Gestrandete Schweizer sollen in die Schweiz zurückkehren – nur wie?

Helene Laube

19.3.2020 - 15:37

Zehntausende Menschen aus der Schweiz sind im Ausland unterwegs. Der Bundesrat fordert sie zur schnellstmöglichen Rückkehr auf. Anders als etwa Deutschland, organisiert die Schweizer Regierung aber keine gross angelegte Rückholaktion. Jetzt ist Eigeninitiative gefragt.

Wegen der weltweit auf dem Vormarsch befindlichen Corona-Krise hat die Regierung Schweizer Reisende im Ausland zur Heimreise aufgerufen. Selbst für viele Rückkehrwillige könnte der bundesrätliche Aufruf vom Dienstag aber zu spät kommen: Immer mehr Länder rund um die Welt machen ihre Grenzen dicht, Airlines streichen laufend ihre Flugpläne zusammen, die verbleibenden Flüge sind schnell ausgebucht und bei Flügen mit Zwischenstopps ist womöglich der Transit nicht in allen Flughäfen garantiert. Viele Reisende könnten unfreiwillig im Ausland festsitzen – und das auf unbestimmte Zeit.

Komplizierte Heimreise

Beispielhaft für das Chaos ist der Versuch einer Schweizer Medizinstudentin, eine Rückreise von Tansania zu organisieren. Die Studentin, die nicht mit Namen genannt werden möchte, war für die Mitarbeit bei einem nun ausgesetzten Hilfsprojekt nach Ostafrika gereist. Ihren Rückflug konnte sie zuerst nicht umbuchen, da die Flüge von Fluggesellschaften für die nächsten Tage laufend entweder gestrichen wurden oder ausgebucht waren.

Bei der Buchung eines neuen Fluges stellt sich auch immer die Frage, ob bei der Zwischenlandung in der Türkei oder anderswo die Weiterreise in die Schweiz gesichert ist. Eine Ausreise über ein Nachbarland kommt auch nicht infrage: Der Flugverkehr mit Tansanias Nachbarländern soll am heutigen Donnerstag ausgesetzt worden sein.

Die Suche nach Flügen wurde durch Stromausfälle in Tansania und somit leere Handy-Akkus erschwert. Die Studentin hofft nun, dass die KLM-Maschine, auf der sie einen Platz ergattern konnte, am Samstag auch tatsächlich fliegt.

Sars-CoV-2 breitet sich mittlerweile auch auf dem afrikanischen Kontinent aus: Das Virus hat bisher in mindestens 26 Ländern des Kontinents Fuss gefasst, und die Zahlen steigen. Tansania hatte am Montag den ersten Coronavirus-Fall gemeldet, bis Mittwoch stieg die Zahl der offiziell mitgeteilten Fälle auf drei. Am Dienstag erliess die Regierung ein Versammlungsverbot, ordnete Schulschliessungen an und verbot alle Sportaktivitäten. Mehrere afrikanische Länder haben alle Flüge eingestellt und Reiserestriktionen erlassen.



Swiss fliegt nur noch mit sechs Maschinen

Egal in welchen Ländern die Touristen, Geschäfts- und anderen Reisenden aus der Schweiz sich befinden: Die Heimreise werden die wenigsten in einer Swiss-Maschine antreten können. Die Fluggesellschaft kündigte am Donnerstagmorgen an, dass sie ihr Angebot auf einen Minimalflugplan mit einem Langstreckenflugzeug und fünf Kurzstreckenmaschinen zusammenstreiche.

Als Grund führte Swiss die «zahlreichen neuen Einreisebeschränkungen sowohl in Europa als auch weltweit sowie wirtschaftliche Überlegungen» an. Ab Montag (23. März) bis zunächst Sonntag, 19. April 2020, bietet Swiss nur noch Langstreckenflüge von Zürich nach Newark bei New York, das aber dreimal die Woche. Ab Genf werde es vorerst keine Langstreckenflüge mehr geben.

Ab Zürich werden auf der Kurzstrecke hauptsächlich noch die acht folgenden europäischen Städte bedient, heisst es auf der Website: London, Amsterdam, Berlin, Hamburg, Brüssel, Dublin, Lissabon und Stockholm. Im Moment sei geplant, ab Genf weiterhin nach London, Athen, Lissabon und Porto zu fliegen.



Swiss-Chef Thomas Klühr warnte am Donnerstagmorgen bei einer Pressekonferenz anlässlich der Vorlage der Zahlen für das Geschäftsjahr 2019: «Sollte sich die Situation gar noch weiter verschlechtern und zusätzliche Reiseverbote erlassen werden, kann eine komplette, temporäre Einstellung des Flugbetriebs auch bei der Swiss nicht mehr ausgeschlossen werden.»

Nur vereinzelte Rückholaktionen des Bundes

Das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) geht davon aus, dass Zehntausende Menschen aus der Schweiz im Ausland unterwegs sind. Rund 15'000 Reisende sind beim Aussendepartement registriert.

Wie dieser am Flughafen Berlin-Tegel gestrandeten Reisenden aus Polen, ergeht es derzeit Zehntausenden Schweizern: Sie haben wegen geschlossener Grenzen und gestrichener Flüge grosse Schwierigkeiten, die Rückkehr in ihre Heimat zu organisieren.
Bild: Keystone/DPA/Christoph Soeder

Auf Rückholaktionen der Schweizer Regierung können die Reisenden nicht unbedingt zählen. Ist eine Ausreise für Reisende irgendwo auf der Welt nicht mehr möglich, prüft das EDA laut eigenen Angaben aber die Lage und ergreift allenfalls Massnahmen. Das war der Fall im Februar, als die Regierung die Repatriierung von Schweizer Staatsangehörigen aus der chinesischen Stadt Wuhan organisiert hatte.

Vor ein paar Tagen wurde der Bund dann in Marokko aktiv, wo am vergangenen Sonntag wegen der Corona-Krise der gesamte Flugverkehr eingestellt worden war. Tausende von ausländischen Touristen sind laut EDA betroffen, darunter mehrere hundert Schweizer Reisende. Ab Dienstag konnten dem Aussendepartement zufolge mindestens fünf von in der Schweiz ansässigen Unternehmen gecharterte Flüge durchgeführt werden.

Diese Fluggesellschaften planen offenbar im Laufe der Woche weitere dieser kommerziellen Flüge. Am Donnerstag kündigte der Schweizer Botschafter in Marokko, Guillaume Scheurer, einen Flug von Agadir nach Basel an. Die Schweizer Botschaft in Marokko stehe in regelmässigem Kontakt mit Schweizer Touristen und habe sie über diese Rückkehrmöglichkeiten informiert, heisst es beim EDA.

Ein Recht auf Rückholung durch den Bund gibt es nicht. Schweizer Reisende sind für die notwendigen Reservierungen und die Zahlung der entsprechenden Gebühren verantwortlich, heisst es beim EDA. So betont Bundesrat Ignazio Cassis, dass Schweizer Reisende «ihre Rückreise selbstständig organisieren» sollen. «Wir können nicht jeden einzelnen Menschen repatriieren, es ist auch nicht die Rolle des Staates – das ist die Eigenverantwortung jedes Bürgers», erklärte der EDA-Vorsteher am Dienstag.

Schweizer in Amerika müssen sich selbst organisieren

In anderen Ländern wie den Vereinigten Staaten, wo Präsident Donald Trump die Coronavirus-Gefahr monatelang kleingeredet hatte und Massnahmen wie Tests erst langsam in Gang kommen, interveniert die Schweizer Regierung gegenwärtig nicht. Am Mittwochabend (Ortszeit) informierte etwa der Schweizer Generalkonsul in San Francisco in einer E-Mail an die «lieben Landsfrauen und -männer», dass Schweizer Geschäftsreisende und Touristen möglichst in die Schweiz zurückkehren sollten. Organisieren und bezahlen müssten die Schweizer die Reisen selber, so Benedikt Wechsler mit Bezug auf Bundesrat Ignazio Cassis.

In den USA lebenden Schweizern, so Wechsler weiter, sei es selber überlassen, ob sie in die Schweiz zurückkehren wollten oder nicht. Wer warte, laufe Gefahr, ihr jeweiliges Aufenthaltsland nicht mehr verlassen zu können, da Fluggesellschaften Flüge – auch in den USA – gestrichen hätten.

Schweizer Reisende sind nicht die einzigen, die in dieser Ausnahmesituation Eigeninitiative beweisen müssen. Auch etwa britische oder amerikanische Reisende können nicht auf dezidierte Repatriierungsaktionen ihrer Regierungen setzen.



Deutschland organisiert Rückholaktion

Deutschland hingegen hat mit einer umfangreichen Rückholaktion für deutsche Touristen begonnen, die gestrandet sind und wegen der immer drastischeren Reisebeschränkungen nicht mehr nach Hause kommen. Für Personen, die eine andere EU-Staatsangehörigkeit haben, bemühe Deutschland sich im Rahmen der Kapazitäten, eine Lösung zu finden, heisst es auf der Website des Aussenministeriums. Dessen Krisenstab arbeitet an Transportplänen für ein knappes Dutzend Länder. An erster Stelle wird laut dem Auswärtigen Amt eine Reihe besonders betroffener Länder stehen, zunächst ebenfalls Marokko sowie die Dominikanische Republik, Ägypten und die Philippinen. Die Zahl der deutschen Touristen, die jetzt heimreisen wollen, wird auf deutlich mehr als hunderttausend geschätzt.

Der deutsche Aussenminister Heiko Maas hatte am Dienstag angekündigt, das Aussenministerium werde bis zu fünfzig Millionen Euro aufwenden, um die Touristen entweder mit Flugzeugen der Reiseveranstalter oder mit Chartermaschinen nach Hause zu bringen. Gleichzeitig gab sein Amt eine weltweite Reisewarnung heraus – jene Touristen, die ihre Reisen noch nicht angetreten haben, müssen wissen, dass sie nicht auf ihre Rückkehr vertrauen können.

Ganz auf Kosten der Steuerzahler schafft Deutschland die Reisenden aber nicht zurück: Zwar müsse niemand vorab die Kosten bezahlen, heisst es beim Auswärtigen Amt. Allerdings «werden die Betroffenen einen im Konsulargesetz festgeschriebenen Anteil der Kosten tragen müssen».

Zurück zur Startseite