur – und offene Zensur innerhalb von Medienkonzernen unter direktem politischen Druck. So etwas kennen wir sonst aus Ländern, die nicht besonders demokratisch sind.

«Die politische Karikatur ist ein Gradmesser für den Zustand der Demokratie.»

Patrick Chappatte

Karikaturist

Wenn man sich die Situation in den USA anschaut, ist das für ein Land, das sich gern als Land der Freiheit sieht, höchst beunruhigend. Und wenn wir über den Rest der Welt sprechen wollten – dafür bräuchten wir mindestens eine Stunde. Aber wir wissen: Die politische Karikatur, die Satire im Allgemeinen, ist ein Gradmesser für den Zustand einer Demokratie. Wenn Sie wissen wollen, wie es einer Demokratie geht, schauen Sie sich an, wie es ihren Karikaturistinnen und Karikaturisten geht.

«Ich bin nicht schuld»
«Ich bin nicht schuld»
Anne Telnaes, extrait du livre «Censure en Amérique», paru aux éditions Arènes.

Mit meiner Stiftung würdigen wir diese Arbeit: Wir zeichnen Karikaturistinnen und Karikaturisten mit einem internationalen Preis aus, der ihren Mut hervorhebt. Ausgezeichnet wurden etwa Zeichner aus Kenia, aus Hongkong und anderen Ländern. Aber inzwischen könnte unser nächster Preisträger durchaus aus den USA kommen – weil die Freiheit dort unter Beschuss steht.

Ann Telnaes lebt in den USA. Geht sie beim Zeichnen grössere Risiken ein als Sie? Was droht ihr konkret?

Natürlich. Ann Telnaes – so wie Wissenschaftlerinnen, Intellektuelle, Journalistinnen und Journalisten. Ich war vor kurzem dreieinhalb Wochen in den USA, um jene zu treffen, die Widerstand leisten. Daraus ist ein Comic-Reportage im «Temps» entstanden.

Da ist zum Beispiel Terry Moran, ein Journalist von ABC. Er wurde entlassen, nachdem er im Oval Office ein Interview zu Trumps ersten 100 Tagen geführt hatte, das dem Präsidenten missfiel. Später veröffentlichte er einen unglücklichen Tweet – der diente dann als Vorwand, um ihn loszuwerden. Diese Leute riskieren ihre berufliche Existenz.

Ann Telnaes hat ihre eigene Karriere mit ihrem Rücktritt bereits aufs Spiel gesetzt – oder besser gesagt: hinter sich gelassen. Und es kann noch weitergehen. Wir befinden uns nicht einmal am Ende von Trumps erstem Amtsjahr.

Die 100 ersten Tage von Trump.
Die 100 ersten Tage von Trump.
Patrick Chappatte, extrait du livre «Censure en Amérique», paru aux éditions Arènes.

Nach der Ermordung von Charlie Kirk hat man gesehen – sogar bei der Generalstaatsanwältin –, dass der Wille da ist, gegen Oppositionelle vorzugehen. Sie kündigte an, man werde sich diejenigen vorknöpfen, die «Hate Speech» verbreiten – Hassrede im Land. Das betrifft die Meinungsfreiheit und den First Amendment, der in den USA weiter reicht als die Meinungsfreiheit in vielen unserer eigenen Demokratien. Das ist schlicht erschreckend.

«Das ist schlicht erschreckend.»

Patrick Chappatte

Karikaturist

Wir sehen, dass gegen John Bolton, einen ehemaligen Berater Trumps, ermittelt wird. Gegen Personen aus dem Umfeld von Biden ebenfalls. Es kann alles passieren. Ann Telnaes ist sehr präsent, sie hält viele Vorträge. Nach ihrem Rücktritt von der «Washington Post» hat sie zum zweiten Mal den Pulitzer-Preis bekommen. Sie reist in die USA hinein und hinaus. Sollte die Schraube weiter angezogen werden, kann sie vieles riskieren. Aber sie zeichnet weiter – sie hat eine neue Plattform gefunden.

Im Buch sprechen Sie nur wenig von Mutlosigkeit. Gibt es die bei Ihnen – und wie überwindet man sie?

Ann Telnaes ist sehr viel stärker betroffen als ich. Sie steht jeden Morgen in einem Land auf, das sich verändert – und zwar drastisch. Die Institutionen stehen unter Dauerbeschuss.

Patrick Chappatte, extrait du livre «Censure en Amérique», paru aux éditions Arènes

In den USA herrscht Angst. Das ist etwas, was man von aussen kaum wahrnimmt. Angst in den Medien, an den Universitäten: Professoren, die ihre Sitzungen nicht mehr aufzeichnen, die heikle Dinge nicht mehr per E-Mail besprechen, sondern sagen: «Lassen Sie uns persönlich treffen.» Wir reden hier von den Vereinigten Staaten! Diese Angst ist spürbar – und sie wirkt deprimierend.

Gleichzeitig haben wir viele junge Menschen getroffen, die Proteste organisieren – «No King’s Day» und andere Aktionen. Junge Leute, knapp über 20, voller Mut. Sie demonstrieren im ganzen Land, sie haben Angst, aber sie bekämpfen sie, indem sie handeln. Das gibt einem Kraft. Diese Menschen, die Amerikanerinnen und Amerikaner, kämpfen jeden Tag. Es ist ein Ringen zwischen Niedergeschlagenheit und dem Gefühl, trotzdem etwas tun zu müssen.

Anne Telnaes, extrait du livre «Censure en Amérique», paru aux éditions Arènes.

Ich habe Ann Telnaes gefragt, ob sie entmutigt ist. Ja, hat sie gesagt – entmutigt, angewidert. Aber zugleich ist Zeichnen die beste Antwort darauf. Zeichnen wirkt befreiend – es ist gut für die Seele, für die «Verdauung», wenn man so will. Und es hilft vor allem ihren Leserinnen und Lesern. Es ist enorm wichtig, dass sie weitermacht. In ihren Zeichnungen dokumentiert sie die Entgleisung der Macht in den USA. Das ist ein einzigartiges Zeugnis – im Grunde ein Stück Zeitgeschichte.