Im Wallis verhaftet, in den USA eine Geheimdienst-«Goldmine»

Von Philipp Dahm

5.1.2022

Gefragter Mann: Nach dem Auslieferungsantrag der USA versuchte auch Moskau, Wladislaw Kljuschin ausweisen zu lassen – nach Russland, versteht sich. Verantwortliche haben jedoch angeblich bei Formalitäten gepatzt und konnten die Ausschaffung in die USA nicht verhindern.
Bild: Gemeinfrei

Nach seiner Auslieferung aus der Schweiz soll Wladislaw Kljuschin in Massachusetts der Prozess wegen Insiderhandels gemacht werden. Doch die US-Behörden erhoffen sich von dem Kreml-nahen Russen mehr.

Von Philipp Dahm

5.1.2022

Wenn die grosse Weltpolitik verschiedener Grossmächte diametral aufeinanderprallt, dann ist die Schweiz neutral. Natürlich ist sie das.

Aber die Schweiz ist ausserdem auch ein Rechtsstaat und ein internationaler Finanzplatz. Wenn also US-Behörden Bern ersuchen, einen russischen Bürger wegen Insiderhandels zu verhaften, dann leistet die Schweiz Folge, sofern die legalen Voraussetzungen erfüllt sind.

La plaine du Rhone et la piste d'atterissage de l'Aeroport international de Sion et de l'aerodrome militaire de Sion (base aerienne de l'armee Suisse) photographiee en vue aerienne ce samedi 18 aout 2018 a Sion en Valais. (KEYSTONE/Laurent Gillieron)
Wladislaw Kljuschin wird am 21. März 2021 auf dem Flugplatz Sitten verhaftet, nachdem sein Privatjet aus Moskau gelandet ist. Seine Frau und die fünf Kinder reisen weiter nach Zermatt.
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Und so kommt es, dass am 21. März 2021 in Sitten im Wallis ein Mann verhaftet wird, der sich nach Angaben seines Anwalts mit seiner Familie für Skiferien im Land aufhält: Das Bundesamt für Justiz lässt Wladislaw Kljuschin festnehmen und ordnet Untersuchungshaft an. Am 24. Juni wird seine Auslieferung verfügt, die am 18. Dezember vollzogen wird.

Der 41-Jährige wird am Flughafen Zürich von US-Ermittlern in Empfang genommen und in die Vereinigten Staaten gebracht. Am morgigen 5. Januar wird in Massachusetts Richterin Marianne Bowler dem Beschuldigten die Anklagepunkte eröffnen: Ihm und weiteren Männern wird vorgeworfen, sich Informationen erhackt und dann mit dem Wissen im Aktienhandel Kasse gemacht zu haben. Sie bestreiten die Vorwürfe.

Dickster Fisch seit Langem

Doch von jenen angeblich ergaunerten Millionen ist zum Prozessauftakt kaum noch die Rede. Denn Kljuschin, der noch 2020 von Wladimir Putin mit einem Orden der Ehre ausgezeichnet worden war, soll der «höchstgestellte Kreml-Insider» sein, den «die US-Justiz seit jüngstem Gedenken» in ihren Fingern hatte, frohlockt «Bloomberg».

Des touristes profitent d'une terrasse depuis le Gornergrat en face du Cervin pendant la crise du Coronavirus (Covid-19) a l'occasion des vacances d'ete le mercredi 5 aout 2020 a Zermatt. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Während Kljuschins Frau und Kinder in Zermatt zehn Tage Ferien machen, muss der Familienvater in der Schweiz in Einzelhaft. In dieser ist er aber nicht allein: Laut «Bloomberg» leisten bis zu zehn Polizisten dem Russen Gesellschaft.
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CNN ergänzt: «Russischer Geschäftsmann mit Verbindungen zum Kreml könnte eine ‹Goldmine› für den Geheimdienst sein.» Sprich: Vom Vorwurf des Insiderhandels wird wenig gesprochen, doch dafür machen sich die US-Behörden viele Hoffnungen, von dem Angeklagten mehr über den Informationskrieg zu erfahren, den US-Politiker Moskau unterstellen.

Kljuschin gehört in Moskau eine IT-Agentur namens M-13, die auch Behörden berät. Das und seine engen Verbindungen zum Kreml machen ihn zu einer «nützlichen Informationsquelle» der US-Geheimdienste, will «Bloomberg» aus unterschiedlichen Kreisen erfahren haben. Sie hoffen, dass der Unternehmer nicht nur etwas über die Manipulation der US-Wahlen 2016, sondern auch über andere Einflussnahmen sagen kann.

Anwerbe-Versuche von West-Agenten

Angeblich hatte der Westen den Mann deshalb schon länger im Visier: Amerikaner sollen bereits 2019 in Südfrankreich versucht haben, Kljuschin abzuwerben. Die Briten scheiterten demnach 2020 im schottischen Edinburgh mit demselben Versuch. Im März 2021 besorgte schliesslich die neutrale Schweiz die Festnahme des Osteuropäers. 

Kein Wunder, dass Kljuschins Schweizer Anwalt mit der Ausschaffung gar nicht einverstanden ist. Oliver Ciric nannte den Vorgang «unaufrichtig»: «Der wahre Grund für Herrn Kljuschins Verhaftung und Auslieferung an die USA steht in Verbindung mit der Natur seiner Arbeit und seinen Kontakten in die russische Regierung», sagt Ciric Ende 2021.

Iwan Ermakow soll direkt für Manipulationen bei den US-Wahlen 2016 verantwortlich sein, glauben US-Ermittler.
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Einer seiner Mitangeklagten in Massachusetts ist Iwan Ermakow, dem nachgesagt wird, er sei Agent des russischen Geheimdienstes gewesen und habe bei der Manipulation der Wahlen 2016 mitgemischt. Die Verhaftung Kljuschins sei deshalb eine potenzielle «Goldmine», glaubt der Sicherheitsexperte Christopher Krebs.

Spionage auf Schweizer Boden nicht tolerierbar

«Das ist aus verschiedenen Gründen ein grosser Fang», erklärt er CNN. «Wenn er umfällt, ist er vielleicht in der Lage, die Thesen der Geheimdienste zur russischen Beeinflussung der Wahl 2016 zu bestätigen.» Sollte er nicht kooperieren, könnte seine Verurteilung ein Zeichen setzen, so Krebs.

Holden Triplett, ein früherer FBI-Agent, ahnt, dass Kljuschins Auslieferung in Moskau für jede Menge Unruhe sorgt. «Wenn so einer festgenommen wird, läuft jede Operation, über die er Kenntnis hat, Gefahr, Opfer von Gegenspionage zu werden. Alles, was er angefasst hat, steht jetzt auf dem Prüfstand.»

Was sagen Schweizer Politiker zu dem Fall? Sibel Arslan ist eine aussenpolitische Grösse in der Grünen Partei: Zu den Einzelheiten in Sachen Kljuschin kann sie sich jedoch nicht äussern. «Ich bin weder die Anwältin noch die Richterin», sagt die Basler Grüne-Nationalrätin. Die Spionage-Vorwürfe seien jedoch schwerwiegend – und das «Territorialitätsprinzip einzelner Länder» müsse respektiert werden.

Sibel Arslan, GP-BS, spricht waehrend der Fruehlingsession der Eidgenoessischen Raete, am Donnerstag, 5. Maerz 2020 im Nationalrat in Bern. (KEYSTONE/Anthony Anex)
Sibel Arslan im Nationalrat in Bern: Ausweisungen in Länder, in denen die Todesstrafe droht, lehnt die Basler Grüne ab.
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«Wenn jemand das missachtet und auf unserem Boden Spionage betreibt, kann das nicht toleriert worden», bekräftigt Arslan auf Nachfrage von blue News. «Folglich muss man mit Konsequenzen rechnen.» Andererseits müssten die Verhältnisse gewahrt werden: «Bei Auslieferungen in Länder, in denen die Todesstrafe immer noch ein Thema ist, da habe ich meine Bedenken.»