«Ein solches Hochwasser kommt nur alle 300 Jahre einmal vor»

Von Gil Bieler

16.7.2021

Hochwasser in Schleitheim SH

Hochwasser in Schleitheim SH

Flutwellen sind am Donnerstagabend durch das Schaffhauser Dorf Schleitheim gerauscht. Der Dorfbach war über die Ufer getreten. Verletzt wurde glücklicherweise niemand.

16.07.2021

Immense Flutwellen sind am Donnerstagabend durch das Schaffhauser Dorf Schleitheim gerauscht. Verletzt wurde glücklicherweise niemand – ein Wunder? Nicht ganz, wie der Gemeindepräsident Urs Fischer erklärt. 

Von Gil Bieler

16.7.2021

Was für eine kurze Nacht er hinter sich hat, hört man Urs Fischer nicht an. Bis um 4 Uhr war der Gemeindepräsident von Schleitheim auf den Beinen, um die Folgen des Hochwassers zu bekämpfen. Zwei Stunden Schlaf mussten reichen, seit dem frühen Morgen ist er wieder auf den Beinen. «Es gibt noch viel zu tun», sagt er, als «blue News» ihn auf dem Handy erreicht.

Es sind unvorstellbare Wassermengen, die am Donnerstag durch das Dorf in Norden des Kantons Schaffhausen gerauscht sind. Und sie rissen mit, was nicht niet- und nagelfest war: Baucontainer, Bäume, Autos, sogar einen Wohnwagen – «alles, was draussen stand, ist weg», sagt Fischer. Ein Jahrhundertereignis war das nicht: «Ein solches Hochwasser kommt wahrscheinlich nur alle 300 Jahre einmal vor.»

Erstaunlich, dass niemand durch die Fluten verletzt wurde. Eine Person erlitt einen Schock, ein Feuerwehrmann wurde beim Einsatz von einem Hund gebissen, meldet die Schaffhauser Polizei. Angesichts der Horror-Meldungen aus Deutschland, wo die Fluten über 100 Menschen das Leben gekostet haben, fragt sich: Wie konnte Schleitheim so vergleichsweise glimpflich davonkommen?

Man könne die Ereignisse nicht miteinander vergleichen, findet Fischer. «Bei uns sind keine Gebäude eingestürzt, es musste auch niemand die Nacht ausserhalb seiner eigenen vier Wände verbringen.» Er wisse auch zu wenig gut, wie die Situation in den deutschen Katastrophengebieten aussehe. Dafür weiss er, was in seiner 1700-Seelen-Gemeinde gut gemacht wurde.

Das Wasser kam heftiger als erwartet

Zum einen wüssten die Leute im Dorf um das Risiko, das vom Bach ausgehe. Wegen der erheblichen Niederschlagsmengen der letzten Tage und der gesättigten Böden sei es nicht unwahrscheinlich gewesen, dass der Bach über das Ufer trete. «Überrascht sind wir aber über die Heftigkeit und die Geschwindigkeit, mit der das Wasser kam.»



Kurz nach 19 Uhr am Donnerstagabend war es, als diese Befürchtungen Realität wurden. Ernstfall. «Ab da konnte man im Minutentakt sehen, wie das Wasser gestiegen ist», sagt Fischer. Schon eine halbe Stunde später standen Strassen im Dorf einen halben Meter unter Wasser. Und das war noch lange nicht der Höchststand: «An den Spitzenorten haben wir an den Gebäuden einen Wasserstand von 1,70 Metern gemessen.»

Was können die Feuerwehr und Behörden in so einer Situation überhaupt noch tun? Wenn die Flut einmal da sei, könne man schlicht nichts mehr dagegen unternehmen. Aber davor: Warnen. «Als das Wasser stieg, sind wir dem Bachlauf nach durch das Dorf gegangen und haben die Leute angewiesen, nicht in die Strömung zu gehen», erzählt Fischer, «ja nichts retten zu wollen.» Zum Glück hätten die Bewohnerinnen und Bewohner am Ende sehr vernünftig gehandelt.

Natürlich versuche man zuerst, Gebäude mit Sandsäcken und Sperrungen zu sichern, «doch bei solchen Wassermassen ist man chancenlos».

Aus der Vergangenheit gelernt

Ein weiterer positiver Effekt: Die Zusammenarbeit zwischen den Einsatzkräften habe sehr gut funktioniert. Da zeitgleich auch in anderen Gemeinden Bäche über die Ufer traten, wurde um 19:21 Uhr die kantonale Kerngruppe Einsatzleitung aktiv. Diese koordiniert bei Grossanlässen die Feuerwehreinsätze im Kanton. Allein in Schleitheim und dem benachbarten Beggingen standen über 120 Feuerwehrleute im Einsatz.

Und: Die Gemeinde habe auch aus der Vergangenheit gelernt – speziell nach einem Hochwasser im Jahr 2016 habe man viel in den Hochwasserschutz investiert, so Fischer. Gerade erst vor zwei Wochen habe man die Bevölkerung über eine geplante Sanierung der Mauern entlang des Baches informiert, inklusive Schutzfunktion. «Dadurch sollte die Gemeinde gegen ein Jahrhunderthochwasser gewappnet sein.»

Land unter in Beggingen SH

Land unter in Beggingen SH

In Beggingen und weiteren Schaffhauser Gemeinden sind am Donnerstagabend Bäche über die Ufer getreten. Die Aufnahmen zeigen das Ausmass der Fluten.

16.07.2021

Der Schaffhauser Polizei wurden allein in Beggingen und Schleitheim rund 50 Schadensplätze gemeldet, wobei es sich nach Angaben von Polizeisprecherin Cindy Beer vor allem um geflutete Keller und Garagen handelt. Das Abpumpen habe die ganze Nacht gedauert. In einem nächsten Schritt gehe es nun darum, den Schlamm zu beseitigen und die Strassen zu räumen. Wo das weggespülte Wohnmobil abgeblieben ist, sei noch unklar: «Es ist noch nicht wieder aufgetaucht.»

Auch Fischer muss weiter, in Schleitheim ist Aufräumen angesagt. «Was uns dabei zugutekommt, ist der Zusammenhalt. Wir sind eine ländliche Gemeinde, und da hilft man einander einfach aus.» Er sehe nun Nachbarn, die zusammen anpacken würden, von denen er das nicht erwartet hätte. «Es freut mich ungemein, das zu sehen.»