Martin Pfister vor Bundesratswahl «Ich habe eine reelle Chance, morgen gewählt zu werden»

Dominik Müller

11.3.2025

Martin Pfister sagt, er rechne auch mit Stimmen aus der SVP.
Martin Pfister sagt, er rechne auch mit Stimmen aus der SVP.
Keystone

Martin Pfister will am Mittwoch in den Bundesrat gewählt werden. Im Gespräch mit blue News schätzt er seine Chancen ein, legt seine Pläne für das VBS dar und verrät sein besonderes Talent.

Dominik Müller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Am Mittwoch entscheidet die Vereinigte Bundesversammlung, wer die Nachfolge von Viola Amherd antritt.
  • Die Mitte schickt den St. Galler Nationalrat Markus Ritter und den Zuger Regierungsrat Martin Pfister ins Rennen.
  • Im Interview mit blue News nimmt Martin Pfister zur anstehenden Wahl Stellung.

Kurz vor Ablauf der Meldefrist Anfang Februar bekam Markus Ritter doch noch Konkurrenz: Mit Martin Pfister will ein zweiter Mitte-Politiker Viola Amherds Sitz in der Landesregierung erben. Galt der Zuger Regierungsrat anfänglich noch als chancenloser Aussenseiter, gehen nun am Tag vor der Wahl viele Experten von einer offenen Ausgangslage aus.

Wie hat Martin Pfister das geschafft? Was macht ihn aus? Und wie will er heute Nachmittag bei den letzten Hearings die linke Ratshälfte von sich überzeugen? Darüber hat blue News mit ihm gesprochen.

Herr Pfister, die Zürcher Gentlemen’s Clinic hat das Duell um den Bundesratssitz optisch ausgetragen. Wussten Sie, dass Sie dank Ihrer Gesichtssymmetrie knapp gewonnen haben?

(Lacht). Wenn das so ist, dann freut mich das.

Die Zentralschweiz hatte mit Kaspar Villiger zuletzt vor 22 Jahren einen Bundesrat. Ist es nun wieder an der Zeit?

Ich meine, es ist an der Zeit. Unsere Landesregierung hat zu Recht eine Ausstrahlung, dass alle Regionen und die grössten Parteien vertreten sind. Und die Zentralschweiz war schon lange nicht mehr vertreten. Deshalb ist es wichtig, dass diese Region jetzt wieder an der Reihe ist.

Die SVP hat noch keine Wahlempfehlung abgegeben. Die FDP empfiehlt beide Kandidaten zur Wahl. Bei der GLP sind sie leicht im Vorteil. Wie haben sie die Hearings am vergangenen Dienstag erlebt?

Es war ein sehr interessanter Austausch mit allen drei Fraktionen. Es war intensiv, weil je nach Grösse der Fraktion nicht alle zu Wort kamen. Ich musste in kurzer Zeit viele Fragen beantworten. Aus meiner Sicht haben die Hearings eine hohe Relevanz. Es ist ein grosser Entscheid, wenn man einen Namen auf einen Wahlzettel schreiben muss. Entsprechend finde ich es gerechtfertigt, wenn die Fraktionen den Kandidaten auf den Zahn fühlen.

Ihr Konkurrent Markus Ritter ist besonders im bürgerlichen Lager bestens vernetzt und hat als Bauernverbandspräsident mehrmals erfolgreich mit der SVP paktiert. Rechnen sie auch mit Stimmen aus der SVP?

Ich rechne auch mit Stimmen aus der SVP, aber es ist eine geheime Wahl. Wir wissen also am Schluss nicht, wer für wen gestimmt hat. Und das ist auch gut so.

Die Anhörungen bei den Grünen und der SP stehen heute noch an. SP-Ständerätin Franziska Roth hat etwa in der SRF-«Arena» gesagt, sie politisieren für den Geldadel. Wie überzeugen Sie die linke Ratshälfte, dass Sie als Vertreter eines Tiefsteuerkantons im Bundesrat am richtigen Ort sind?

Wichtig ist, dass ich ein Vertreter der Mitte bin und am Mittwoch ein Mitte-Vertreter in den Bundesrat gewählt wird. Die linken Parteien müssen beurteilen, welches Profil sie von der Persönlichkeit und von den politischen Inhalten her als geeignet für den Bundesrat erachten. Ich werde mich bei den Hearings engagieren, das linke Lager von mir zu überzeugen.

Gut möglich, dass Sie etwa im SP-Hearing auf die aggressive Steuerpolitik des Kantons Zug angesprochen werden, die Sie als Regierungsrat mitgetragen haben.

Es ist wichtig, dass man sich nicht verstellt. Ich habe meine Geschichte von neun Jahren im Zuger Regierungsrat. Ich habe nebst einer liberalen Position in Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen auch Erfahrung und einen Leistungsausweis in sozialpolitischen Fragen. So haben wir beispielsweise die wirksamste Prämienverbilligung im Kanton Zug. Als Gesundheitsdirektor habe ich mich dafür eingesetzt.

Die Grünen dürfte hingegen Ihre Haltung zum Klimaschutz interessieren. Müsste die Schweiz diesbezüglich mehr tun?

Zunächst ist es wichtig, dass die Schweiz die Klimaziele, die sie sich vorgenommen hat, konsequent verfolgt. Ich stehe hinter der Energiestrategie 2050 und finde es richtig, dass man in erneuerbare und damit auch lokale Energieträger investiert. Dieser Prozess wird in den nächsten Jahren andauern.

Zu Beginn Ihrer Kandidatur galten Sie als unbekannter Aussenseiter. Nun sprechen viele Beobachter von einem offenen Rennen. Wie sehen Sie Ihre Chancen?

Ich hätte nicht kandidiert, wenn ich mir nicht Chancen ausgerechnet hätte. Ich habe versucht, meinen anfänglichen Rückstand auf Markus Ritter aufzuholen. Ich bin zuversichtlich, dass ich eine reelle Chance habe, am Mittwoch gewählt zu werden.

Wie haben Sie diesen Rückstand aufgeholt? Haben Sie die letzten Wochen im Bundeshaus geschlafen?

(Lacht). Das nicht. Aber ich habe allen in Bern, die das wollten, das Gespräch angeboten. Ich habe viele Ratsmitglieder getroffen und ihnen die Gelegenheit gegeben, mit mir politische Themen zu besprechen und meine Persönlichkeit zu überprüfen. Natürlich spielten auch die Medien eine Rolle, indem sie mir auf den Zahn fühlten.

Hearing-Marathon vor einer Woche: Martin Pfister auf dem Weg von der Anhörung der FDP zu derjenigen der SVP.
Hearing-Marathon vor einer Woche: Martin Pfister auf dem Weg von der Anhörung der FDP zu derjenigen der SVP.
Keystone

Bei einer Wahl müssten Sie voraussichtlich das VBS übernehmen. Das Departement ist kürzlich durch den Ruag-Skandal und die Kündigung von Armee-Chef Süssli erschüttert worden. Wie sehr freuen Sie sich auf das VBS?

Ich freue mich sehr auf das VBS, weil das Thema Sicherheit in den nächsten Jahren von zentraler Bedeutung ist. Die geopolitischen Entwicklungen der letzten Wochen sind mindestens so anspruchsvoll wie die internen Herausforderungen im VBS. Aber das Bundesratskollegium entscheidet. Ich würde jedes Departement übernehmen, welches mir zugewiesen wird.

Die erwähnten Vorfälle sind nur zwei von zahlreichen Baustellen im VBS. Mehrere Projekte kämpfen mit massiven Problemen und Verzögerungen. Wie wollen Sie das Departement wieder auf Kurs bringen?

Ich will den spürbaren Vertrauensverlust sehr schnell wieder gutmachen. Dazu will ich die Probleme, die lokalisiert sind, rasch angehen und gegenüber dem Parlament Transparenz schaffen. Das Parlament muss schnell wieder Vertrauen fassen in die Tätigkeit des VBS. Das ist wichtig, zumal in den nächsten Jahren weitere Mittel für die Armee geschaffen werden müssen. Wir haben einen grossen Nachholbedarf in der Armee. Da braucht es eine klare Führung. Allerdings muss man auch sehr strukturiert vorgehen, weil die Lösungen auch in den nächsten Jahren Bestand haben müssen.

Viola Amherd hat bei der Armee auf mehr internationale Kooperation gesetzt. Müsste die Schweiz die Zusammenarbeit mit der Nato verstärken?

Wir wissen nicht genau, wie es mit der Nato weitergeht, weil die USA sehr schwierige Zeichen aussenden. Wichtig ist, dass wir mit unseren Nachbarländern die Interoperabilität und den Austausch pflegen. Unsere Nachbarn sind für die Schweiz zentral, etwa in den Bereichen Sicherheit oder Verteidigungsfähigkeit. Ich denke da beispielsweise an Übungen der Luftwaffe oder von Bodentruppen auf Waffenplätzen, die dafür besser geeignet sind, als dies in der Schweiz möglich ist. Die Prinzipien der Neutralität müssen aber eingehalten werden.

Stichwort politische Neutralität: Sollte die Schweiz anderen Ländern die Weitergabe von Schweizer Waffen an die Ukraine ermöglichen?

Ja, ich bin der Meinung, das sollte sie ermöglichen. Der Vorschlag, der derzeit im Parlament diskutiert wird und das Wiederausfuhrverbot in einigen Ländern unter einer gewissen Karenzfrist lockern will, unterstütze ich. Die Schweiz braucht eine starke Rüstungsindustrie, die zur Eigenständigkeit des Landes beiträgt. Darum: Ja, ich befürworte eine Ausweitung der Wiederausfuhr, so wie sie derzeit von den zuständigen Kommissionen vorbereitet wird.

Sie haben den Ruf eines stillen Schaffers. Die Weltpolitik wird hingegen immer lauter. In zahlreichen europäischen Ländern erzielen Rechtspopulisten Wahlerfolge, die USA werden von Donald Trump regiert. Eine Entwicklung, die Ihnen Angst macht?

Den Ausdruck «stiller Schaffer» mag ich nichts besonders. Als Politiker ist es mir wichtig, klare Vorstellungen zu haben, ein Teamplayer zu sein und den Mut zu haben, Entscheidung zu treffen. Ich habe natürlich Respekt vor den geopolitischen Entwicklungen, das ist eine wichtige Grundvoraussetzung für das Bundesratsamt. Genauso, dass man die Aufgabe strukturiert und gut vorbereitet angeht. Ich würde mit Freude meinen Beitrag zur Haltungsentwicklung des Bundesrats leisten.

Für welche Werte stehen sie ein?

Für mich bilden Anstand und Respekt die Grundlage jeder Zusammenarbeit. Ich stehe aber auch für Gerechtigkeit, Eigenverantwortung und Solidarität ein. Die beiden Letztgenannten sind in der Politik oft zwei Pole, letztlich sind sie aber beide notwendig. Das eine bedingt das andere.

Morgen Mittwoch wird gewählt. Wie verbringen sie den heutigen Abend?

Meine Frau wird am Abend nach Bern kommen und wir werden gemeinsam essen. Ich weiss auch, dass eine grosse Zuger Delegation in Bern sein wird. Ob ich diese treffen werde, weiss ich noch nicht. Es wird aber sicher ein relativer ruhiger Abend. Da gehört bei mir auch dazu, dass ich noch etwas lese. An diesem täglichen Ritual ändere ich auch am Dienstag nichts.

Seit der Fusionierung der BDP und CVP zur Mitte ist das C aus dem Parteinamen verschwunden. Wie wichtig ist Ihnen Religion?

Religion hat für mich drei Ebenen. Zunächst die private Ebene, auf der es jeder Person freisteht, einen religiösen Bezug zu haben oder nicht. Religionen übernehmen aber auch eine wichtige soziale Funktion, indem sie für einen Austausch sorgen. Und zuletzt werden mittels Religion auch Werte vermittelt, diskutiert und weiterentwickelt.

Sie leben in einer Grossfamilie. Haben Sie Respekt davor, das Familienleben und ein Bundesratsamt unter einen Hut zu bringen?

Es ist für meine Familie und mich persönlich der richtige Zeitpunkt. Unsere Kinder sind erwachsen und ausgezogen. Selbstverständlich wäre eine Wahl in den Bundesrat auch eine grosse Herausforderung für meine Frau. Aber: Wenn irgendwann die Möglichkeit für mich besteht, dann jetzt.

Zum Schluss eine Frage abseits der Politik: Haben Sie ein besonderes Talent?

Ich kann in grossen Stresssituationen ruhig bleiben. Das wurde mir einerseits in die Wiege gelegt und habe ich mir andererseits über die Jahre angeeignet. Ob das als besonderes Talent gilt, weiss ich nicht. Das wird mir aber sicher während der Wahl helfen.


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