«Hat mich vorher nicht interessiert» Individualbesteuerung beschlossen – doch erst jetzt wollen alle wissen, was sie zahlen

Petar Marjanović, Bern

9.3.2026

Marianne Binder-Keller: «Ich glaube, es war eine sehr komplizierte Vorlage»

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«Es gibt eine Freunde und ein wenig Enttäuschung», sagt Marianne Binder-Keller zur Individualbesteuerung.

08.03.2026

Kaum war das Ja zur Individualbesteuerung beschlossen, wollten viele Stimmberechtigten wissen, was das für den eigenen Geldbeutel bedeutet. 

Petar Marjanović, Bern

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Nach dem Ja zur Individualbesteuerung erreichten die blue News-Redaktion zahlreiche Fragen vom Bürgerinnen und Bürgern zu den persönlichen Steuerfolgen.
  • Besonders Einverdienerpaare befürchten nun höhere Belastungen, während Doppelverdiener auf Entlastung hoffen.
  • Viele gaben zu, sich erst nach der Abstimmung wirklich mit dem Thema beschäftigt zu haben. 

Als das Ja-Resultat bei der Individualbesteuerungs-Abstimmung gestern fix war, war bei der blue News Redaktion zu beobachten, wie sich das Posteingang und der WhatsApp-Kanal füllten: Viele Bürgerinnen und Bürger fragten nach, was die Individualbesteuerung für sie ganz persönlich heisst. 

Viele Nachrichten lauteten etwa so: «Wir sind beide pensioniert, keine Pensionskasse. Mein Ehemann hat eine AHV von rund 23'000 Franken. Ich erhalte eine AHV vonn 22'000 Franken. Wie hoch werden unsere Steuern werden?» Andere wollten wissen, was die Individualbesteuerung für sie als Geschiedene oder kinderreiche Familien bedeutet.

Auslöser der Flut an Anfragen war ein Artikel von blue News mit einem Online-Rechner, mit dem sich die ungefähren Änderungen bei der Bundessteuer berechnen liessen. Spätestens am Sonntagnachmittag kletterten die Aufrufzahlen des Beitrags rasant nach oben.

Unter den Zuschriften war etwa die eines Familienvaters, der mit der Ehefrau und drei minderjährigen Kindern lebt, Alleinverdiener ist und rund 130'000 Franken im Jahr verdient. Er wollte wissen, wie sich das Abstimmungsresultat auf seine Steuerbelastung auswirkt. Ein anderer Mann fragte, ob es Folgen habe, dass das gemeinsame Haus auf den Namen seiner Ehefrau eingetragen ist.

blue News sprach mit mehreren Stimmberechtigten, um zu erfahren, weshalb sie sich erst nach dem Abstimmungssonntag mit dem Thema beschäftigten. Ein 50-jähriger Mann erklärte offen, die Abstimmung habe ihn nicht interessiert, um die Finanzen kümmere sich seine Frau. Er arbeite viel und habe keine Lust, sich noch mit Politik auseinanderzusetzen, wolle diese Haltung nun aber überdenken

Politikerinnen aus verschiedenen Parteien haben das Ja gefeiert.
Politikerinnen aus verschiedenen Parteien haben das Ja gefeiert.
KEYSTONE

Vor allem Einverdienerhaushalte reagierten verärgert. Sie müssen künftig mit einer höheren Steuerrechnung rechnen, was für viele als Fortsetzung der sogenannten «Heiratsstrafe» empfunden wird. Besonders betroffen sind Paare, in denen ein Partner finanziell vom anderen abhängig ist – oft «traditionelle Ehen» genannt.

Auch zahlreiche positive Rückmeldungen

Doch es gab auch viele positive Rückmeldungen. Paare, in denen beide arbeiten, profitieren laut Bundesdaten künftig von tieferen Steuern. Karl und Anita S. aus Bern-Bümpliz gehören dazu. Das Ehepaar teilt sich die Kinderbetreuung und arbeitet Teilzeit. Sie verdient rund 100'000 Franken, er etwa 60'000. Seit Jahren zahlten sie höhere Steuern, nur weil sie verheiratet sind. Nun erwarten sie endlich Entlastung und sehen darin ein Stück mehr Gerechtigkeit.

Angesprochen auf die zahlreichen Reaktionen von verheirateten Einverdiener-Haushalten, sagt Anita S. verärgert: «Ich bin es satt dafür zahlen zu müssen, dass solche Männer bei den Steuern bevorzugt werden, weil sie ihre Frau zuhause lassen.» 

Die Individualbesteuerung wurde vor allem in ländlichen Gemeinden abgelehnt.
Die Individualbesteuerung wurde vor allem in ländlichen Gemeinden abgelehnt.
Keystone

Anita S. zeigt wenig Verständnis für die Klagen klassischer Einverdienerfamilien. Sie ärgert sich darüber, dass solche Männer steuerlich bevorzugt würden, während Doppelverdiener jahrelang benachteiligt gewesen seien. Sie habe grosses Verständnis dafür, dass es für solche Familien nun schwierig werde. «Von solchen Familien habe ich aber nie Mitleid dafür gehört, dass Doppelverdiener-Haushalte jahrzehntelang wegen der Heiratsstrafe steuerlich abgezockt wurden.»