Kaum Prestige, zu wenig Personal – Ist die Zukunft der Pflege gesichert?

Jennifer Furer

12.5.2020 - 10:57

Überstunden, zu wenig Lohn und Personal: Pflegende fordern bessere Arbeitsbedingungen.
Keystone

Die Corona-Krise setzt dem Pflegepersonal zu. Am internationalen Tag der Pflege fordert der Berufsverband bessere Arbeitsbedingungen – und auch die Politik schaltet sich ein.

Statt 8,5 Stunden arbeitet Laura K. (Name geändert) zwischen zwölf und 13 Stunden. Sie ist Pflegerin auf einer Intensivstation in einem Spital im Kanton Zürich. Seitdem der Bundesrat arbeitsrechtliche Schutzmassnahmen beim Medizinpersonal wegen des Kampfs gegen Covid-19 im März vorübergehend für sechs Monate ausgehebelt hat, haben sich ihre Arbeitsbedingungen verschlechtert, sagt sie.

«Bereits vor der Pandemie waren diese alles andere als optimal», so K. Überstunden, zu wenig Lohn und mangelndes Personal seien bereits damals omnipräsente Themen gewesen. «Die Situation hat sich aber nun nochmals verschärft.»

K. hofft, dass die Gesellschaft und Politik nun endlich aufwache und für den Pflegeberuf nicht nur Floskeln und Balkonklatschen übrig habe, sondern ihm jene Stellung gebe, die er verdiene.



Okan Yildirimlar ist Gründer des Vereins Loswerde.ch. Dieser bietet dem Medizinpersonal Kontaktmöglichkeiten, um telefonisch, via E-Mail oder soziale Medien Hilfe von freiwilligen Psychologinnen und Psychologen in Anspruch zu nehmen. «Auch wir haben gemerkt, dass Pflegende derzeit die langen Arbeitszeiten als Belastung wahrnehmen», sagt Yildirimlar.

Dies sei aber nicht nur wegen der Gesundheit der Pflegenden selbst als Problem dargestellt worden – sondern auch wegen der Patienten. «Es kamen Ängste zum Ausdruck, dass sie den Job wegen der hohen Belastung nicht mehr so ausüben können, wie sie möchten und so die Qualität darunter leidet», sagt Yildirimlar.

Auch die Reaktion der Arbeitgeber, also der Spitäler, sei meist unbefriedigend ausgefallen. «Die Pflegenden kritisierten, dass die Spitäler die Last, die Kosten tief zu halten, ihnen auferlegen.»

«Es braucht eine Offensive»

Yvonne Ribi, Geschäftsführerin des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK), sagt, dass sich politisch endlich etwas tun müsse, um langfristig eine qualitativ gute und sichere Pflege zu gewährleisten.

Auf diese Message will der Verband am Dienstag, dem internationalen Tag der Pflege, erneut mit Aktionen und Veranstaltungen aufmerksam machen. «Es ist ein ganz spezieller Tag», sagt Ribi. Nicht nur wegen der Pandemie, sondern auch deswegen, weil Florence Nightingale, die Begründerin der modernen Krankenpflege, ihren 200. Geburtstag feiert.

Ribi sagt, dass die Pflege vor einer schwierigen Herausforderung steht. «Bis 2030 brauchen wir aufgrund der demografischen Entwicklung 65'000 zusätzliche Pflegende, die ausgebildet werden müssen.» Im Moment erreiche man kaum die Hälfte. «Wir müssen es schaffen, die Ausbildung zum Pflegeberuf attraktiv zu gestalten», sagt Ribi. Es brauche eine Offensive.



Ein Problem sei auch, dass fast die Hälfte aller Pflegenden aus ihrem Beruf aussteigen – ein grosser Teil noch vor dem 35. Lebensjahr. «Auch hier braucht es Massnahmen, dass die Ausgebildeten ein Berufsleben lang gesund und motiviert im Beruf bleiben», fordert Ribi.

Man müsse bei der Wurzel des Problems ansetzen. «Viele geben als Grund für den Ausstieg eine emotionale Erschöpfung an. Pflegende können ihre Patienten nicht so betreuen, wie das eigentlich nötig wäre», so Ribi. Das führe zu einem ständigen Dilemma, weil die Pflegenden wegen Zeitdruck im schlimmsten Fall ihre Arbeit nicht mehr verantworten könnten.  

Pflegeinitiative lanciert

Das Parlament berät zurzeit über einen indirekten Gegenvorschlag zur Pflegeinitiative des Schweizer Berufsverbandes der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK).

Mit der Volksinitiative «Für eine starke Pflege» (Pflegeinitiative) will der Berufsverband einen Personalmangel verhindern. In der Verfassung soll verankert werden, dass Bund und Kantone die Pflege als wichtigen Bestandteil der Gesundheitsversorgung fördern.

Sie sollen für eine ausreichende, allen zugängliche Pflege von hoher Qualität sorgen und sicherstellen, dass genügend Pflegefachpersonen zur Verfügung stehen.

Der Bundesrat lehnte die Pflegeinitiative ohne Gegenvorschlag ab. Es sei nicht richtig, einer spezifischen Berufsgruppe eine Sonderstellung in der Verfassung einzuräumen.

Auch der Nationalrat hat die Initiative verworfen, unterstützt aber einen indirekten Gegenvorschlag.

Dieser enthält eine Ausbildungsoffensive und mehr Verantwortung für die Pflegerinnen und Pfleger. Nun ist der Ständerat am Zug.

«Hier muss sich etwas ändern, auch zugunsten der Patientensicherheit», sagt Ribi. «Es braucht genügend gut ausgebildetes Personal, welches sich die Verantwortung und Arbeit teilen kann.» Das werde wiederum eine bessere Pflegequalität zur Folge haben.

Aufhebung von Schutzbestimmungen

Und auch die Arbeitsbedingungen müssten besser werden, damit die Ausgebildeten im Beruf bleiben, sagt Ribi. «Es braucht eine bessere Planbarkeit von Arbeits- und Ruhezeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie, und auch über die Löhne muss diskutiert werden.»

«Nur mit Massnahmen in all diesen Bereichen kann die Attraktivität des Pflegeberufs gesteigert und die pflegerische Versorgung der Schweiz künftig sichergestellt werden», ist sich Ribi sicher.

Langfristig braucht es also laut Ribi überhaupt ein Umdenken im Umgang mit dem Pflegeberuf. Doch auch kurzfristig seien Massnahmen zur Verbesserung der Situation von Pflegenden umsetzbar. So etwa die Wiedereinsetzung der Schutzbestimmungen, die im Arbeitsgesetz verankert sind, vom Bundesrat für die Corona-Krise aber aufgehoben wurden.

Hierzu hat Grünen-Nationalrätin Manuela Weichelt-Picard erst kürzlich eine parlamentarische Initiative eingereicht. Sie fordert, dass die Schutzbestimmungen zur Ruhe- und Arbeitszeit für das Medizinpersonal mit Annahme des Vorstosses sofort wieder gelten. 

«Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Personen auch Familie haben sowie zu Hause ebenfalls gefordert sind», heisst es in der Begründung der Interpellation. Bereits ohne Sistierung des Arbeitsgesetzes könne das Spitalpersonal zu 60 Stunden Arbeit pro Woche verpflichtet werden.



«Das Risiko für unsere Patientinnen und Patienten dürfen wir nicht noch weiter erhöhen, indem das Personal noch mehr als 60 Stunden pro Woche arbeiten muss», so Weichelt-Picard. Während der Pandemie müsse demzufolge alles unternommen werden, damit keine Person aufgrund von Erschöpfung oder Krankheit ausfällt.

Zudem scheine es so zu sein, dass manche Spitäler und Pflegeheime die Sistierung des Bundesrates nutzten, um auch in Abteilungen ohne Covid-19-Erkrankungen und ohne massive Zunahme der Arbeit die Arbeits- und Ruhezeitenregelungen ausser Kraft setzten.

Unterstützung erhält Manuela Weichelt-Picard von SP-Nationalrätin Mattea Meyer. «Es ist ein politisches Signal nötig, dass den Pflegenden, die ausserordentliche Arbeit leisten, den Schutz erhalten, den sie brauchen.»

Würden Teile des Arbeitsgesetzes weiterhin ausgehebelt, bestehe die Gefahr, dass die Arbeitgeber dies ausnutzten. «Gerade im Gesundheitsbereich aber ist es zentral, dass das Pflegepersonal körperlich und geistig gesund ist, damit keine Fehler passieren.»

Kritik an Politisierung der Krise

Ohnehin, sagt Meyer, sei die Aushebelung von Schutzbestimmungen nicht in Ordnung, sie sei respektlos – im Krisenfall sollte sie als letzte Massnahme eingesetzt werden. «Während der Corona-Krise gab es andere Möglichkeiten», sagt Meyer. Es hätten beispielsweise Pflegende aus privaten Spitälern auf Intensivstationen aushelfen können.

SVP-Nationalrat Thomas de Courten stellt ebenfalls fest, dass das Pflegepersonal harte Zeiten hinter sich hat. Er sagt aber: «Es ist nicht angemessen, jetzt aus der Krise politisch Kapital zu schlagen.»

In erster Linie sei es jetzt wichtig, dass sich das Leben und die Bedingungen wieder normalisierten. Wie es mit dem Pflegepersonal weitergehen soll, sei zwar ein Thema, das politisch angeschaut werden müsse. Das gehe aber nicht von heute auf morgen. «Es wird uns sicher weiter beschäftigen», sagt de Courten.

Weiter beschäftigen wird das Thema auch Pflegerin Laura K. Denn sie möchte ihrem Job treu bleiben – trotz der harten Arbeitsbedingungen. «Weil ich Menschen, so gut ich nur kann, helfen will.»


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