Nachrichtendienst schlägt AlarmGegen Luftangriffe könnte sich die Schweiz nicht verteidigen
Andreas Fischer
24.4.2025
Die Schweizer Luftverteidigung hätte im Ernstfall einem Angriff aus der Distanz nicht viel entgegenzusetzen.
sda
Nicht mal bedingt abwehrbereit: Würde die Schweiz in einem möglichen Kriegsfall aus der Luft angegriffen, wäre sie praktisch schutzlos. Zu diesem Schluss kommt der militärische Nachrichtendienst.
Die Sicherheitslage in Europa hat sich seit dem Beginn von Putins Angriffskrieg auf die Ukraine dramatisch verändert. Selbst ein lange als undenkbar geltender Angriff Russlands auf ein Nato-Mitglied wird von Militärs und Geheimdiensten ab 2027 als realistische Möglichkeit erachtet.
Vor diesem Hintergrund lassen konkrete Bedrohungsszenarien aufhorchen, die der militärische Nachrichtendienst (MND) entwickelt hat. SRF berichtete zuerst darüber.
Hält der MND aufgrund der Lage der Schweiz mitten in Europa einen Angriff zu Lande für «wenig wahrscheinlich», sieht es bei Angriffen aus der Luft ganz anders aus. Die «grossen Distanzen zu aktuellen und möglichen zukünftigen Kriegsgebieten bieten keinen Schutz mehr», heisst es. Kriege würden mittlerweile aus grossen Entfernungen geführt.
Gegen ballistische Raketen, Drohnen und Marschflugkörper, die auf kritische Infrastruktur zielen, wäre die Schweizer Armee machtlos. Oder wie es Stefan Holenstein, Oberst im Generalstab und Präsident des Verbands militärischer Gesellschaften Schweiz, drastisch zusammenfasst: «Unser Luftraum ist ein Löchersieb.»
Armee nicht verteidigungsfähig im heutigen Zustand
Es sei zwar unwahrscheinlich, dass Putins imperiale Gelüste dazu führen, dass sich Russland die Schweiz einverleibt. Aber Holenstein weist darauf hin, dass es immer auch um Machtpolitik geht. Das Potenzial für Angriffe aus der Distanz ist vorhanden, deswegen müsse man das Undenkbare denken, um vorbereitet zu sein.
Vorbereitet sein ist ein gutes Stichwort: Das ist die Schweizer Armee in Sachen Luftverteidigung offenbar überhaupt nicht. «Die Schweizer Armee ist nicht verteidigungsfähig in dem Zustand, in dem sie heute ist», spricht Divisionär Rolf André Siegenthaler, Chef Logistikbasis der Armee, Klartext.
Armeechef Thomas Süssli widerspricht der niederschmetternden Analyse nicht, betont aber, dass die Armee nicht in einem «desolaten Zustand» sei. Seit mehr als 20 Jahren lautet ihr Auftrag «schützen und helfen», vom Volk wurde die Reform damals in einem Referendum zur «Armee XXI» 2003 abgesegnet.
Dass sich die weltpolitische Lage nunmehr komplett verändert hat, stellt die Armee vor riesige Herausforderungen. Ging es in den vergangenen zwei Jahrzehnten lediglich um den «Kompetenzerhalt» in Verteidigungsfragen, müsse nun die echte Verteidigungsfähigkeit wiedererlangt werden. Dafür seien 50 Milliarden Franken nötig, sagt Süssli.
Panzerhaubitzen fallen im Einsatz auseinander
Das ist eine enorme Summe, die sich zu relativieren scheint, wenn man sich konkret umschaut. Aktuell können nur 20 Prozent des Schweizer Luftraums verteidigt werden, heisst es bei SRF. Kommt hinzu: Die neuen F-35 Kampfjets und das Patriot-Luftabwehrsystem werden erst 2027 geliefert.
Auch die Ausrüstung des Heeres ist teilweise in einem bedenklichen Zustand, wie SRF-Recherchen ergeben haben. Von den ohnehin altgedienten Panzerhaubitzen des Typs M109 (seit 1968 im Einsatz), hat die Armee offiziell noch 133 im Bestand. Eigentlich genug, um vier Artillerieabteilungen mit je 24 Panzerhaubitzen auszurüsten.
Der Haken: Die meisten «Panzerhaubitzen rollen schon gar nicht mehr oder fallen auseinander, wenn sie im Einsatz sind», wie es Stefan Holenstein ausdrückt. Die Folge: Faktisch kann die Armee nur eine einzige Artillerieabteilung mit funktionierenden Panzerhaubitzen und dem dazugehörigen Material ausrüsten.
Ein ähnliches Bild ergibt sich bei den Kampfpanzern. Statt der benötigten 168 Kampfpanzer für sechs Bataillone, stehen dem Heer nur 56 zur Verfügung, die für den Ernstfall gerüstet sind.
Thomas Süssli: «Die Schweizer Armee muss Muskeln aufbauen».
Panzer, Kampfdrohnen, ballistische Raketen – die Schweizer Armee liess in der Kaserne in Thun BE anlässlich der Präsentation der Armeebotschaft für das Jahr 2025 die Muskeln spielen.