Expertin warnt vor Gefahren Kokain-Boom in der Schweiz – und niemand kann ihn stoppen

Jenny Keller

24.3.2025

Die beschlagnahmten Mengen werden immer grösser. (Archivbild)
Die beschlagnahmten Mengen werden immer grösser. (Archivbild)
Bild: Nono Rico/EUROPA PRESS/dpa

Der Kokainboom in Europa macht auch vor der Schweiz nicht halt: Der Konsum steigt, die Belastung im öffentlichen Raum wächst – ebenso der Druck auf Behörden und Suchthilfe.

Jenny Keller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Schätzungen zufolge werden in der Schweiz jährlich rund 5000 Kilogramm Kokain konsumiert.
  • Der Kokainkonsum nimmt stetig zu, was den europaweiten Trends entspricht.
  • Kleinere Städte melden zunehmend Probleme, insbesondere durch sozial benachteiligte Gruppen.
  • Die Reinheit des konsumierten Kokains steigt.
  • Die Schweiz setzt in der Drogenpolitik weiterhin auf das bewährte Vier-Säulen-Modell (Prävention, Therapie, Schadensminderung, Repression).

In ganz Europa steigt der Konsum von Kokain rasant. Eine Entwicklung, die sich auch in der Schweiz deutlich bemerkbar macht.

Gegenüber blue News erklärt Céline Raymond, Sprecherin des Bundesamts für Gesundheit (BAG): «Bevölkerungsbefragungen, Suchthilfestatistiken sowie das Abwassermonitoring zeigen eine klare Zunahme des Kokainkonsums. Dies deckt sich mit dem europäischen Trend

Laut einer Schätzung aus dem Jahr 2018 liegt der jährliche Kokainkonsum in der Schweiz bei rund fünf Tonnen. Damit ist Kokain nach Cannabis die am zweithäufigsten konsumierte Droge im Land. Angesichts der seither steigenden Konsumtrends dürfte die tatsächliche Menge heute noch höher liegen.

Daten aus dem Jahr 2022 zeigen, dass 6,2 % der 15- bis 64-Jährigen in der Schweiz mindestens einmal in ihrem Leben Kokain konsumiert haben.

Besonders hoch ist der Konsum in der Altersgruppe der 25- bis 34-Jährigen, von denen 2,4 % innerhalb des letzten Jahres Kokain genommen haben. Dabei zeigt sich ein deutliches Geschlechtergefälle: Männer konsumieren etwa doppelt so häufig wie Frauen.

Reinheitsgrad als Risiko für Überdosierung

Ein bemerkenswerter Trend betrifft auch die Reinheit des Kokains. «Kokain mit weniger Beimischungen bedeutet grundsätzlich weniger gesundheitliche Schäden durch Streckmittel», so Céline Raymond.

«Jedoch kann eine Schwankung des Reinheitsgrads auch ein Risiko für Überdosierungen sein.» Dies stellt die Schweizer Suchthilfe vor neue Herausforderungen.

Auffällig ist die Entwicklung in kleineren Schweizer Städten, wo der zunehmende Kokainkonsum sozial benachteiligter Gruppen immer stärker als Belastung im öffentlichen Raum wahrgenommen wird.

Anstieg der Suchtbehandlungen

Besonders besorgniserregend: Laut der Suchthilfestatistik des BAG hat sich der Crack-Konsum in der Schweiz zwischen 2013 und 2021 signifikant erhöht.

Denn Crack gilt als besonders riskante Form von Kokain: Es wird geraucht und gelangt dadurch schneller ins Gehirn, was zu einer intensiveren, aber kurzfristigeren Wirkung führt – und das Abhängigkeitspotenzial erheblich steigert.

Die Zahl der Suchtbehandlungsanfragen im Zusammenhang mit Crack stieg im genannten Zeitraum um 281 Prozent, während die Anfragen für Kokain-Hydrochlorid (Kokain in Pulverform) um 79 Prozent zunahmen.

Die Schweizer Drogenpolitik verfolgt weiterhin die erfolgreiche Vier-Säulen-Strategie, bestehend aus Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression. Raymond betont: «Die Kantone gestalten das psychosoziale Angebot individuell. Es wird an neue und lokale Gegebenheiten angepasst. Niederschwellige Angebote wie Konsumräume, aufsuchende Sozialarbeit, Pflege und Medizin sowie Notschlafstellen bleiben zentral.»

Zusätzlich verstärkt das BAG aktuell den Ansatz der Früherkennung und Frühintervention (F+F), um den Konsum frühzeitig einzudämmen. Ein Modell zur regulierten Abgabe von Kokain analog zur Heroinabgabe wird derzeit nicht konkret geprüft, aber laut Raymond wird «in der Fachwelt über neue Ansätze diskutiert.»


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