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An der Zürcher Hofwiesenstrasse steht bereits ein Gebäude mit Sonnenkollektoren auf der Fassade. Prägen Solaranlagen bald das Bild in der Binz und in Alt-Wiedikon?
Bild: Keystone
In der Stadt Zürich soll ein Quartier als Labor dienen, um rasch neue Klima-Massnahmen zu testen. Nun wurden 26 Projekte ausgewählt. Die Bandbreite reicht von Heizungsersatz bis zu sozialen Experimenten.
Was haben ein Chor, ein Balkonkraftwerk und eine Quartierwährung gemeinsam? Sie gehören zu den Ideen, mit denen Alt-Wiedikon und die Binz zu Zürichs Vorzeigequartier für Klimaschutz werden sollen.
Das soll im Rahmen des Pilotprojekts «Netto-Null-Quartier» geschehen: Die Stadt Zürich hat kürzlich aus insgesamt 233 Vorschlägen aus der Bevölkerung und der Wirtschaft 26 Projekte ausgewählt, die in den kommenden Monaten zu konkreten Vorhaben weiterentwickelt werden sollen. Ziel ist es, gemeinsam mit Bevölkerung, Unternehmen und Schulen herauszufinden, wie Klimaschutz im Alltag funktionieren kann – und welche Lösungen sich später auf andere Quartiere übertragen lassen.
Das Pilotquartier gilt als eines der wichtigsten Klimaprojekte der Stadt Zürich. Bis 2030 werden im Gebiet Binz und Alt-Wiedikon neue Ansätze getestet, um Treibhausgasemissionen zu senken und Ressourcen effizienter zu nutzen. Für die Umsetzung hat der Gemeinderat insgesamt 7,7 Millionen Franken bewilligt, davon rund 3 Millionen Franken für lokale Initiativen aus dem Quartier.
Die ausgewählten Projekte decken ein breites Spektrum ab. Besonders stark vertreten sind Ideen aus den Bereichen Energie, Kreislaufwirtschaft und Nachbarschaft.
So möchte der Verein Klimastadt Zürich den Ausbau von Balkonkraftwerken fördern. Geplant ist ein Verzeichnis von Eigentümerschaften im Quartier, die Solaranlagen auf ihren Balkonen erlauben würden. An speziellen Veranstaltungen sollen die Anlagen anschliessend gemeinsam installiert werden. Die Initiant*innen sehen darin eine niederschwellige Möglichkeit, die Solarstromproduktion direkt in den Wohnquartieren auszubauen.
Einen besonders anschaulichen Zugang zum Thema Klimaschutz verfolgt eine Nachbarschaftsgruppe mit dem Projekt «Das Netto-Null-Haus im Miniaturformat». Geplant ist eine begehbare Miniaturhütte aus nachhaltigen Materialien, die Kindern und Familien zeigt, wie ein klimaneutrales Gebäude funktioniert. Themen wie Wärmedämmung, erneuerbare Energie oder nachhaltige Baustoffe sollen spielerisch erlebbar werden.

Das Miniaturhaus soll Nachhaltigkeit zum Anfassen bieten.
Visualisierung: Pilotquartier.ch
Einen deutlich grösseren Hebel verspricht sich der Quartierverein Wiedikon. Er schlägt vor, entlang der Haldenstrasse zwischen Bahnhof Binz und Friesenbergstrasse den Ersatz von Öl- und Gasheizungen gezielt zu fördern. Nach Schätzungen werden dort noch rund die Hälfte der Gebäude fossil beheizt.
Zusätzlich zu den bestehenden städtischen Förderprogrammen sollen Eigentümerinnen und Eigentümer deshalb finanzielle Anreize erhalten, wenn sie innerhalb von zwei Jahren auf Wärmepumpen oder Erdsonden umsteigen. Der Quartierverein rechnet für das Projekt mit Kosten von bis zu 250'000 Franken.
Zu den ungewöhnlichsten prämierten Ideen gehört die Einführung einer Quartierwährung. Dahinter steht die Überlegung, lokale Wirtschaftskreisläufe zu stärken und klimafreundliches Verhalten gezielt zu fördern.
Die Initiant*innen argumentieren, dass viele Umweltprobleme auf strukturelle Schwächen des heutigen Wirtschaftssystems zurückzuführen seien. Eine lokale Währung könne dazu beitragen, Wertschöpfung stärker im Quartier zu halten, lokale Angebote attraktiver zu machen und nachhaltigen Konsum zu fördern.
Zunächst soll geprüft werden, ob und wie eine Quartierwährung in Alt-Wiedikon und der Binz funktionieren könnte. Geplant sind wissenschaftliche Analysen, Gespräche mit der Bevölkerung und die Auswertung früherer Erfahrungen mit Lokalwährungen. Erst danach würde über eine Einführung entschieden – vorausgesetzt, genügend Menschen, Unternehmen und Institutionen beteiligen sich.
Andere Projekte setzen bei der Ressourcenschonung an. Der Verein Revamp-it möchte regelmässige Workshops anbieten, bei denen ältere Computer mit dem Betriebssystem Linux ausgestattet werden. Hintergrund ist, dass viele Geräte entsorgt werden, sobald Microsoft keine Sicherheitsupdates mehr für ältere Windows-Versionen anbietet.
Die Initiantinnen und Initianten argumentieren, dass die Hardware oft noch jahrelang problemlos funktioniere. Durch die Umstellung auf Linux könnten Computer und Laptops fünf bis zehn Jahre länger genutzt werden – und müssten nicht vorzeitig ersetzt werden.
Mehrere der prämierten Ideen verfolgen das Ziel, die Kreislaufwirtschaft im Quartier zu stärken. So soll mit dem «Repair Express» ein mobiler Reparaturdienst entstehen, der per Elektrofahrzeug direkt zu den Kundinnen und Kunden fährt und kleinere Defekte an Alltagsgegenständen behebt.

Dereinst könnten Zürcher*innen Alltagsgegenstände bei mobilen Reparaturfahrzeugen vorbeibringen.
Visualisierung: Pilotquartier.ch
Auch die Schreinerei Kessler möchte Möbel reparieren und aufarbeiten, statt sie zu entsorgen. Das Architekturbüro AMJGS Architektur wiederum plant ein Bauteillager in der Binz, um brauchbare Bauteile aus Rückbauten zu sammeln und für neue Bauprojekte weiterzuverwenden.
Einen kulturellen Zugang zum Thema Klimaschutz verfolgt die «Klangschmiede Wiedikon». Chorleiterin Onna Stäheli und Komponist Matthias Roth möchten gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern ein Chorwerk entwickeln, das sich mit der Zukunft des Quartiers beschäftigt.
Ausgangspunkt sind Fragen nach nachhaltigen Lebensformen und möglichen Zukunftsbildern für das Quartier. Die Teilnehmenden sollen die Komposition gemeinsam erarbeiten und später öffentlich aufführen. Das Projekt will Nachhaltigkeit nicht über technische Lösungen vermitteln, sondern über gemeinschaftliche Erlebnisse und kulturellen Austausch.
Die ausgewählten Projekte sind noch nicht definitiv beschlossen. In den kommenden Monaten werden sie in sogenannten Projektschmieden gemeinsam mit Fachpersonen weiterentwickelt. Erst danach entscheidet sich, welche Ideen tatsächlich umgesetzt werden.
In der Binz und in Alt-Wiedikon leben rund 9000 Menschen, hinzu kommen etwa 14'000 Arbeitsplätze.