Vertrieben und in Stich gelassen Neue Pflastersteine in Zürich erzählen tragische Geschichten von Nazi-Opfern

Lea Oetiker

7.5.2026

Die Stolpersteine für Lea Berr und ihren Sohn Alain wurden im Jahr 2020 in Zürich gesetzt. Sie wurden im Februar 1945 in Auschwitz ermordet.
Die Stolpersteine für Lea Berr und ihren Sohn Alain wurden im Jahr 2020 in Zürich gesetzt. Sie wurden im Februar 1945 in Auschwitz ermordet.
Bild: Keystone

Am Donnerstag werden in der Schweiz sechs neue Stolpersteine gesetzt. Sie erinnern an die Menschen, die wärend der NS-Zeit verfolgt, ermordet, vertrieben oder deportiert wurden. Das musst du dazu wissen.

Lea Oetiker

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • In der Schweiz gibt es über 50 Stolpersteine. Das sind kleine Gedenktafeln auf dem Trottoire, die den Opfern des NS-Regime gedenken.
  • Am Donnerstag, 7. Mai, werden in Zürich sechs neue Stolpersteine verlegt.
  • Dabei wird an sechs Frauen erinnert, die vertrieben, im Stich gelassen oder ermordet wurden. 

«Weil nur in Erinnerung bleibt, was wir uns in Erinnerung rufen», steht auf der Website von Stolpersteine Schweiz. Der gemeinnützige Verein engagiert sich dafür, dass Opfer des Nationalsozialismus, die zumindest einen Teil ihres Lebens in der Schweiz verbrachten und von den Schweizer Behörden nicht oder unzureichend geschützt – oder gar an Nazideutschland ausgeliefert wurden –, in Erinnerung bleiben.

Schweizweit gibt es bereits über 50 Stolpersteine. Am Donnerstag werden nun in der Stadt Zürich sechs weitere Stolpersteine im Asphalt platziert. Was du darüber wissen musst – und die Geschichten der Frauen, denen die Steine gewidmet sind.

Was sind eigentlich Stolpersteine?

Stolpersteine sind kleine Gedenktafeln auf dem Trottoir, die an Menschen erinnern, die während der nationalsozialistischen Herrschaft verfolgt, deportiert, ermordet, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden.

Das waren nicht nur Juden und Jüdinnen, sondern auch Homosexuelle, Menschen mit einer Behinderung, politisch Verfolgte, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas sowie weitere Opfergruppen des NS-Regimes (1933-1945).

Initiiert wurde das Projekt im Jahr 1992 vom deutschen Künstler Gunter Demnig. Seither wurden 116'000 Stolpersteine in über 1860 Gemeinden in 32 europäischen Ländern platziert – und ist damit das grösste dezentrale Mahnmal der Welt. Die meisten Stolpersteine befinden sich in Deutschland, vor allem in der Hauptstadt Berlin. 

Der Stolperstein von Walter Kölliker in Zürich. Ein schweizerischer Pazifist, der während der nationalsozialistischen Herrschaft als Mitglied der KPD umgebracht wurde.
Der Stolperstein von Walter Kölliker in Zürich. Ein schweizerischer Pazifist, der während der nationalsozialistischen Herrschaft als Mitglied der KPD umgebracht wurde.
Bild: Keystone

Jeder Stolperstein misst etwa zehn mal zehn Zentimeter, besteht aus einem Betonwürfel mit einer Messingplatte und wird vor dem letzten selbstgewählten Wohnhaus der Opfer eingelassen. Die Gravur beginnt meist mit «Hier wohnte …» und nennt Name, Geburtsdatum sowie Schicksal wie Deportation oder Tod.

Der Begriff Stolperstein spielt darauf an, dass Passanten nicht physisch, sondern geistig «stolpern» sollen: Sie halten inne, lesen die Inschrift und gedenken den individuellen Schicksale aus der NS-Zeit.

Wo findet man in der Schweiz überall Stolpersteine?

In der Schweiz werden seit dem Jahr 2013 Stolpersteine verlegt. Mittlerweile gibt es um die 53. Sie befinden sich in Basel, Bern, Biel, Brissago, Kreuzlingen, Riehen, Tägermoos, St. Gallen, Winterthur, Zürich und im Onsernonetal. 

Die drei verlegten Stolpersteine im Tessin. blue News war damals vor Ort.
Die drei verlegten Stolpersteine im Tessin. blue News war damals vor Ort.
Bild: blue News / pab

Welche Schicksale stecken hinter den neuen Stolpersteinen?

Ab Donnerstag kommen sechs weitere Stolpersteine dazu, sie werden alle in Zürich verlegt. Stolpersteine Schweiz hat die Geschichten der betroffenen Personen dokumentiert:

Madeleine Jeanne Küthi an der Kurvenstrasse 31, 8006 Zürich

Madeleine Jeanne Lüthi wurde am 18. Mai 1919 in Delsberg JU (Kanton Jura) geboren. Über ihre Kindheit ist wenig bekannt. Hinweise deuten darauf hin, dass sie als Jugendliche als «schwierig» galt und zeitweise in einem Erziehungsheim im Kanton Bern untergebracht war.

Später lebte sie in Zürich, heiratete 1939 einen Mann namens Robert Lattmann und bekam 1941 einen Sohn. Die Ehe verlief konfliktreich, mehrere Scheidungsanträge wurden zunächst abgelehnt. Lüthi geriet wiederholt mit den Behörden in Konflikt, unter anderem im Zusammenhang mit Sexarbeit und kleineren Delikten.

1944 wurde sie im Wallis wegen «Trunkenheit und unerwünschter Kontakte» polizeilich registriert und aus dem Kantonsgebiet ausgewiesen. Kurz darauf überschritt sie mit einer Gruppe illegal die Grenze nach Frankreich, angeblich mit dem Ziel, sich dem «Maquis», also dem französischen Widerstand, anzuschliessen.

Die Gestapo verhaftete sie jedoch und brachte sie nach Deutschland, wo sie Zwangsarbeit leisten musste. Ein Versuch, über das Schweizer Konsulat gültige Papiere zu erhalten, scheiterte. Stattdessen leitete die Schweiz ein Strafverfahren gegen sie ein. 1945 wurde sie in Abwesenheit zu einer Haftstrafe von 15 Tagen und Gerichtskosten von 30 Franken verurteilt.

Auf dem Bild markiert: Die Kurvenstrasse 31 im Kreis 6 in Zürich. In der Mitte des Bildes sieht man den Zürcher Hauptbahnhof.
Auf dem Bild markiert: Die Kurvenstrasse 31 im Kreis 6 in Zürich. In der Mitte des Bildes sieht man den Zürcher Hauptbahnhof.
Screenshot map.geo.admin.ch

In Deutschland verschärfte sich ihre Lage: Wegen «deutschfeindlicher Haltung» wurde sie ins KZ Buchenwald deportiert. Nach einem gescheiterten Fluchtversuch blieb sie dort bis zur Befreiung im April 1945. Lüthi erlitt im Lager von den Deutschen schwere Misshandlungen, ihr wurden die Zähne ausgeschlagen und sie wurde zwangssterilisiert. Im Juni 1945 wurde sie mittellos und ohne Papiere an der Schweizer Grenze aufgegriffen.

Nach dem Krieg wurde das Urteil gegen sie reduziert und die Ehe geschieden. Gesundheitlich blieb sie schwer gezeichnet. Entschädigungsforderungen wurden nur teilweise anerkannt: Trotz belegter Leiden zweifelten die Behörden die Langzeitfolgen an und verwiesen auf ihren «schlechten Leumund».

1960 erhielt sie eine gekürzte Entschädigung von 5000 Franken, später ergänzt um 2500 Franken. 1964 wurde das frühere Gerichtsurteil formell aufgehoben. Madeleine Lüthi starb 1982 in New York.

Rosa Sticki-Makow und Töchter Florentine, Marie und Mauricette an der Dufourstrasse 70, 8008 Zürich

Rosa Makow wurde am 6. Oktober 1908 in der Schweiz geboren. Sie war die jüngste Tochter von Samuel und Jeanette Makow und wuchs mit zwei älteren Brüdern zunächst in Wülflingen ZH und später in Zürich an der Dufourstrasse 70 auf. Die Familie erhielt 1912 das Schweizer Bürgerrecht. Von wo genau sie ursprünglich stammen, geht aus den Unterlagen nicht hervor. Es ist jedoch anzunehmen, dass es sich um eine jüdische Familie handelte. Ihr Vater arbeitete als Reisender.

Im Alter von etwa 20 Jahren heiratete Rosa den Franzosen Bernhart Sticki und zog mit ihm nach Frankreich, nach Lunéville in Lothringen. Durch die Heirat verlor sie das Schweizer Bürgerrecht und wurde französische Staatsbürgerin. Das Paar hatte drei Töchter: Florentine, Marie und Mauricette.

Die Adresse Dufourstrasse 70 liegt im Zürcher Kreis 8 am rechten Zürichseeufer. Hier wohnte Rosa Sticki-Makow.
Die Adresse Dufourstrasse 70 liegt im Zürcher Kreis 8 am rechten Zürichseeufer. Hier wohnte Rosa Sticki-Makow.
Screenshot map.geo.admin.ch

1939 reiste Rosa zur Beerdigung ihrer Mutter in die Schweiz. Ein Angebot von Verwandten, mit ihren Kindern dauerhaft dort zu bleiben, lehnte sie ab – offenbar in der Annahme, dass Frankreich nicht von Deutschland angegriffen würde. Mit dem Zweiten Weltkrieg verschlechterte sich die Lage für die Familien in Frankreich jedoch zunehmend.

Gleichzeitig verschärfte die Schweiz ihre Flüchtlingspolitik. Bis etwa 1941 bestanden noch begrenzte Möglichkeiten, Kinder aus Frankreich in die Schweiz zu bringen, etwa über organisierte Transporte mit Einreisevisa.

Mit der Grenzschliessung im August 1942 wurden solche Wege weitgehend blockiert. Besonders umstritten war die Rolle des Schweizerischen Roten Kreuzes, das jüdische Kinder offiziell von Hilfsaktionen ausschloss – auch wenn einzelne Mitarbeitende zu helfen versuchten.

Auch Rosa Sticki versuchte, ihre Töchter in Sicherheit zu bringen. Ein Gesuch, die Kinder über das Rote Kreuz für einen Aufenthalt in die Schweiz zu schicken, wurde jedoch abgelehnt, vermutlich nach der Grenzschliessung im August 1942. Damit scheiterte die letzte bekannte Rettungsmöglichkeit.

Am 13. April 1944 wurden Rosa und ihre drei Töchter vom Sammellager Drancy bei Paris nach Auschwitz deportiert. Wenige Tage später wurden sie ermordet. Ihr Mann Bernhart war der einzige Überlebende der Familie.

Margareta Gümpel an der Hammerstrasse 41, 8008 Zürich

Margareta «Margrit» Gümpel wurde am 4. Januar 1925 in Bukarest geboren. Ihre Mutter Margarethe, eine in der Schweiz aufgewachsene deutsche Staatsangehörige, arbeitete als Dienstmädchen, ihr Vater, Adolf Meier, war ein verheirateter Schweizer und Margarethes Arbeitgeber.

Die aussereheliche Beziehung begann, nachdem Meiers Ehefrau in eine psychiatrische Anstalt eingewiesen worden war. Ende 1924 zog das Paar nach Bukarest, da Meier dort eine Stelle erhielt. Nach der Rückkehr in die Schweiz 1931 zerbrach die Beziehung der Eltern.

Margrit wuchs fortan unter schwierigen Umständen auf: Die Mutter verdiente als Dienstmädchen zu wenig, das Kind kam in Heime, stand unter Vormundschaft und wurde früh als «bildungsunfähig» eingestuft.

Mehrere Platzierungen folgten, zuletzt im Luisenstift in Zürich. Dort durfte Margrit den Kindergarten besuchen. Die Lehrerin widersprach der Diagnose und beschrieb Margrit als ruhiges, lernfähiges Kind mit praktischem Geschick. Doch die finanziellen Mittel fehlten für eine gezielte Förderung. Aufgrund von Arbeitslosigkeit bezahlte der Vater die Alimente nur sehr unregelmässig, die Mutter konnte mit ihren Lohn die Kosten nicht tragen.

Damit geriet Margrit ins Spannungsfeld der damaligen Fremden- und Armenpolitik. Als uneheliches Kind hatte sie die deutsche Staatsangehörigkeit der Mutter. Das Schweizer Recht sah vor, mittellose Ausländerinnen und Ausländer, die der Fürsorge zur Last fielen, in ihr Herkunftsland zurückzuführen.

1934 drohte die Ausweisung. Nachdem weder Vater noch Mutter die finanzielle Situation stabilisieren konnten, erklärte sich die Mutter im Oktober desselben Jahres mit der «Heimschaffung» einverstanden, in der Hoffnung, ihre Tochter in einer grenznahen Einrichtung weiterhin besuchen zu können.

Margareta Gümpel wohnte an Hammerstrasse 41 in Zürich im Kreis 8.
Margareta Gümpel wohnte an Hammerstrasse 41 in Zürich im Kreis 8.
Screenshot map.geo.admin.ch

Am 23. Januar 1935 wurde Margrit nach Deutschland überstellt und im St. Josefshaus in Herten untergebracht. Was als Fürsorgemassnahme erschien, führte sie wenige Jahre später in die Maschinerie nationalsozialistischer Vernichtungspolitik.

Zwischen 1940 und 1941 wurden im Rahmen der sogenannten «Aktion T4» rund 70’000 Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen systematisch ermordet. Ein zentrales Kriterium war die zugeschriebene «Bildungsfähigkeit».

Margrit wurde im Juli 1940 zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen verlegt und am 21. August in die Tötungsanstalt Grafeneck transportiert. Dort wurde sie im Alter von 15 Jahren ermordet. Den Angehörigen teilten die Behörden später mit, sie sei an Diphtherie und Herzschwäche gestorben.

In Zürich reagierte die Vormundschaftsbehörde misstrauisch auf widersprüchliche Angaben und leitete Nachforschungen ein. Hinweise deuten darauf hin, dass man den gewaltsamen Tod erkannte. Ob auch die Eltern Gewissheit hatten, bleibt offen. Viele Spuren sind verloren: Kurz vor Kriegsende zerstörten die Nationalsozialisten einen grossen Teil der Patientenakten.

Was genau sollen die Stolpersteine bringen?

Stolpersteine werden bis heute aus mehreren Gründen verlegt. Vor allem aber, um zu erinnern. «Mit den Steinsetzungen wollen wir der Opfer gedenken und an die Verbrechen des Nationalsozialismus und die in vielen Fällen unterlassene Hilfe durch die Schweizer Behörden erinnern – in der Hoffnung, dass sich dies nie mehr wiederholt», so Stolperstein Schweiz.

Zugleich sollen die Steine ein Zeichen setzen gegen die gezielte Entmenschlichung durch die Nationalsozialisten, die die Identität ihrer Opfer auslöschen wollten. Die Steine liegen meist vor den letzten freiwillig gewählten Wohnorten. So geben sie den Verfolgten ihren Namen, ihre Würde und ihren Platz in der Gesellschaft zurück.

Warum steht die Schweiz wegen ihres Verhaltens im Zweiten Weltkrieg in der Kritik?

Die Schicksale von Madeleine Lüthi sowie Rosa Sticki-Makow und ihren Töchtern veranschaulichen zentrale Aspekte der Schweizer Politik während des Zweiten Weltkriegs.

Die Geschichte von Madeleine Lüthi zeigt, wie der Schweizer Staat die Unterstützung seiner Angehörigen in den Konzentrationslagern unterliess. Dazu kommt die mysogyne Haltung der damaligen Behörden zu Tage.

Zudem ist die Flüchtlingspolitik der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs ein stark umstrittenes Kapitel der Schweizer Geschichte. Sie war geprägt von Restriktionen, Überfremdungsängsten und einer antisemitisch geprägten Ausländerpolitik.

Bereits bestehende Stolpersteine in Zürich.
Bereits bestehende Stolpersteine in Zürich.
Bild: Keystone

Im Sommer 1942 schloss die Schweiz ihre Grenze für zivile Flüchtlinge, die «nur aus Rassengründen» verfolgt wurden. Dazu gehörten vor allem Jüdinnen und Juden. Tausende Flüchtlinge wurden an der Grenze zurückgewiesen und damit oft in den sicheren Tod durch die Nationalsozialisten geschickt.

Laut der Schweizer Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus konnte nachgewiesen werden, dass mindestens 25'699 Menschen, die während des Zweiten Weltkriegs Zuflucht in der Schweiz suchten, an den Grenzen weggewiesen wurden.


Die sechs Stolpersteine werden am Donnerstagnachmittag, 7. Mai 2026, platziert. Die Veranstaltung ist öffentlich und beginnt um 13:30 Uhr an der Kurvenstrasse 31, 8006 Zürich. Weitere Informationen dazu findest du hier.


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