Vor den Nazis versteckt Spektakulärer Münzschatz wird in Zürich versteigert

dpa

6.11.2025 - 00:00

In den 1930ern wurde der Schatz vergraben, nun kommt er unter den Hammer.
In den 1930ern wurde der Schatz vergraben, nun kommt er unter den Hammer.
Bild: -/Nusmismatica Ars Classic/dpa

Fast 500 Gold- und Silbermünzen, Jahrzehnte vergraben, werden in Zürich bei einer Auktion angeboten. Die Geschichte, die hinter dem einzigartigen Fund steckt, klingt wie aus einem Abenteuerfilm, soll aber so passiert sein.

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DPA, Jan-Niklas Jäger

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  • In Zürich wird ein einzigartiger Münzschatz versteigert.
  • Ein Sammler, dessen Identität geheim gehalten wird, soll ihn in den 1930er-Jahren angehäuft haben, ehe er seine Sammlung vor den Nazis verstecken musste.
  • Der Mann vergrub die Münzen in seinem Garten. Kurz darauf soll er verstorben sein.
  • Die gesamte Sammlung ist für rund 81 Millionen Franken versichert. Versteigert wird nur ein Bruchteil.

Ein sagenhafter Schatz mit Gold- und Silbermünzen, die Jahrzehnte in Zigarrenkisten in einem Garten verbuddelt waren, wird versteigert: Das hört sich an wie das Drehbuch eines Abenteuerfilms, ist aber Realität.

Von den insgesamt rund 15'000 Münzen aus aller Welt kommen am 6. November in Zürich fast 500 Stück aus Europa unter den Hammer. Die gesamte Sammlung ist für rund 81 Millionen Franken versichert.

Fachleute für Münzen, Numismatiker genannt, geraten angesichts der Goldmünzen ins Schwärmen. Eine davon ist fast so gross wie ein Bierdeckel, wie der renommierte deutsche Experte Christian Stoess sagt. Er hat den Katalog für die Auktion erstellt. «Das war eines der Highlights meines Berufslebens», sagt er. «So etwas kommt nur alle 100 Jahre einmal vor.»

Sammlung vor den Nazis versteckt

Die Fantasie der Laien regt vor allem die Geschichte der Sammlung an. Laut Auktionshaus Numismatica Ars Classica hat ein steinreicher Sammler die Münzen in den 1930er-Jahren in aller Welt zusammengekauft. Er habe kleinere Teile seiner Kollektion auf mehreren Kontinenten deponiert, sich selbst mit seiner jungen Frau und Tochter aber in einem Land in Europa niedergelassen.

Als dort der Einmarsch der Nazis drohte, habe er den Grossteil seiner Sammlung, in Papiertütchen verpackt, in Zigarrenkisten gelegt und in Metallboxen in seinem Garten vergraben. Als die Wehrmacht schliesslich tatsächlich kam, habe er einen Schlaganfall erlitten und sei kurz darauf gestorben.

Seine Frau habe gar nicht richtig gewusst, was in den Metallboxen versteckt war, sagen die Inhaber des Auktionshauses, die Brüder Arturo und Giuliano Russo. Sie habe ihre Familie erst hochbetagt informiert und die Münzen 60 Jahre später, in den 90er-Jahren, ausgraben lassen. Die Russos kennen die Familie. Auch Stoess weiss, wer den Schatz versteigern lässt. Alle verbürgen sich für die Geschichte.

Identität des Sammlers wird geheimgehalten

Sie haben den Nachfahren aber Verschwiegenheit versprochen und reden nur von der «Sammlung des Reisenden». Auch Stoess verrät nichts über die Nationalität, geschweige denn Identität des Sammlers. Der habe seine Käufe in Büchlein in verschiedenen Sprachen vermerkt.

«Man sieht es manchen Münzen an, dass sie lange Zeit in der Erde waren», sagt Stoess. Von eindringendem Wasser zeugten auch die teils vergammelten Papiertütchen. «Ich finde es nicht unglaubhaft, dass die Witwe die Sammlung so lange Zeit in der Erde liess, wo sie die Nazis überstanden hat», sagt er. «Die Familie hat genügend Geld, sie braucht einen Erlös aus der Sammlung nicht.» Die Russos bekamen den verbuddelten Schatz nach eigenen Angaben erst 2022 in die Hände.

Der Mitgründer des Edelmetallhändlers pro aurum in München, Robert Hartmann, ist beeindruckt: «Das ist schon eine sehr aussergewöhnliche Veranstaltung», sagt er über die Auktion. «Alleine die Anzahl von Goldmünzen mit grosser Seltenheit und guter Erhaltung ist bemerkenswert.»

Der Numismatiker der auch von ihm mitgegründeten «pa Historical Coins AG» wird nach eigenen Angaben versuchen, einige Münzen zu ergattern. «Wenn der Preis stimmt», sagt er.

Die Raub- oder Fluchtgutfrage

Bei wertvollen Sammlungen aus den 1930er-Jahren kommt schnell die Frage auf, ob es sich um Raub- oder Fluchtgut von jüdischen Verfolgten handeln könnte. Bis heute betreiben deutsche Museen und Sammlungen Provenienzforschung etwa bei Gemälden, um unrechtmässig oder unter Preis erstandene Werke den Erben von Vorbesitzern zurückzugeben. 

Laut Stoess ist aber der allergrösste Teil der Sammlung über jeden Verdacht erhaben. Der Sammler habe seine Kollektion vor der Machtergreifung der Nazis über Händler gekauft. 90 Prozent der Münzen stammten zudem aus Sammlungen, die Zukäufe schon vor 1933 abgeschlossen hatten.

Viel kommt etwa von dem amerikanischen Banker Waldo Newcomer, der im Zuge der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre in Finanznot geriet und seine grosse Sammlung verkaufen musste.

Dazu gehört das Sahnestück der Versteigerung, besagte Münze, die fast so gross wie ein Bierdeckel ist. Sie steht mit 1,25 Millionen Franken Schätzpreis im Katalog.

Manche Münzen erzählen eine Geschichte

Sie besteht aus 346 Gramm Gold und zeigt Ferdinand III. (1608–1657), den König von Ungarn, Kroatien und Böhmen und späteren römisch-deutschen Kaiser. Er habe sie während des 30-jährigen Kriegs 1629 als Geschenk für einen hohen Würdenträger prägen lassen, sagt Stoess.

Zu den persönlichen Favoriten des gebürtigen Hamburgers Stoess gehört die «Hamburg Portugalöser» von etwa 1560, mit einem Schätzpreis von 75'000 Franken. Es sei eine der ersten grossen Goldmünzen, die in Deutschland produziert wurde, sagt er.

Pensionär Stoess hat 28 Jahre im Münzhandel gearbeitet, ehe er die letzten neun Berufsjahre beim Münzkabinett der Staatlichen Museen Berlin war. Mitsteigern will er nicht. «Wenn man jahrelang mit den tollsten Münzen zu tun hatte, muss man nichts mehr besitzen», sagt er. 

Und: «Das Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin wird sich nicht an der genannten Auktion beteiligen, da der Erwerbungsetat für dieses Jahr bereits ausgeschöpft ist», sagt ein Sprecher auf Anfrage. Es sei vor allem für die Sammlung zu Brandenburg und Preussen zuständig und da bereits ziemlich vollständig.


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