Eine Grüne aus dem Aargau wird höchste Schweizerin

ga, sda

27.11.2021 - 16:33

Irène Kälin ist auf dem Sprung in höchste politische Weihen.
Bild: Keystone

Ab Montag wird das ganze Land ihren Namen kennen: Dann wählt der Nationalrat Irène Kälin zur höchsten Schweizerin für 2022. Die Grünen-Politikerin hat sich trotz klarem Linkskurs im bürgerlichen Aargau durchgesetzt.

ga, sda

27.11.2021 - 16:33

Sie ist studierte Islamwissenschaftlerin und hat einen Master in Religionskulturen. Sie setzt sich ein für eine menschenwürdige Asyl- und Sozialpolitik, für Klimaschutz, für starke Rechte von Arbeitnehmenden und für mehr Krippenplätze. Und sie kämpft gegen Atomkraftwerke – ausgerechnet im Aargau.

All das sind Positionen, die in ihrem bürgerlich geprägten Heimatkanton für rote Köpfe sorgen. Aber Irène Kälin hat es mit ihrer Hartnäckigkeit geschafft, in Bern als Stimme des «anderen Aargaus» wahrgenommen zu werden.

Mutig vertrat sie ihre Meinung schon im Kantonsparlament. Und sie schlug sich in mehr als einer Diskussionsschlacht im TV-Regionalsender tapfer gegen SVP-Exponenten.

«Ich habe mich einfach für meine politischen Überzeugungen eingesetzt und meinen Kompass – grün, sozial und solidarisch – nie aus den Augen verloren», betont Kälin im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA: «Manchmal war ich damit erfolgreich oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Manchmal nicht.»



Sie sei habe eigentlich nie politische Karriere machen wollen. «Ich wollte mich einfach dafür einsetzen, dass unsere Kinder und Enkelkinder eine lebenswerte Zukunft haben – auf und mit unserem Planeten.» Es liege an ihr, authentisch zu bleiben.

Nachrücken in Bern

Der politische Aufstieg der in Lenzburg aufgewachsenen Politikerin verlief zwar schnell – aber nicht wie am Schnürchen. Ab 2014 gehörte sie dem Kantonsparlament an; zuletzt war die Fraktionspräsidentin.

Bei den eidgenössischen Wahlen 2015 kandidierte sie dann auf dem Spitzenplatz der Grünen Liste und gleichzeitig trat sie zur Ständeratswahl an. Das volle Programm. Der Wahltag endete ohne Erfolg.

In den Nationalrat gewählt wurde Jonas Fricker, der auf dem zweiten Listenplatz kandidiert hatte. Die Grünen eroberten keinen zweiten Sitz. Und bei der Ständeratswahl landete Kälin abgeschlagen auf dem fünften Platz.

Aber eine Niederlage muss nicht das Ende sein. Im November 2017 – vor nur vier Jahren – kam Kälin im Nationalrat an. Sie ersetzte Fricker. Dieser trat zurück, nachdem er im Parlament Schweinetransporte mit der Deportation von Juden verglichen hatte. Die Wiederwahl von Kälin im Oktober 2019 war reine Formsache.

In vier Jahren an die Spitze

Kälin ist auch eine Politikerin mit einem gewissen Promifaktor. Als sie schwanger war, posierte sie für die «Schweizer Illustrierte» im Bundeshaus. Und später nahm sie ihren Sohn auch mal in einer Babytrage mit in den Nationalratssaal.

Das sind News abseits der harten Politik. Sie lebt zusammen mit ihrem Sohn und ihrem Partner Werner De Schepper, einst «Blick»-Chefredaktor, im ländlichen Schenkenbergertal im Bezirk Brugg.

Die 34-jährige Kälin wird eine der jüngsten Nationalratspräsidentinnen der Geschichte sein. Nur gerade vier Jahre nach ihrem ersten Tag im Nationalrat dürfte sie zur Ratspräsidentin gewählt werden. Aus dem Aargau kam übrigens die jüngste Präsidentin: Bei der Wahl 2009 war die damalige SP-Nationalrätin Pascale Bruderer 32 Jahre alt.

Als höchste Schweizerin will Kälin das Thema «Vereinbarkeit» ins Zentrum stellen. «Es ist mir ein grosses Anliegen, die Vereinbarkeit unterschiedlicher Lebensrealitäten und Perspektiven zu fördern», betont sie.

Und es gibt auch die Vereinbarkeit von verschiedenen Meinungen – vor allem in Zeiten der Corona-Pandemie. «Wir haben ja eine politische Kultur der Einbindung möglichst aller Meinungen», weiss Kälin.

Vom Licht am Ende des Tunnels

«Trotzdem komme ich zum Schluss, dass wir die Vereinbarkeit von verschiedenen politischen Meinungen und Positionen nicht immer so gut hinbekommen, wie wir es sollten. Denn Vereinbarkeit würde hier bedeuten, dass wir Lösungen und Kompromisse ausarbeiten, die die Probleme lösen und vor dem Volk Bestand haben.»

«Ich hatte viel Hoffnung, dass ich die Präsidentin sein werde, die zurück in die Normalität führen darf. Aber wenn ich in unsere Nachbarländer schaue und unsere Kurven anschaue, dann bin ich nicht mehr so sicher, ob das Licht am Ende des Tunnels schon zu sehen ist», gibt Kälin zu bedenken: «Das erfüllt mich mit ebenso tiefer Sorge wie die Sorge um den Corona-Graben, der quer durch unser Land verläuft.»

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