Brandschutz in Crans-Montana«Früher hätte die Feuerpolizei selbst mit Feuerzeug die Brandgefahr getestet»
Petar Marjanović
5.1.2026
Inferno a Crans-Montana: in un video si vede come il soffitto prende fuoco
Inferno a Crans-Montana: in un video si vede come il soffitto del locale «Le Constellation» prende fuoco.
02.01.2026
Die Ermittlungen in Crans-Montana konzentrieren sich auf mögliche Versäumnisse beim Brandschutz. Im Fokus stehen Akustikplatten, die rasch Feuer fingen. Fachleute fragen sich: Waren sie von minderer Qualität oder überaltert und hätten längst ersetzt werden müssen?
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana mit über 40 Todesopfern ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen das französische Betreiberpaar wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Verursachung einer Feuersbrunst.
Im Zentrum der Untersuchung stehen mögliche Mängel beim Brandschutz, insbesondere hochentzündliche Kunststoff-Akustikplatten an Decken und Wänden des Clubs.
Videoaufnahmen zeigen eine rasche Brandausbreitung und brennende Tropfen vom Deckenmaterial, was Zweifel an der Einhaltung der Brandschutzvorschriften aufwirft.
Ob die Betreiber strafrechtlich dafür verantwortlich sind, ist offen – sie gelten bis zu einem rechtskräftigen Urteil als unschuldig.
Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana lautet die grosse Frage: Wer trägt eine Mitschuld am Tod von über 40 Menschen und den teils lebensgefährlichen Verletzungen an über 100 Opfern der Neujahrstragödie im Kanton Wallis?
Seit Freitagabend ist klar, dass als mögliche Verdächtige in der strafrechtlichen Aufarbeitung der Katastrophe das französische Betreiberpaar steht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm im Rahmen einer Strafuntersuchung fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung – wohl in Dutzenden Fällen vor. Hinzu kommt noch die fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst.
Das Betreiberpaar gilt damit als tatverdächtig, ist jedoch – und das ist entscheidend – bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung durch ein Gericht unschuldig. Noch ist weder erwiesen noch richterlich bestätigt, dass ihm eine strafrechtlich relevante Schuld anzulasten ist. Sollten jedoch belastbare Beweise vorliegen und die Schuldfrage überzeugend begründet werden, drohen bei allen drei Tatbeständen Freiheitsstrafen von bis zu drei Jahren oder Geldstrafen.
Am Neujahrstag war der Brandort abgesperrt.
Bild:blue News/Petar Marjanović
Brandschutzrichtlinien verlangen Massnahmen
Doch wie liesse sich eine Schuld konkret nachweisen? Während sich Gemeinde und Staatsanwaltschaft weiterhin bedeckt halten, laufen die Ermittlungen laut Polizeiangaben auf Hochtouren. Mehrere Personen wurden bereits befragt, zudem wird derzeit die «Konformität der Räumlichkeiten sowie die dort vorhandenen Sicherheitsmassnahmen» überprüft.
Die Polizei hielt sich bei der Frage, was genau geprüft wird, knapp: Gab es Feuerlöscher? Gab es Fluchtwege? Was war die zulässige Personenzahl?
Hinter diesen Fragen verbergen sich jedoch zentrale Details. Zur «Konformität der Räumlichkeiten» dürften auch die verbauten Akustikplatten zählen. Gemeint sind die dunkelgrauen, gewölbten Elemente an der Decke, die wohl durch den Funkenflug einer Wunderkerze innert Sekunden Feuer fingen. Hinweise darauf gibt ein Video, das im Innern der Bar um 01.29 Uhr aufgenommen wurde (siehe oben).
Akustikplatten werden heute oft aus Polyurethan-Schaum (PU) oder aus Polystyrol (XPS) hergestellt. Aufgrund der einfachen Zerreissbarkeit gehen angefragte Experten davon aus, dass PU-Platten verbaut wurden.
Vor zehn Jahren wurden im Club Akustikplatten an der Decke installiert. Die Deckenverkleidung reichte bis zum Fluchtweg. Das Bild wurde für die bessere Erkennbarkeit nachträglich aufgehellt.
Bild:Facebook
Das Problem: Polyurethan ist hochentzündlich und darf deshalb gemäss geltenden Brandschutzvorschriften nicht ohne Weiteres in Räumen eingesetzt werden, in denen sich viele Menschen aufhalten. Die Richtlinien verbieten dabei Materialien mit «kritischem Verhalten». Als Kriterien nennen die Vorschriften unter anderem Brand- und Rauchverhalten, brennendes Abtropfen oder Abfallen, Wärmefreisetzung sowie die Entwicklung gefährlicher Brandgase. In Bars und Clubs sind deshalb an der Decke nur Akustikverkleidungen der Sicherheitsstufe RF1 (kein Brandbeitrag) zulässig.
Videoaufnahmen deuten aber darauf hin, dass die Akustikplatten als Brandbeschleuniger dienten. Eine Aufnahme von 01.29 Uhr zeigt zudem, wie brennende Tropfen von der Decke herabfallen. Wenige Augenblicke später stand das gesamte Untergeschoss in Flammen.
Ein Video, das auf Tiktok kursierte, zeigt brennende Tropfen. Experten vermuten, dass es sich dabei um geschmolzene PU-Akustikplatten handelt.
Bild:ZVG
Luftfeuchtigkeit kann Brandschutzmittel abbauen
Voreilige Schlüsse dürfen aber deshalb noch nicht gezogen werden: Zwar gilt Polyurethan als leicht entflammbar, doch kann es bei entsprechender Behandlung mit Flammschutzmitteln durchaus verwendet werden. Fachleute weisen jedoch seit Jahren darauf hin, dass dieser Schutz nicht dauerhaft wirkt. Diese Erkenntnis bestätigt die wissenschaftliche Arbeit eines deutschen Brandschutzexperten: Bestimmte Flammschutzmittel können empfindlich auf hohe Luftfeuchtigkeit reagieren. In Nachtclubs, wo die Luft schnell feucht und stickig wird, kann dies dazu führen, dass der Schutz faktisch «ausgewaschen» wird.
blue News sprach mit mehreren Fachleuten über diese Problematik. Dr. Jürgen Troitzsch, Brandschutz-Experte, sagt telefonisch: «Meiner Erfahrung nach müsste – falls es qualitativ gute Elemente sind – der Brandschutz auch zehn Jahre nach der Installation halten. Wenn Sie mich aber nach einer Faustregel fragen: Wenn man sicher gehen will, ersetzt man diese Platten alle fünf Jahren. So lange sind die technischen Prüfberichte auch gültig. Dann hat man die Sicherheit, dass das Flammschutzmittel auch hält.»
Gestützt aber auf ein Video mit den brennenden Tropfen stellt er die Frage, ob die Akustikplatten überhaupt eine Flammschutzausrüstung enthielten: «Es wäre ungewöhnlich, dass behandelter Kunststoffschaum so stark brennend abtropft.»
Eine weitere Fachperson, die anonym bleiben wollte, sagt: «Wenn in Crans-Montana minderwertige Akustikplatten verbaut wurden, hätte eine verantwortungsbewusste feuerpolizeiliche Kontrolle deren Ersatz verlangen müssen.» Eine angefragte Fachperson berichtet zudem von Erfahrungen, wonach die Feuerpolizei an exponierten Stellen selbst zum Feuerzeug gegriffen hätte, um einen Brenntest vor Ort durchzuführen.
Die Akustikplatten wurden auch hinter Holzpaneelen installiert.
Bild:Facebook
Von einer Lücke in den Brandschutzvorschriften kann jedoch kaum gesprochen werden. Die Richtlinien verlangen ausdrücklich, dass sich die brandschutztechnischen Eigenschaften von Baustoffen nicht derart verändern dürfen, dass sie den Anforderungen nicht mehr genügen.
In einem solchen Fall müssten die Materialien aber konsequenterweise ersetzt oder regelmässig mit Flammschutzmitteln besprüht werden.
Polizei gibt aus taktischen Gründen nicht alles bekannt
Was bei den feuerpolizeilichen Kontrollen festgestellt wurde, ist derzeit unbekannt. Der Gemeindepräsident Nicolas Féraud reagierte angriffig auf Anfragen eines Journalisten dazu. Gegenüber dem Westschweizer Radio RTS erklärte der Gemeindepräsident, dass er davon überzeugt sei, dass es keine Nachlässigkeit der Gemeinde gab. Er versprach aber, sich den Fragen zu gegebener Zeit zu stellen. Einer der beiden Betreiber der Bar sagte auf Anfrage der «Tribune de Genève»: «Wir wurden drei Mal in zehn Jahren kontrolliert.»
Die Kantonspolizei verweist bei Anfragen zum Brandschutz und der feuerpolizeilichen Kontrolle auf die Staatsanwaltschaft und schreibt: «Die Kantonspolizei Wallis wird jede neue Information bekanntgeben, sobald sie verfügbar ist.» Wichtig zu sagen ist, dass eine fehlende Auskunft noch nicht viel bedeuten muss: Bei laufenden Ermittlungen muss die Polizei auch den Faktor «Tatwissen» beachten. Gemeint ist damit die kalkulierte Vorsicht bei der Verbreitung von Wissen, damit es keine falschen Geständnisse oder falsche Zeugenaussagen gibt.