Evangelikale und Reformierte streiten Machtkampf in Zürcher Oberländer Kirchgemeinde eskaliert

Sven Ziegler

27.11.2025

In der Kirchgemeinde Illnau-Effretikon tobt ein heftiger Streit. 
In der Kirchgemeinde Illnau-Effretikon tobt ein heftiger Streit. 
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In der Reformierten Kirchgemeinde Illnau-Effretikon gärt es seit Monaten. Erst scheiterte eine Initiative, die der Kirchenpflege die Finanzkompetenz massiv beschneiden wollte – nun fliegen an der nächsten Versammlung erneut die Fetzen.

Sven Ziegler

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  • In Illnau-Effretikon schwelt seit längerem ein Konflikt zwischen evangelikalen und traditionell reformierten Kreisen – sichtbar geworden an einer gescheiterten Initiative zur massiven Kürzung der Finanzkompetenzen der Kirchenpflege.
  • An der jüngsten Versammlung lehnte die Gemeinde ein Angebot von 50'000 Franken im Zusammenhang mit einem Hausverkauf empört ab und stritt über den geplanten Verkauf eines Waldstücks.
  • Die Kirchgemeinde steht unter finanziellem Druck, mehrere Mitglieder der Kirchenpflege haben ihren Rücktritt auf Ende Legislatur angekündigt.

In der Reformierten Kirchgemeinde Illnau-Effretikon herrscht seit längerem Unruhe. Auch an der jüngsten Versammlung zeigte sich das sofort: Bereits nach wenigen Minuten kam es zu einem ersten Eklat – ein weiterer Hinweis darauf, wie festgefahren der Konflikt inzwischen ist.

Schon beim ersten Traktandum krachte es: Als über die Genehmigung des Protokolls der Juni-Versammlung diskutiert wurde, verliess ein Stimmberechtigter wutentbrannt den Saal, wie der «Zürcher Oberländer» schreibt. Im Zentrum stand eine Passage, in der die EVP-Stadtparlamentarierin Simone Schädler im Zusammenhang mit einer damaligen Initiative zur Beschneidung der Finanzkompetenzen erklärt hatte, wer mit der Kirchgemeinde unzufrieden sei, könne austreten. Die Initiative bezeichnete sie damals zudem als «böse».

Ob diese Formulierungen wörtlich im Protokoll festgehalten werden sollen, war umstritten – am Ende stimmte eine knappe Mehrheit von 32 zu 29 dafür. Der knappe Entscheid steht sinnbildlich für die Situation: Die Gemeinde ist seit längerem in zwei Lager gespalten, auf der einen Seite freikirchlich-evangelikale Kreise, auf der anderen traditionell reformierte Mitglieder, die mit Kurs und Kommunikation der Kirchenpflege hadern.

Grosser Streit seit Monaten

Bereits im Juni war der Konflikt offen zutage getreten. Eine Initiative wollte damals die Finanzkompetenz der Kirchenpflege radikal zusammenschneiden: Statt wie bisher bis zu 100'000 Franken selbst beschliessen zu können, sollte die Grenze bei 10'000 Franken liegen. Praktisch alle grösseren Ausgaben wären damit an die Gemeindeversammlung gegangen.

Max Binder, ehemaliger SVP-Nationalrat und einst «höchster Schweizer», argumentierte für die Initiantinnen und Initianten: Man habe der Kirchenpflege 2021 die Kompetenzen stark erweitert, seither habe die Gemeinde bei wichtigen Geschäften zu wenig mitreden können. 

Gegner warnten vor überbordender Bürokratie und einer blockierten Behörde. Finanzpfleger Kilian Meier hielt dagegen, man gefährde die Handlungsfähigkeit der Kirchenpflege und zwinge selbst banale Ausgaben – bis hin zu Softwarelizenzen oder Konfirmationslagern – vor die Versammlung. Simone Schädler sprach von einer «einfach nur bösen» Initiative und stellte die Frage, weshalb deren Unterstützer überhaupt in der Kirchgemeinde bleiben wollten, wenn sie ihr so fundamental misstrauten.

«Wir lassen uns doch nicht erpressen»

Ruhiger wurde es seither nicht, schreibt der «Zürcher Oberländer» weiter. An der aktuellen Versammlung stand ein Haus an der Glärnischstrasse im Fokus, das die Kirchgemeinde 2020 für 1,2 Millionen Franken verkauft hatte, um eine betreute Wohngemeinschaft zu ermöglichen. Im Kaufvertrag ist festgehalten, dass die Kirchgemeinde Anspruch auf die Hälfte eines allfälligen Wiederverkaufsgewinns hat, falls das Haus innert zehn Jahren erneut veräussert wird.

Nach dem Tod des Käufers und der Auflösung der Wohngruppe möchte dessen Bruder die Liegenschaft nun verkaufen oder vermieten. Er bot der Kirchgemeinde 50'000 Franken, falls sie auf ihren Gewinnanspruch verzichtet. Für Simone Schädler war das unakzeptabel: «Mir wurde fast schwarz vor Augen, als ich diesen Antrag gelesen habe», sagte sie. «Dieser Betrag ist eine bodenlose Frechheit.» Auch andere Votantinnen und Votanten zeigten sich empört. 

Liegenschaftsverwalter Meinrad Knecht warnte hingegen davor, den Zeitpunkt zu verpassen. Entweder nehme man die 50'000 Franken jetzt, oder der Besitzer könne das Haus die verbleibenden fünf Jahre vermieten – danach gehe die Kirchgemeinde leer aus. Im Saal sorgte das für heftigen Widerspruch: «Wir lassen uns doch nicht erpressen», rief ein Stimmberechtigter. Die Versammlung lehnte die Vertragsänderung schliesslich deutlich ab.

Der Streit in der Kirchgemeinde Illnau-Effretikon ist längst kein singuläres Aufbäumen mehr, sondern ein struktureller Konflikt um Vertrauen, Macht und Geld. Die Zäsur in der Kirchenpflege ist absehbar – im Frühjahr 2026 werden mehrere Sitze frei.