Ohrfeigen, Eierwürfe und Schmähschriften Im Stadtzürcher Wahlkampf erleben Kandidierende Hass und Gewalt

Stefan Michel

26.2.2026

Wer sich politisch exponiert, wird zum Angriffsziel: Parteien von links bis rechts klagen über verbale und physische Angriffe sowie Vandalismus im Stadtzürcher Wahlkampf.
Wer sich politisch exponiert, wird zum Angriffsziel: Parteien von links bis rechts klagen über verbale und physische Angriffe sowie Vandalismus im Stadtzürcher Wahlkampf.
KEYSTONE

Kandidierende im Stadtzürcher Wahlkampf klagen über verbale und physische Angriffe auf sie sowie über Vandalismus. Ob solche Übergriffe tatsächlich häufiger geworden sind, ist jedoch unbewiesen. 

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Im Zürcher Wahlkampf sind Kandidierende aller Parteien vermehrt mit Vandalismus, Hassbotschaften und in einem einzelnen Fall physischer Gewalt konfrontiert, was im Gemeinderat parteiübergreifend verurteilt wurde.
  • Betroffen sind unter anderem SVP-, FDP-, SP-, AL- und GLP-Politiker, wobei Vorfälle von Ohrfeigen über beschmierte Häuser und beschädigte Plakate bis zu Online-Hass reichen.
  • Ob die Gewalt in der Zürcher Politik tatsächlich zunimmt, ist mangels Vergleichsdaten unklar. Eine landesweite Studie hat ergeben, dass die Mehrheit der Politiker*innen Anfeindungen erlebt.

Im Stadtzürcher Wahlkampf fliegen die Fetzen – oder genauer Eier und Beschimpfungen. Von links bis rechts sehen sich Kandidierende Vandalenakten, Hassbotschaften und vereinzelt sogar physischer Gewalt ausgesetzt, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. 

Am Mittwochabend schlugen im Gemeinderat alle Parteien ungewohnt einig Töne an. Man beklage eine «besorgniserregende Zunahme der Gewaltbereitschaft». Es dürfe nicht sein, dass sich Politikerinnen und Politiker im Wahlkampf nicht mehr sicher fühlen könnten. Auch der Stadtrat fand klare Worte, verurteilte «Gewalt und Vandalismus» und rief zu mehr Toleranz auf.

Folgende Vorfälle haben Schlagzeilen gemacht:

Am Albisriederplatz im Kreis 4 haben Unbekannte einen Gemeinderatskandidaten der SVP geohrfeigt. Dieser flüchtete sich darauf in ein Taxi. Auf die Hauseingänge von zwei anderen SVP-Mitgliedern wurde «FCK SVP» geschmiert. Die Stadtzürcher SVP klagt schon länger, dass Linksextreme ihre Standaktionen störten. 

Die FDP berichtet von «flächendeckendem Vandalismus» an ihren Wahlplakaten.

Die eingangs erwähnten Eier flogen gegen das Küchenfenster des SP-Kandidaten Jascha Harke. Dieser gehört der Gruppe SP Queer an.

Über Online-Hassbotschaften klagen David Garcia Nuñez (Alternative Liste) und der FDP-Anwärter für das Amt des Stadtpräsidenten Përparim Avdili.

Speziell ist der Fall des GLP-Gemeinderats Ronny Siev. Dieser hat selber islamfeindliche Posts auf seinen sozialen Medien veröffentlicht, hat deshalb eine Anzeige wegen Verletzung der Anti-Rassismus-Strafnorm am Hals und wurde von seiner eigenen Partei gerügt. Er habe sich für die Posts entschuldigt, gibt diese auf dem Portal «tsüri» bekannt.

Sie beklagt nun aber, dass in seinem Wohnquartier Flugblätter verteilt wurden, die aufrufen, Sie nicht zu wählen, weil er hetzerische und menschenverachtende Inhalte verbreitet habe. Zum «Tages-Anzeiger» sagt er, seine Aussagen seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. Er werde immer wieder beschimpft, weil er sich gegen Antisemitismus und für das Existenzrecht Israels einsetze.

Nicht alle Politiker*innen sind ein gutes Vorbild

Dass verbale und physische Gewlt gegen Kandidierende in Zürich zunehmen, lässt sich nicht beweisen. Dazu fehlten die Vergleichsdaten, sagt Politologin Sarah Bütikofer vom Forschungsinstitut Sotomo im «Tages-Anzeiger». Sie hat an einer nationalen Studie der Universität Zürich zu Anfeindungen gegen kantonale und eidgenössische Parlamentsmitglieder mitgearbeitet. 

Bütikofer gibt zu bedenken, dass auch manche Gewählte nicht mit Angriffen auf politische Gegner zurückhielten. Sie verweist auf laufende Verfahren gegen Politiker*innen wegen Angriffen und Beleidigungen. Dabei seien diese Vorbilder für den Diskurs in der Öffentlichkeit. 

Die Befragung von 3500 Parlamentsmitglieder in der ganzen Schweiz hat ergeben, dass besonders jene von Beschimpfungen oder Gewalt betroffen seien, die oft in den Medien sind und sich zu kontroveresen Themen wie Zuwanderung, Gleichstellung oder Verkehrspolitik positionieren. Schweizweit erleben Exponent*innen der Grünen und der SVP besonders oft Anfeindungen aller Art. Fast alle nationalen und drei Viertel aller kantonalen Parlamentarier*innen seien Ziel von Hassbotschaften.

Generell fällt es Menschen leichter, andere zu beschimpfen, wenn sie dies anonym tun können, allen voran online. Erstaunlich ist, dass Gemeinde-Parlamentarier*innen am häufigsten von Ratskolleg*innen anderer Parteien beschimpft werden. Dies mache den grössten Tiel der erlebten Anfeindungen aus.

Wegen der Ohrfeige gegen den Stadtzürcher SVP-Mann laufen Ermittlungen. Wer ihm diese verabreicht hat, ist nicht bekannt. Andere Vorfälle bleiben unaufgeklärt. Ebenso die Frage, ob das Klima in Stadtzürcher Wahlkämpfen rauer geworden ist. Zumindest gibt es die berechtigte Hoffnung, dass es nach den Wahlen am 8. März ruhiger wird.