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Jean Ziegler war langjähriger Nationalrat für den Kanton Genf. (Archivbild)
Keystone
Jean Ziegler ist gestorben. Der langjährige Politiker, Wissenschaftler und UNO-Experte wurde 92 Jahre alt. Bis ins hohe Alter äusserte er sich regelmässig zu gesellschaftlichen und politischen Fragen.
Der Schweizer Soziologe, Politiker und UNO-Experte Jean Ziegler ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Dies berichtet RTS unter Berufung auf seine Familie.
Ziegler war als langjähriger SP-Nationalrat, Professor für Soziologie sowie als früherer UNO-Sonderberichterstatter international bekannt. Auch im hohen Alter meldete er sich regelmässig kritisch zu Wort, insbesondere gegen den Kapitalismus, und engagierte sich für das, was er den «Aufstand des Gewissens» nannte.
Akademisch lehrte er unter anderem in Genf und an der Pariser Sorbonne. Politisch vertrat er den Kanton Genf im Nationalrat von 1967 bis 1983 sowie erneut von 1987 bis 1999. Später war er von 2000 bis 2008 als UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung tätig und gehörte zudem einer UNO-Taskforce für humanitäre Hilfe im Irak an.
Geboren wurde Ziegler am 14. April 1934 in Thun. Er wuchs in einem bürgerlichen Umfeld auf, wandte sich jedoch bereits als 18-Jähriger von seiner Familie ab und ging nach Paris. Dort prägten ihn unter anderem Begegnungen mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir.
In seinem 1976 veröffentlichten Buch «Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben» griff er die Eliten des Landes frontal an. Das Werk stellt die Profite der multinationalen Schweizer Konzerne auf Kosten der Ärmsten, das Bankgeheimnis und die von der Finanzindustrie gekaperten politischen Institutionen an den Pranger.
Während die bürgerliche Schweiz mit allen Mitteln versuchte, diesen Grossangriff auf eine Reihe von helvetischen Mythen zu unterdrücken, schlug das Buch im Ausland wie eine Bombe ein. Die internationale Presse griff die Themen auf und bot den Thesen des Soziologen einen gewaltigen Resonanzboden.
1990 stellte er den Finanzplatz im Werk «Die Schweiz wäscht weisser» ins Rampenlicht und an den Pranger. Das brachte ihm die schlimmsten juristischen Probleme ein. Ziegler musste sich einer Prozesslawine stellen und seine parlamentarische Immunität als Nationalrat wurde aufgehoben. Schliesslich wurde er zu Hunderttausenden von Franken Schadenersatz verurteilt.
Für Jean Ziegler waren die Bücher seine Waffen. Insgesamt schrieb er rund 20 Publikationen, von denen einige ein immenses Echo hervorriefen wie etwa 1997 «Die Schweiz, das Gold und die Toten» über die Haltung des Bundes während des Zweiten Weltkriegs.
Die aus seiner Sicht äusserst brutale kapitalistische Weltordnung bezeichnete Ziegler als kannibalisch. Von Gewalt als Mittel zur Veränderung der Verhältnisse distanzierte er sich nicht. Den Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine verurteilte Ziegler 2022 auf das Schärfste. Putin sei für ihn ein unberechenbarer Diktator.
Als jahrzehntelanges Mitglied der SP sass der perfekt zweisprachige Ziegler für den Kanton Genf zweimal im Nationalrat. Sein erstes Mandat hielt er von 1967 bis 1983, das zweite von 1987 bis 1999. Beide Male wurde er nicht wiedergewählt.