Neues Gutachten Hätten die SBB das Zugunglück im Gotthard-Basistunnel verhindern können?

Samuel Walder

13.5.2026

Die Ursache des Unfalls war Materialermüdung. (Archivbild)
Die Ursache des Unfalls war Materialermüdung. (Archivbild)
Urs Flueeler/KEYSTONE/dpa

Der schwere Unfall im Gotthard-Basistunnel im August 2023 hätte womöglich verhindert werden können. Ein Gutachten kritisiert, dass mehrere Warnsignale unbeachtet blieben.

Samuel Walder

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  • Ein Gutachten zum Gotthard-Unfall 2023 zeigt, dass die SBB auf mehrere Warnsignale hätte reagieren können.
  • Experten und Gewerkschaften kritisieren, dass trotz auffälliger Störungen keine Notbremsung ausgelöst wurde.
  • Die SBB weist die Kritik zurück und betont, ihre Systeme überwachten die Infrastruktur, nicht die Züge. Auch ein externer Experte sieht in den Meldungen keine klaren Hinweise auf eine Entgleisung.

Der schwere Unfall im Gotthard-Basistunnel im August 2023 hätte womöglich verhindert werden können, wie das SRF berichtet. Damals führte ein gebrochenes Rad an einem Güterzug zu einem Schaden von 150 Millionen Franken, zudem blieb eine Tunnelröhre über ein Jahr gesperrt. Ein neues Gutachten im Auftrag der Staatsanwaltschaft Tessin kommt nun zum Schluss: Die SBB hätte auf Warnsignale reagieren können.

Gemäss Gutachten traten nach dem Radbruch beim elften Güterwagen mehrere Störungsmeldungen im Betriebszentrum auf. Diese wurden auf den Bildschirmen sichtbar, doch es erfolgte offenbar keine Reaktion. Kritik kommt unter anderem aus der Politik: «Wenn ein Zug kilometerlang in den Tunnel hineinfahren kann und eine Spur von Fehlermeldungen auf den Bildschirmen erscheint – wenn es in der Zentrale rot aufleuchtet und niemand interveniert, dann stimmt doch etwas am System nicht mehr», sagt ein Politiker.

Zwei Minuten vor Unglück hätte Alarm losgehen sollen

Auch aus Sicht des Bahnpersonals hätte gehandelt werden müssen. «Das ist ein Ereignis, wie wir es in anderen Fällen auch kennen, und die Notbremsung wäre die logische Folge gewesen. Ich kann nicht verstehen, dass das nicht passiert ist», sagt ein Gewerkschaftsvertreter. Für ihn ist unklar, weshalb trotz der Signale kein Eingriff erfolgte.

Das Gutachten zeigt, dass die Warnungen in kurzer Folge eintrafen. Insgesamt acht Fehlermeldungen wurden registriert. Ein Streckenabschnitt blieb rot angezeigt, obwohl der Zug diesen bereits passiert hatte. Gleichzeitig kam es zu Achszählerstörungen, weil das beschädigte, herunterhängende Rad Kabel zerstörte.

Bereits rund zweieinhalb Minuten vor der Entgleisung hätten diese Häufung von Meldungen Alarm auslösen müssen. Dennoch wurde die Situation weder vom System noch vom Personal als gefährlich erkannt. Ein möglicher Grund: Ähnliche Störungen waren zuvor bereits länger sichtbar und wurden offenbar als unproblematisch eingestuft.

SBB weist Vorwürfe von sich

Die SBB weist die Vorwürfe zurück. Eine Sprecherin erklärt: «Die Systeme der Betriebszentrale sind wichtig für die Sicherheit, sie überwachen aber nicht Züge, sondern die Infrastruktur.» Das bedeute, dass nicht erkannt werde, ob ein Zug entgleist. «Es hat alles korrekt funktioniert», hält sie fest.

Auch ein Experte für Eisenbahnsicherheit sieht keinen klaren Fehler bei der Bahn. «Für mich als langjähriger Eisenbahner war das nichts anderes als eine technische Achszählerstörung. Daraus konnte man auf keinen Fall eine Entgleisung interpretieren.»

Rund fünf Minuten nach dem Radbruch kam es schliesslich zur Entgleisung: Das beschädigte Rad zerstörte eine Weiche, worauf der Zug auseinandergerissen wurde.


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