Uralte Gesangsform Jodeln in der Schweiz soll Unesco-Weltkulturerbe werden

dpa

6.11.2025 - 21:18

Das Jodeln gehört zur Schweizer Tradition. 
Das Jodeln gehört zur Schweizer Tradition. 
sda (Archivbild)

Kaum ein Klang prägt die Schweiz so sehr wie das Jodeln. Nun soll diese uralte Gesangsform Weltkulturerbe werden. In Paris entscheidet sich, ob die Stimmen der Alpen auch international Gehör finden.

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DPA, Redaktion blue News

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  • Die Schweiz hat das Jodeln bei der Unesco als immaterielles Weltkulturerbe beantragt, eine Entscheidung wird bis Ende 2025 erwartet.
  • Jodeln hat sich von einem Hirtenruf zu einer vielfältigen Gesangsform mit musikalischen Einflüssen aus Klassik, Jazz und Country entwickelt.
  • Um die Tradition zu erhalten, wird Jodeln zunehmend in Bildung integriert, etwa durch Lehrerfortbildungen und ein Hochschulstudium in Luzern.

Welcher Alpentourist kennt sie nicht – die Jodler in Lederhosen und Filzhut, die melodisch durch die Täler tönen? Mindestens 12'000 sind allein in der Schweiz aktiv. Damit das so bleibt, könnte die Tradition als Weltkulturerbe anerkannt werden.

Sie gehören zum Klang der Alpen wie Kuhglocken und Alphörner: die Jodler. Seit Jahrhunderten hallen ihre Rufe durch die Berge. Einst als Signal der Hirten, heute als Herzstück der Volksmusik. Nun könnten sie bald eine Antwort aus dem Flachland erhalten – und zwar aus Paris.

Die Schweiz will das Jodeln in die Liste des immateriellen Weltkulturerbes der Unesco aufnehmen lassen. Eine Entscheidung wird bis Ende Jahr erwartet.

Mehr als ein Hirtenruf

Moderne Jodel-Fans betonen: Das Jodeln ist längst mehr als der Falsettgesang bärtiger Männer mit Hosenträgern auf grünen Hügeln. Es ist eine eigenständige Gesangsform. Mit Geschichte, Gefühl und Gänsehautfaktor.

Im letzten Jahrhundert entstanden in der Schweiz zahlreiche Jodelclubs, die die Tradition weiterentwickelten. Ihre Klänge und Tremolos fanden sogar Eingang in Klassik, Jazz und Country – sogar US-Stars jodelten in den 1930er-Jahren.

Mittlerweile gibt es einen Masterabschluss: Die Hochschule Luzern bietet seit sieben Jahren ein Jodel-Studium an. «In der Schweiz gibt es eigentlich vier Sprachen. Aber für mich gibt es fünf Sprachen – die fünfte ist das Jodeln», sagt Jodeldozentin und HSLU-Professorin Nadja Räss.

Vom Naturjodeln bis zum Jodellied

Anfangs bestand das Jodeln aus wortlosen Vokalen – dem sogenannten Naturjodel. Heute gehören oft Strophen und Refrains dazu. Rund 12’000 Jodler sind im Eidgenössischen Jodlerverband organisiert.

Das Schweizer Jodeln sei unverwechselbar, sagt Räss: «Es lebt von den Klangfarben der Stimme – vom hellen u-Laut aus dem Kopf bis zum warmen o-Laut aus der Brust.» Je nach Region klinge es anders: In Appenzell melancholisch, in der Zentralschweiz kraftvoll und kurz. Immer mehr Frauen greifen heute ebenfalls zum Mikrofon – in einem Land, das Frauen erst 1971 das Stimmrecht gab.

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Woher das Jodeln genau stammt, bleibt offen. «Manche sagen, es sei ein Kommunikationsmittel zwischen Tälern, das diese sehr charakteristischen Laute nutzt, die weit zu hören sind. Andere glauben, es sei eine Form des Gesangs», sagt Julien Vuilleumier vom Bundesamt für Kultur, der die Unesco-Bewerbung begleitet. «Was wir wissen: Das Jodeln hat sich immer wieder verändert und weiterentwickelt.»

Mitte Dezember fällt das Unesco-Komitee in Neu-Delhi den Entscheid. Es geht um Traditionen, die über Generationen weitergegeben werden – vom ghanaischen Highlife über kirgisisches Maksym bis zu venezolanischem El Joropo.

Jodeln für Kinder

Um das Jodeln lebendig zu halten, soll es auch in die Schulen: «Wir wollen, dass jedes Kind in der Schweiz einmal jodelt», sagt Räss. Gemeinsam mit dem Jodlerverband und dem Zentrum für Volksmusik Roothus Gonten werden Lehrer ausgebildet. Rund 20 können bereits jodeln – und bringen den Schülern den Wechsel zwischen Brust- und Kopfstimme bei.

«Eines meiner Lebensziele ist, dass jedes Schweizer Schulkind irgendwann jodelt», sagt Räss. «Die Unesco-Anerkennung wäre dafür eine wunderbare Starthilfe.»

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