Gegen das Packeis: Vor 40 Jahren brannte Zürich

David Eugster

30.5.2020 - 00:00

Am 30. Mai 1980 startet mit dem Opernhauskrawall in Zürich die grösste Revolte. Die Bewegung fordert mehr Räume für alternative Kultur und ganz allgemein eine andere Stadt. Ihr Erbe lebt bis heute fort.

«Ich möchte ein Eisbär sein, am kalten Polar» hörte man 1981 im Radio regelmässig. «Dann müsste ich nicht mehr schrei’n», sang eine monotone Stimme zum Rhythmus eines unbeirrbaren Drumloops.

Die Band «Grauzone» hat mit «Eisbär» das langlebigste Monument des Aufruhrs geschaffen, er hielt die Schweiz in den 1980er-Jahre in Atem. Die Bewegung überrannte von Zürich aus mehrere Schweizer Städte – ihr ging es vor allem darum, das «Packeis», das die Städte umschloss, aufzutauen.

Die Magazine der Wütenden von damals trugen darum Namen wie «Eisbrecher» und «Tauchsüder», in WGs hing Giuseppe Reichmuths Bild «Zürich Eiszeit». Bands wie «TNT» träumten bereits 1979 davon, dass Zürich endlich niederbrennen soll – für ein bisschen Wärme.

«Zürich Eiszeit» von Guiseppe Reichmuth brachte das Gefühl der Jungen auf den Punkt, die sich von einem Eispanzer erdrückt fühlten.
Bild: Guiseppe Reichmuth

Ein Gefühl wie im Gefrierschrank

Die Stimmung war damals tatsächlich frostig: Ende der 1970er-Jahre war der Elan der 68er-Bewegung endgültig verpufft, die Visionen versickerten in den Jahren der Wirtschaftskrise nach 1973. Die Band «Sperma», zu der auch Beat Schlatter gehörte, sang 1979: «d’Zyt vom Flower-Power isch verbii/Woodstock isch scheisse gsii...» Die Punkbewegung rief den Stillstand aus: «No Future!» war der neue Slogan.

«Züri brännt!» lautete einer der Slogans der Jugendbewegung.

Jugendliche nahmen die Gesellschaft als starr und unbeweglich wahr – man fühlte sich, als lebe man im Gefrierschrank. Im Gegensatz zur Revolte von 1968 schlossen sich der 80er-Bewegung nicht hauptsächlich Studierende, sondern auch viele Gymnasiasten und Lehrlinge an, die gegen die autoritären Verhältnisse in ihren Schulen und Betrieben aufbegehrten. Zeitzeugen berichten von einer Art rasendem Stillstand, einer Energie, die keine Richtung hat – und keine Räume, um sich zu entfalten.

Insbesondere Alternativkultur hatte es in Zürich schwer. Lokale, die die wachsende Zahl Bands aus den Zivilschutzkellern auf die Bühne liessen, wurden zunehmend von der Polizei geschlossen – meist, weil darin gekifft wurde.

Millionen fürs Opernhaus, nichts für die Alternativkultur

Gleichzeitig kriegte die Hochkultur Millionen. Zwar war 1977 in einer städtischen Abstimmung beschlossen worden, dass die Rote Fabrik, ein ehemaliges Industrieareal am Seeufer Zürichs, zu einem Kulturzentrum umgebaut werden sollte. Das wurde aber immer weiter verschleppt – stattdessen forderten die städtischen Behörden 1980 einen Betrag von 60 Millionen für die Renovation des Opernhauses.

Gegen diese Ungleichbehandlung protestierten am 30. Mai 1980 200 Leute vor dem Opernhaus, kurz darauf eskalierte die Situation. Doch damit die Krawallnacht in die Schweizer Geschichtsschreibung einging, brauchte es auch noch Bob Marley: Der Reggae-Star gab an jenem Abend im Hallenstadion sein einziges Konzert in der Schweiz. Nach dessen Ende strömten Hunderte von jugendlichen Konzertbesuchern zum Bellevue – und die Schweiz sah eine Strassenschlacht wie nie zuvor.

An dem Demos im Sommer 1980 flogen neben Farbbeuteln auch Steine.
Bild: Keystone

Die Bewegung ging in der Folge gegen die städtische Eiswüste mit Farbbeuteln, Sprayereien, Collagen, Aktionen an – aber auch mit Molotowcocktails und Steinen.

Ins Zentrum rückte bald die Forderung nach einem Autonomen Jugendzentrum (AJZ), sie hatte bereits den Protest von 1968 befeuert.

Das Projekt scheiterte letztlich: Im Frühling 1982 wurde das AJZ abgerissen, und im Juli 1982 säte das städtische Gartenbauamt auf dem AJZ-Areal für 100’000 Franken eine Unkrautwiese an. Viele, die all ihre Hoffnungen in die Bewegung gesteckt hatten, versanken in der Resignation: Die Entstehung der offenen Drogenszene steht am Ende der 1980er-Bewegung.

Das Autonome Jugendzentrum (AJZ) neben dem Zürcher Hauptbahnhof.
Bild: Keystone

Doch trotz allem Frust war nichts mehr wie davor: Dada war in Zürich für kurze Zeit wieder an die Macht gekommen, die Jagd nach Geld und die Suche nach Träumen gingen nun einher. Schweizweit verdanken etliche Kulturinstitutionen ihre Gründung jener Zeit. Eine schillernde Alternativkultur blieb zurück und ein anderer Umgang mit der Stadt: In Parks, in denen einst schon das Füttern der Enten eine Grenzüberschreitung war, lag man nun halbnackt in der Sonne.

Heute werden die damaligen Spontisprüche wie «Freie Sicht aufs Mittelmeer» vom Standortmarketing vereinnahmt. Der Aufstieg der Kleinstadt Zürichs zu einer Global City wäre ohne die 1980er Jahre undenkbar gewesen.

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