«Kein Platz für Sozialliberale»Nach seiner Klatsche rechnet Jositsch jetzt mit der SP ab
Sven Ziegler
29.5.2026
Daniel Jositsch erleidet am Donnerstag eine krachende Niederlage.
KEYSTONE
Der Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch akzeptiert seine Nicht-Nomination nicht einfach stillschweigend. Wenige Stunden nach der Abstimmung rechnet er mit seiner Partei ab, kritisiert die Parteispitze und stellt die politische Entwicklung der SP grundsätzlich infrage.
Daniel Jositsch wirft der SP vor, immer weniger Platz für sozialliberale Positionen zu lassen.
Der Zürcher Ständerat kritisiert eine Kultur, in der viele Parteimitglieder aus Angst vor Konsequenzen nicht offen ihre Meinung äusserten.
Mit Blick auf Jacqueline Badran sagt Jositsch, er wisse seit Langem von deren Ambitionen auf den Ständeratssitz. Die Frage sei nun, ob er ihr diesen überlasse.
Der Zürcher Ständerat verlor am Donnerstagabend die parteiinterne Ausmarchung für die Ständeratswahlen 2027. Statt die Niederlage einfach zu akzeptieren, nutzte er die Gelegenheit für eine grundsätzliche Abrechnung mit der Entwicklung seiner Partei.
Im Gespräch mit Tamedia erklärte Jositsch, er habe das Resultat kommen sehen. Die Delegierten seien deutlich linker als die Mitglieder oder die Wählerschaft der Partei insgesamt. An der Versammlung hätten vor allem Vertreterinnen und Vertreter der Juso, Feministinnen und Klima-Seniorinnen das Wort ergriffen.
«Die Parteispitze trimmt die Leute auf eine Linie»
Besonders deutlich wurde Jositsch bei seiner Kritik an den innerparteilichen Strukturen.
Es habe ihn erstaunt, dass sich während der Debatte kein einziges Mitglied der SP-Bundeshausfraktion öffentlich hinter ihn gestellt habe, sagte er auch gegenüber der NZZ. Seine Erklärung dafür fällt deutlich aus: Die Parteispitze sei darauf bedacht, die Fraktionsmitglieder «auf eine Linie zu trimmen». Die Folge sei, dass sich viele nicht mehr trauten, offen ihre Meinung zu sagen.
Zahlreiche Nationalrätinnen und Nationalräte hätten ihm hinter den Kulissen signalisiert, dass sie seine Positionen durchaus teilen würden. Öffentlich äusserten sie sich jedoch nicht. Als Nationalrat sei man stärker von der Partei abhängig als im Ständerat, argumentiert Jositsch. Schliesslich gehe es um Listenplätze und Kommissionssitze.
«Für Sozialliberale hat es keinen Platz mehr»
Noch grundsätzlicher fällt seine Analyse des Zustands der SP aus.
«Die Partei hat sich stark verändert», sagt Jositsch. Früher habe die SP deutlich mehr politische Breite zugelassen. Sozialliberale Politikerinnen und Politiker seien selbstverständlich Teil der Partei gewesen. Als Beispiele nennt er frühere SP-Grössen wie Pascale Bruderer, Claude Janiak, Anita Fetz oder Roberto Zanetti.
Heute sei davon kaum mehr etwas übrig geblieben. Jositsch bezeichnet sich selbst als letzten Vertreter dieses Flügels in einem hohen Amt. Andere prominente Sozialliberale wie Mario Fehr, Chantal Galladé oder Yvonne Beutler hätten die Partei längst verlassen.
Ob die SP damit langfristig Probleme bei Majorzwahlen bekomme, will Jositsch nicht abschliessend beurteilen. Die Partei sei aktuell durchaus erfolgreich. Dennoch stellt er fest, dass für sozialliberale Stimmen offensichtlich immer weniger Raum vorhanden sei.
Spitze gegen Jacqueline Badran
Für besondere Aufmerksamkeit dürfte auch eine Aussage über Nationalrätin Jacqueline Badran sorgen.
Kurz vor der Abstimmung hatte sich Badran bereit erklärt, für den Ständerat zu kandidieren, falls die Partei dies wünsche. Viele Delegierte sahen darin eine attraktive Alternative zu Jositsch.
Auf die Frage nach Badran antwortete Jositsch bemerkenswert offen: «Ich weiss schon lange, dass Jacqueline Badran den Ständeratssitz will.» Die eigentliche Frage sei nun, «ob ich ihn ihr überlasse». Diesen Entscheid werde er nun für sich selbst treffen.
Damit lässt Jositsch offen, ob er bei den Wahlen 2027 möglicherweise ausserhalb der offiziellen SP-Strukturen antreten könnte.
Politische Zukunft weiter offen
Klar ist lediglich, dass Jositsch sein Mandat bis zum Ende der laufenden Legislatur behalten will. Ein vorzeitiger Rücktritt komme für ihn nicht infrage. Der Kanton Zürich müsste sonst eine aufwendige Ersatzwahl organisieren.
Wie es danach weitergeht, lässt der 61-Jährige bewusst offen. Über seine politische Zukunft werde er selbst entscheiden und die Öffentlichkeit informieren, wenn er zu einem Schluss gekommen sei.
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