Unfallstatistik auf Schweizer StrassenWas Männer so viel öfter in Gefahr bringt als Frauen
Jenny Keller
19.11.2025
Geschwindigkeit, Stress oder Routine – die Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigen sich im Alltag auf der Strasse. (Symbolbild)
Bild:Keystone
Männer verunfallen auf Schweizer Strassen häufiger und schwerer, Frauen dafür in bestimmten Alltagssituationen. Wer die Statistik nach Geschlechtern aufbricht, sieht, wie Rollenbilder, Mobilität und Risikoverhalten den Strassenverkehr prägen.
2024 starben auf Schweizer Strassen 250 Menschen. 188 Männer und 62 Frauen. Die Zahl der Schwerverletzten steigt seit Jahren.
Junge Männer zwischen 18- bis 24 verunfallen rund zweieinhalbmal so häufig schwer wie gleichaltrige Frauen.
Männer fahren weiter, schneller und häufiger mit Alkohol im Blut. Frauen haben weniger Fahrpraxis und verunfallen eher innerorts und im Stress des Morgenverkehrs.
Die häufigste schwere Unfallursache bei beiden Geschlechtern ist die Missachtung des Vortrittsrechts.
Führerausweisentzüge, Strafurteile und Versicherungsprämien zeigen: Männer haben das höhere Risikoprofil.
Gemäss der neuesten Strassenverkehrsunfall-Statistik des Bundesamts für Strassen (Astra) kam es 2024 zu 17’432 Unfällen mit Personenschaden. 250 Menschen starben, 3792 wurden schwer, 16’721 leicht verletzt.
Die Zahl der Getöteten stagniert damit seit einigen Jahren auf hohem Niveau, während die Schwerverletzten über die letzten Jahre eher zunehmen. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) spricht im Sicherheitsbarometer 2024 von einer «ungünstigen Entwicklung».
Wer die Zahlen nach Geschlechtern aufschlüsselt, erkennt sofort eine deutliche Schieflage: 188 der im Jahr 2024 Getöteten waren Männer, 62 Frauen. Diese Differenz zieht sich durch alle Altersgruppen – besonders ausgeprägt ist sie bei den jungen Erwachsenen.
Eine aktuelle Auswertung zeigt: 18- bis 24-jährige Männer kommen auf knapp 9,7 schwere Unfälle – Getötete und Schwerverletzte – pro 10’000 Einwohner:innen.
Schwerverletzte im Strassenverkehr, 2024
bfs.admin.ch
Bei den gleichaltrigen Frauen sind es 3,7. Damit verunfallen junge Männer rund zweieinhalbmal so häufig schwer wie gleichaltrige Frauen. Ähnliche Muster finden sich in allen Altersgruppen.
Männer haben mehr Fahrpraxis
Wer viel unterwegs ist, hat aber rein statistisch natürlich auch mehr Gelegenheit zu verunfallen. Unterschiede im Mobilitätsverhalten spielen deshalb eine zentrale Rolle bei der Bewertung von Verkehrssicherheit.
Der Mikrozensus Mobilität und Verkehr 2021 zeigt: Die Schweizer Wohnbevölkerung legt im Schnitt 30 Kilometer pro Tag zurück, gut zwei Drittel davon mit dem Auto. Verschiedene kantonale Auswertungen auf Basis dieser Daten kommen zum Ergebnis, dass Frauen im Schnitt weniger weit unterwegs sind als Männer.
Dass Männer überproportional am Steuer sitzen und Frauen etwas häufiger zu Fuss oder mit dem ÖV unterwegs sind, hängt mit Erwerbsarbeit, Care-Arbeit und Haushaltspflichten zusammen.
Wer Vollzeit arbeitet und pendelt, sitzt öfter im Auto. Wer Kinder zur Schule bringt oder kleine Einkäufe erledigt, ist eher zu Fuss oder mit dem Velo unterwegs. In der Schweiz sind das nach wie vor häufiger Frauen.
Von Personenwagen-Lenkenden verursachte Unfälle, 2024
BFS
Rechnet man die gefahrenen Kilometer ein, verursachen Frauen, die älter als 25 Jahre sind, sogar leicht mehr Unfälle als Männer. Doch die Schwere der Unfälle bleibt ungleich verteilt: Männer haben deutlich häufiger schwere oder tödliche Verletzungen.
Männer müssen häufiger den Führerausweis abgeben
Ein Blick ins Strafrecht gibt weitere Hinweise auf das Fahrverhalten: Laut einer Auswertung der BFU aus dem Jahr 2013, waren 86 Prozent der Verurteilungen nach Strassenverkehrsgesetz Männer und nur 14 Prozent Frauen. Von über 85'000 Führerausweisentzüge gingen knapp 70’000 auf Männer zurück.
Selbst der Versicherungsmarkt reagiert, wenn auch moderat, auf dieses unterschiedliche Risikoprofil. Eine Analyse des Vergleichsdienstes Comparis zeigt, dass Männer im Schnitt etwas höhere Autoversicherungsprämien bezahlen als Frauen. Der Unterschied ist nicht gross, im Mittel liegt der Aufschlag bei rund 1,3 Prozent: Wo das Risiko höher ist, steigen die Kosten leicht mit.
Interessant ist auch die Perspektive der Unfallforschenden. In einer Analyse zum Thema «Geschlecht als Risikofaktor» wird betont, dass Männer häufiger Alkohol trinken und danach fahren. Auch die BFU kam 2024 zum Schluss, dass Männer in der Schweiz häufiger unter Alkoholeinfluss Auto fahren als Frauen, ältere Menschen häufiger als Jüngere.
Selbstüberschätzung mit Unfallfolge
Beim Thema Geschwindigkeit wird der Unterschied noch deutlicher. Laut BFU waren in den Jahren 2019–2023 rund ein Drittel aller schweren Unfälle von 18- bis 24-Jährigen auf nicht angepasste oder überhöhte Geschwindigkeit zurückzuführen.
Bei jungen Männern waren 36 Prozent ihrer schweren Unfälle Geschwindigkeits-bedingt, bei jungen Frauen nur 25 Prozent. Männer fahren also tendenziell risikoreicher, überschätzen sich häufiger, und geraten deshalb öfter in Situationen, in denen Tempo oder Alkohol eine Rolle spielen. Frauen sind im Durchschnitt defensiver unterwegs und meiden gefährliche Lagen eher, was ihre Unfallfolgen milder ausfallen lässt.
So wird aus dem statistischen Unterschied ein verhaltensbezogener: Risikobereitschaft und Selbstüberschätzung sind im Strassenverkehr ungleich verteilt, und sie prägen, wie und wo Unfälle passieren.
Höheres Unfallrisiko für Frauen im Pendlerverkehr
Die Hauptursachen schwerer Unfälle unterscheiden sich je nach Geschlecht deutlich. Bei Fahrerinnen führt am häufigsten die Missachtung des Vortrittsrechts zu schweren Kollisionen. Und zwar rund dreimal so oft wie Unaufmerksamkeit, Geschwindigkeit oder Ablenkung und achtmal so oft wie Alkohol.
Auch bei Männern ist der Vortritt das grösste Problem, doch ihre Ursachenpalette ist breiter gestreut. Die Missachtung des Vortrittsrechts ist dort «nur» doppelt so häufig wie Unaufmerksamkeit, Geschwindigkeit oder Fahren unter Alkoholeinfluss.
Diese Unterschiede sind eng mit Alltagsmustern verbunden. Eine Suva-Studie zeigte schon vor einigen Jahren, dass berufstätige Frauen pro gefahrenen Kilometer vor allem morgens zwischen 7 und 8 Uhr ein höheres Unfallrisiko aufweisen als Männer.
Die Gründe laut Studie: Stress, Mehrfachbelastung durch Job, Kinder und Haushalt, und oft geringere Fahrpraxis. Der Morgenverkehr ist für viele Frauen eine Hochbelastungszone.
Und wer fährt jetzt besser?
Wer nur auf die Gesamtsumme der Unfälle schaut, landet schnell bei «Männer sind gefährlicher». Wer sich aber die Risikoprofile im Tagesverlauf anschaut, sieht auch weibliche Problemmuster.
Die Frage, wer nun die besseren Autofahrenden sind, lässt sich deshalb nicht mit einem einzigen Wert beantworten. Die BFU hat dazu schon 2011 eine klare, leicht ironische Formel geliefert: Frauen seien am Steuer «disziplinierter, aber weniger routiniert» als Männer.
Sie fahren im Schnitt weniger, oft auf kürzeren innerörtlichen Strecken. Männer sind häufiger auf Autobahnen unterwegs, wo das Unfallrisiko am tiefsten ist, dafür mit mehr Tempo, mehr Selbstüberschätzung und höheren Folgeschäden. Männer und Frauen sind also auf Schweizer Strassen unterschiedlich unterwegs, und unterschiedlich gefährdet.