Sechs Monate nach dem Lockdown – und immer noch Krise

Gil Bieler

16.9.2020 - 06:02

Vor einem halben Jahr hat der Bundesrat die Schweiz in den Lockdown geschickt. Zur Normalität sind wir bis heute nicht zurückgekehrt. Was macht das mit uns? Einschätzungen eines Experten.

Das gab es noch nie: «Alle Läden, Restaurants, Bars sowie Unterhaltungs- und Freizeitbetriebe werden (...) geschlossen», erklärte der Bundesrat am 16. März. Offen blieben einzig Gesundheitseinrichtungen und Lebensmittelläden sowie für die Infrastruktur notwendige Einrichtungen wie Tankstellen und Bahnhöfe. Die Bevölkerung sollte daheim bleiben.

Rigoroser Lockdown. Der Alltag wurde auf Minimalbetrieb heruntergefahren.

Zur Person
zVg

Linards Udris ist stellvertretender Forschungsleiter am Forschungszentrum Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Uni Zürich. 

Ein halbes Jahr ist seither vergangen – das Coronavirus ist noch immer nicht besiegt. Von Normalität kann keine Rede sein – auch wenn die meisten Einschränkungen schrittweise wieder gelockert wurden. Zu unserer «neuen Normalität», wie Bundesrat Alain Beret es nennt, gehören Hygiene, Mundschutz, Abstandhalten, Quarantäne. 

Die langfristigen Folgen der Krise für unsere Gesellschaft könnten noch nicht abgeschätzt werden, sagt der Mediensoziologe Linards Udris – die Pandemie sei schliesslich noch im Gange. Eines aber sei gewiss: «Wegen der Pandemie sind für uns weitere Selbstverständlichkeiten weggefallen.» Dass man jederzeit aus dem Haus kann, sich frei bewegen kann, reisen kann – all dies sei plötzlich infrage gestellt, sagt Udris, der stellvertretender Forschungsleiter des Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) der Uni Zürich ist.

Die Unsicherheit nimmt zu

In den vergangenen 20 Jahren sei bereits manche vermeintliche Gewissheit ins Wanken geraten: Die Terroranschläge vom 11. September 2001 hätten uns um unsere Sicherheit fürchten lassen. Die Finanzkrise 2008 habe aufgezeigt, dass Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum nicht selbstverständlich seien.

Die Unsicherheiten nehmen zu. Wobei Udris betont, dass die Schweiz solche Krisen im Vergleich zu anderen Ländern relativ glimpflich überstanden habe. Dasselbe lasse sich – bisher – auch von der Coronakrise sagen. So sei selbst im Lockdown nie eine Ausgangssperre verhängt worden, und auch die Kurzarbeit habe sich als effizient erwiesen.

Lockdown Zürich – und plötzlich ist es ruhig, SEHR ruhig

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Tag eins des Schweizer Lockdowns: Ich starte mit der Handykamera im Anschlag um kurz nach 10 Uhr von meinem Homeoffice in Manegg mit dem ÖV Richtung Innenstadt. Und wirklich: Alles ist anders.

17.03.2020

Das deckt sich mit Einschätzungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco): Ohne das Instrument der Kurzarbeit wäre die Arbeitslosenquote in der Schweiz zeitweise auf über 20 Prozent gestiegen. Das hat eine «grobe Überschlagsrechnung» ergeben, teilte das Seco vor Kurzem mit.

«Generell lässt sich beobachten, dass die Coronakrise die bestehenden gesellschaftlichen Unterschiede verstärkt», sagt Udris. «Während die Ober- und die Mittelschicht noch relativ glimpflich davongekommen sind, hat das untere Drittel der Gesellschaft zu kämpfen.» Er denkt an Angestellte aus der Gastronomiebranche, die nun um ihre Stelle zittern müssten, aber auch an Mitarbeiter aus dem Sozial- und Gesundheitsbereich: Sie seien schlecht bezahlt, zugleich aber überdurchschnittlich stark gefordert.

Auch erwartet der Forscher, dass in vielen Wirtschaftsbereichen ein starker Konzentrationsprozess einsetzt: Einige wenige Restaurants dürften überleben, viele andere schliessen. Dasselbe gelte für den Tourismusbereich, wo nur wenige Destinationen profitieren dürften. «Für die Angestellten in diesen Branchen sieht es nicht gut aus.»

Es gibt auch Grund zur Hoffnung

Trotz alledem: Udris vertraut darauf, dass die Schweizer Politik Lösungen finden wird, um diesen Krisenverlierern die nötige Hilfe zukommen zu lassen. Er denkt an Unterstützungsleistungen, aber auch an Umschulungsprogramme oder Ähnliches.

Dass sich jene Bürgerinnen und Bürger, die «genug haben» von der Krise und den Coronamassnahmen, nun lauter zu Wort melden, hält Udris nicht unbedingt für ein Problem. «Diskussionen und Streit gehören zu einer Demokratie und kamen zu Beginn der Krise sogar zu kurz.» Wichtig sei aber die Bereitschaft, einander zuzuhören, gute Argumente abzuwägen und nicht aus Prinzip Fundamentalopposition zu betreiben.

Was den gesellschaftlichen Zusammenhalt angeht, ist der Mediensoziologe sogar zuversichtlich: Werde sich die Situation auch mittelfristig nicht drastisch verschlechtern, könnte dieser am Ende gar gestärkt werden.

Noch ist die Krise nicht ausgestanden – und vieles noch offen. Doch irgendwann, glaubt Udris, werden wir uns wieder mit Küsschen und Handschlag begrüssen. «Diese Rituale haben sich über Jahrzehnte etabliert. Ein Unterbruch von ein oder zwei Jahren reicht nicht, um uns das auszutreiben.» 

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