Frauen holen sich erst nach dem Lockdown Hilfe – das könnten die Gründe sein

Jennifer Furer

25.6.2020 - 18:00

In einigen Ländern hat die Corona-Krise zu einem Anstieg von häuslicher Gewalt geführt. Nicht so in der Schweiz. Ist das tatsächlich so?
Keystone

Hat der Lockdown zu einer Zunahme von häuslicher Gewalt geführt? Offizielle Zahlen zeigen klar: nein. Doch in Frauenhäusern zeichnet sich ein anderes Bild.

Ein 55-Jähriger musste sich am Donnerstag in Brig VS vor Gericht verantworten: Er tötete seine Partnerin mit einem Hammer. 15-mal schlug er auf sie ein – vor den Augen der gemeinsamen Tochter. Das Gericht sprach eine 18-jährige Freiheitsstrafe aus.

Eine solche Gewalttat ist kein Einzelfall. Allein diese Woche befindet die Justiz über drei Tötungsdelikte, bei denen ein Mann seine Ehefrau umgebracht hat. 2018 registrierten die Behörden insgesamt 29 Tötungsdelikte im Bereich häusliche Gewalt.

Mangelnde Sozialkontrolle

Als der Bundesrat am 16. März den Lockdown beschlossen hat, schlugen viele Expertinnen und Experten Alarm: Sie befürchteten einen Anstieg von häuslicher Gewalt – wegen der Isolation, der mangelnden Sozialkontrolle und der fehlenden Möglichkeit, sich Hilfe zu holen, wenn der Täter vermehrt in der Nähe des Opfers ist.

Nun sind die Massnahmen zum grössten Teil wieder gelockert und die Frage drängt sich auf: Gab es tatsächlich mehr häusliche Gewalt in der Schweiz?

Im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet die Polizei keine signifikante Erhöhung der Fälle. Laut Hanna Jordi, Sprecherin des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG, blieb die Zahl der Beratungen auch bei den Opferhilfestellen in den Kantonen stabil. «Einzig in den Kantonen der Nordwestschweiz – Basel-Land, Basel-Stadt, Aargau und Solothurn – fanden tendenziell mehr Beratungen statt.»

Auch Kirstin Murpf, Psychologin bei der Beratungsstelle Frauen-Nottelefon, sagt: «Einen solch hohen Anstieg von sichtbarer häuslicher Gewalt, wie man ihn in anderen Ländern wie China, Spanien und Italien während der Lockdown-Zeit feststellen konnte, ist in der Schweiz nicht zu erkennen.» 

Laut ihr könne es sein, dass der Lockdown in der Schweiz, der weniger restriktiv als in anderen Ländern war, einen hohen Anstieg verhindert hat –, «weil es möglich war, der Gewalt aus dem Weg zu gehen oder sich Hilfe zu suchen».

Gemäss der Taskforce des Bundes im Bereich häusliche Gewalt, die während der Corona-Krise einberufen wurde, gibt es einige Erklärungsansätze, wieso ein Anstieg ausgeblieben sein könnte, sagt Hanna Jordi, Sprecherin des Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG.

Es gab keine Zunahme der gemeldeten Fälle häuslicher Gewalt, weil:

  • Es effektiv keine Zunahme der Gewalt gab.
  • Die Möglichkeit, die Wohnung zu verlassen, in der Schweiz immer gegeben war und deeskalierend wirkte.
  • Gewaltausübende Personen die Ursachen für ihre Stresssituationen eher den Pandemie-Massnahmen als der Partnerin beziehungsweise dem Partner zuschrieben.
  • Der Alkoholkonsum aufgrund geschlossener Restaurants und Bars offenbar rückläufig war, wie Zahlen der Getränkebranche nahelegen. Der Einfluss von Alkohol auf gewaltausübende Personen ist mehrfach belegt.
  • Opfer von Gewalt keine Hilfe in Anspruch nahmen.

Auch bei der KESB des Kantons Basel-Stadt lässt sich feststellen, dass während der Corona-Krise nicht mehr Fälle von häuslicher Gewalt als sonst eingegangen sind, wie Präsident und Amtsleiter Patrick Fassbind sagt: «Das gilt für Erwachsene – also Paargewalt – aber auch für Kinder.»

Obwohl die Zahlen für sich sprechen, könnte der Schein trügen, wie ein Blick in die Kantone Zürich und Bern zeigt.

Zunahme nach Lockdown-Lockerung

Susan A. Peter, Geschäftsführerin Stiftung Frauenhaus Zürich und Vorstandsmitglied bei der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz, sagt, dass der Anstieg während der Corona-Krise zwar wider Erwarten ausgeblieben ist. «Dafür nimmt die Anzahl an telefonischen und physischen Kontaktaufnahmen von Opfern häuslicher Gewalt nach der Lockerung des Lockdowns massiv zu.»

Momentan seien schweizweit praktisch alle Frauenhäuser voll (siehe Interview am Ende des Textes). «Das bedeutet aber nicht, dass die Mitarbeiterinnen Frauen abweisen», stellt Peter fest. «Gibt es in den Frauenhäusern keinen Platz mehr, suchen die Mitarbeiterinnen immer nach Alternativen.» Eignen würden sich beispielsweise private Wohnangebote, Unterkünfte, die von Organisationen zur Verfügung gestellt werden oder Hotelzimmer.

Nach dem Ende des Lockdowns verzeichnen die Frauenhäuser wieder eine deutlich steigende Nachfrage.
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Peter vermutet, dass zum einen die Kontrolle der Täter dazu geführt haben könnte, dass sich Frauen erst jetzt Hilfe holen können. «Zudem könnte es sein, dass die Corona-Krise zusätzliche Ängste ausgelöst hat, welche die Frauen dazu bewegt hat, zu Hause zu auszuharren und sich um die Familie zu kümmern – ein unglaubliche Reaktivieren von Kräften sozusagen.» Jetzt, wo die Kontrolle nicht mehr permanent sei, gebe es wieder Raum.

Auch bei der Beratungsstelle Opferhilfe Bern ist eine leichte Fallzunahme nach dem Lockdown feststellbar, wie Brigitte Gschwend Walthert, stv. Stellenleitung, sagt. «Die Betroffenen scheinen auf die Entspannung der Krise gewartet zu haben, um sich bei uns zu melden», sagt Gschwend Walthert.

Task Force bleibt im Einsatz

Auf Nachfrage würden die Betroffenen zum Teil angeben, dass sie auch aus Sicherheitsgründen wegen einer möglichen Ansteckung mit einer Kontaktaufnahme gewartet haben. «Wir befragen sie auch darüber, ob sie Zugang zu einem Telefon hatten und mit der Polizei oder uns hätten Kontakt aufnehmen können», so Gschwend Walthert. Dies würden die Opfer bejahen.

Patrick Fassbind von der KESB des Kantons Basel-Stadt vermutet, dass die Dunkelziffer durch die Coronakrise noch höher ausfällt als sonst. Dies, weil während der Corona-Krise und dem Lockdown weniger Öffentlichkeit als sonst geherrscht habe: Kinder seien etwa nicht zur Schule gegangen, Treffen mit Vertrauenspersonen hätten nicht stattgefunden und es sei zu keinen Arztterminen gekommen. 

Hanna Jordi vom Eidgenössisches Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann EBG sagt, dass eine abschliessende Beurteilung derzeit nicht möglich ist. Um die Entwicklung der häuslichen Gewalt auch in der aktuellen Phase der Pandemie zu beobachten und die Information der Bevölkerung zu gewährleisten, bleibe die Taskforce des Bundes weiterhin bestehen, so Jordi.

Sieben Fragen zur Situation der Frauenhäuser in der Schweiz
Susan A. Peter ist Geschäftsführerin Stiftung Frauenhaus Zürich und Vorstandsmitglied bei der Dachorganisation Frauenhäuser Schweiz und Liechtenstein.
zvg

Frau Peter, wie steht es um Frauenhäuser in der Schweiz?

Bereits vor der Corona-Krise waren diese sehr voll. Dies ist aber eine Situation, die wir kennen, da wir in der Schweiz zu wenig Plätze anbieten können. Dann während der Corona-Schutzmassnahmen war es eine fast gespenstische Ruhe bei den Frauenhäusern und Beratungsstellen. Jetzt nach dem Ende des Lockdowns verzeichnen die Frauenhäuser wieder eine deutlich steigende Nachfrage.

Inwiefern?

Wenn man die EU-Richtlinien anschaut, müsste die Schweiz 800 Plätze in Frauenhäusern anbieten. In der Schweiz stehen zurzeit jedoch nur etwas über 400 zur Verfügung und ich gewissen Kantonen gar keine. Wir wissen also um das Problem.

Wie sieht es finanziell aus?

Frauenhäuser werden zwar vom Kanton unterstützt – alle Frauenhäuser sind dennoch auf viele Spenden angewiesen.

Wieso?

Das Thema häusliche Gewalt wird in der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert und verkannt. Deshalb werden Einrichtungen nach meiner Einschätzung, die sich nur um Opfer häuslicher Gewalt kümmern, noch immer nicht adäquat mitfinanziert. Und das hat auch direkte Folgen für die Frauen und Kinder, die Schutz und Unterstützung brauchen. Es hat sich zwar in den letzten zwei Jahren in gewissen Kantonen gebessert, doch leider noch nicht genügend und nicht in allen Kantonen.

War dies während der Corona-Krise auch so?

Zum Teil. Die Lage gestaltete sich als etwas einfacher, weil in der Bevölkerung eine grosse Solidarität herrschte und viele Angebote von Freiwilligen und gemeinnützigen Organisationen kamen. Im Kanton Zürich wurde den Frauenhäusern zudem ziemlich rasch unbürokratisch Hilfe von behördlicher Seite zugesichert. Und auch das Einberufen einer nationalen Taskforce speziell zum Thema war ein wichtiger Schritt.

Aber?

Es fehlt leider immer wieder auch an personellen Ressourcen. Denn, eine Unterkunft beispielsweise vorübergehend in einer Pension allein reicht nicht aus. Opfer von häuslicher Gewalt brauchen eine fachspezifische Beratung und Begleitung. Um diese und genügend Plätze für Frauen zu gewährleisten, bedarf es einer guten Koordination unter den Frauenhäusern und über die Kantonsgrenzen hinweg. Das klappt zum Glück unter den Mitarbeiterinnen der Frauenhäuser sehr gut. Die haben während der Corona-Krise unglaubliches geleistet.

Welche Unterstützung brauchen Frauenhäuser jetzt?

Auf Kantonsebene ist einiges im Gange gekommen seit der in Krafttretung der «Istanbul-Konvention». Doch auf der Bundesebene müsste einfach mehr passieren, auch Gelder eingesetzt werden dafür bzw. dagegen. Der Bund könnte beispielsweise Präventionskampagne für die ganze Schweiz lancieren,  wie er das in anderen Themenbereich auch macht. Und nach wie vor gibt es leider Kantone, wo es kein Frauenhaus oder sonstige Schutzplätze gibt. Da haben wir den Eindruck, das Thema häusliche Gewalt ist nicht existent.

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