Erhöhte Effizienz oder vollere Stauseen?

Unterschiedliche Rezepte gegen die Stromlücke

Von Stefan Michel

20.3.2022

Der Grimselsee und das Hotel Grimsel Hospiz, am Sonntag, 10. September 2017. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Switzerland first beim Strom? Stromkonzerne könnten schon bald verpflichtet sein, eine grössere Wasserkraftreserve zu halten. 
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Gemäss Prognosen könnte es 2025 zu einer Stromlücke kommen. Grünliberale wollen Unternehmen zur Effizienzsteigerung verpflichten, Grüne setzen auf Wasserkraft-Reserven. Andere setzen auf Gas und AKW.

Von Stefan Michel

20.3.2022

Um einer möglichen Stromlücke zuvorzukommen, werden Gaskraftwerke in der Schweiz salonfähig. Dies will Jürg Grossen, Präsident der Grünliberalen nicht hinnehmen. Er ist überzeugt, dass die Schweiz ihren Stromverbrauch allein durch Effizienzsteigerung ohne CO2 ausstossende Kraftwerke decken könnte. Dies tat er dem «Blick» kund.

Ein Mittel dazu sei, Geräte in Haushalten und Anlagen in Unternehmen konsequent auszuschalten, wenn diese nicht benutzt würden. 40 Prozent des Stroms, den die Schweiz verbrauche, habe keinen Nutzen, sondern falle an, während Apparate laufen, ohne gebraucht zu werden.

Grossens Parteikollegin Barbara Schaffner schlägt zudem vor, dass der Bund Unternehmen dafür bezahle, dass sie ihre Anlagen im Notfall kurzzeitig herunterfahren. Dabei denke sie an Skilifte oder andere Betriebe, die ihren Verbrauch ohne Schaden für die Gesamtwirtschaft reduzieren können, wie sie dem Blick erklärt.

Strom aus Elektroauto-Akkus ins Netz speisen

Ein weiteres Mittel, um nicht auf Strom aus Gaskraft angewiesen zu sein, sieht Grossen in der besseren Nutzung vorhandener Stromspeicher. Als Beispiel nennt er die Akkus von Elektroautos. Diese bräuchten für die meisten Fahrten keine volle Batterie. Stattdessen könnten sie in Zeiten erhöhter Stromnachfrage elekrische Energie ins Netz einspeisen. Aus den Stromspeichern von vier Millionen Autos könnte die Leistung mehrerer AKW bezogen werden, rechnet Grossen dem «Blick» vor.

Dabei nimmt der Politiker vorweg, dass in der Schweiz nur noch Elektroautos fahren. Aktuell fahren in der Schweiz rund 40’000 E-Autos. Ihnen stehen mehr als 4,6 Millionen Personenwagen mit Verbrennungsmotor gegenüber.

Auf die Speicherkapazität der Elektroautos verweisen gerade Verfechter der Solarenergie seit Jahren. Solarstromanlagen liefern dann am meisten Strom, wenn am wenigsten gebraucht wird: im Sommer über Mittag. Diese im Akku eines Elektrofahrzeugs zu speichern und bei Bedarf im Haushalt zu nutzen, könnte helfen, dieses Problem zu lösen.

Grüne können sich Verbot von Stromexport vorstellen

Mit dem Vorschlag des Bundesrats, in der Schweiz Gaskraftwerke zu bauen, sind auch die Grünen nicht einverstanden. Der Zürcher Nationalrat und Umweltnaturwissenschaftler Bastien Girod ist überzeugt, dass die bestehenden Stauseen genügend Energie speichern könnten.

Girod möchte deshalb die Stromkonzerne verpflichten, eine Wasserkraftreserve in den Stauseen zu behalten, statt Strom aus Wasserkraft zu exportieren, wie er den «Tages-Anzeiger» wissen liess. Strom ans Ausland zu verkaufen könnte notfalls verboten werden, so Girod zum Tages-Anzeiger. Eine Wasserkraftreserve will das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation bereits im kommenden Jahr einführen, wie die «NZZ» im Februar berichtete.

Ganz anders sehen das vor allem bürgerliche Politiker, die auf die grossen wirtschaftlichen Auswirkungen verweisen, die eine Stromlücke hätte. So werden auch in der Schweiz die Stimmen immer lauter, die fordern, den Ausstieg aus der Atomstromproduktion rückgängig zu machen.

Eine Stromlücke könnte sich in der Schweiz unter ungünstigen Umständen 2025 einstellen. Bis dann muss eine Lösung gefunden sein.