Und das ist erst der Anfang Darum rechnet deine Krankenkasse deinen BMI aus

Stefan Michel

10.11.2025

Dein Gewicht ist Privatsache? Nicht für deine Krankenkasse, wenn du eine Zusatzversicherung willst.
Dein Gewicht ist Privatsache? Nicht für deine Krankenkasse, wenn du eine Zusatzversicherung willst.
Annette Riedl/Deutsche Presse-Agentur GmbH/dpa

Der Body-Mass-Index gehört zu den Gesundheitsdaten, die Krankenkassen bei Neuanmeldungen aufnehmen. Für Zusatzversicherungen spielen solche Angaben eine gewichtige Rolle.

Stefan Michel

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Body-Mass-Index (BMI) darf bei der obligatorischen Grundversicherung keine Rolle spielen, ist jedoch bei Zusatzversicherungen ein zulässiger Faktor für Aufnahme-Entscheidungen und Leistungsbeschränkungen.
  • Versicherer nutzen neben dem BMI auch andere Gesundheitsdaten wie Vorerkrankungen oder Lebensstil, um Risikogruppen zu definieren und kollektiv höhere Prämien zu berechnen.
  • Warum es nicht ratsam ist, den Versicherer anzulügen.
  • Gesundheitsexperte Felix Schneuwly erwartet, dass in Zukunft genetische Faktoren eine zunehmende Rolle spielen für die Berechnung der Prämien werden – zum Nachteil der Menschen mit vererbten Gesundheitsrisiken.

«Wie gross sind Sie und was ist ihr Gewicht?», will der Krankenkassen-Angestellte plötzlich wissen. «Und Ihre Frau?», geht die Datenaufnahme weiter. «Ich rechne dann mal schnell den BMI aus», informiert der Mann am anderen Ende der Leitung. «Ok, das passt», sagt er, als ein Wert von 25 herauskommt – die Grenze zwischen Normal- und Übergewicht.

blue News Leser M. M. wundert sich, will den Abschluss der relativ vorteilhaft erscheinenden Krankenversicherung aber nicht gefährden. Dass gewisse Gesundheitsdaten aufgenommen werden, gehört zum Standard-Repertoire bei einem Wechsel der Krankenkasse. 

Aber welche Rolle spielt es, ob jemand schlank ist oder Übergewicht hat? Felix Schneuwly, Gesundheitsexperte beim Vergleichsportal Comparis sagt es deutlich: «Wenn es nur um die Grundversicherung geht, gar nichts. Es wäre illegal, den BMI in die Prämie der Grundversicherung einzurechnen.»

Das Krankenversicherungsgesetz bestimmt zudem, dass die Versicherungen jeden in der Schweiz wohnhaften Menschen aufnehmen müssen, ungeachtet seiner körperlichen Verfassung. 

BMI ist für Zusatzversicherung relevant

Anders sieht es bei den Zusatzversicherungen aus. Schneuwly erklärt: «Da gilt Vertragsfreiheit. Die Versicherer dürfen die Bedingungen selber festlegen, zu denen sie Menschen versichern.»

Dazu gehörten auch die Kriterien, mit denen sie die Prämien für die Zusatzversicherungen berechnen: «Relevant für die Berechnung der Prämien sind alle Kosten der versicherten medizinischen Leistungen beziehungsweise Indikatoren, welche mit den Leistungskosten korrelieren.» 

Ein hoher Body-Mass-Index, gleichbedeutend mit Übergewicht, kann darauf hindeuten, dass eine Person mehr Gesundheitsleistungen in Anspruch nehmen wird – die Versicherung also Geld kosten könnte. Diesen statistischen Zusammenhang führt auch Schneuwly an. Ein anderes solches Krankheitsrisiko ist das Rauchen. 

Das sagten die Krankenkassen

blue News hat die grössten Schweizer Krankenversicherer gefragt, welche Rolle der Body-Mass-Index bei der Aufnahme in ihre Zusatzversicherungen spiele.

Acht von zwölf haben geantwortet. Alle verneinen, dass dieser Kennwert die Höhe der Prämie beeinflusse. Hingegen behalten sie sich vor, Personen nicht aufzunehmen oder gewisse Leistungen auszuschliessen, wenn deren BMI nicht im erwünschten Rahmen liegt.

Gegenüber der Versicherung zu flunkern, um günstigere Konditionen zu erhalten, ist laut Gesundheitsexperte Schneuwly keine gute Idee. Wenn sich später herausstellt, dass das Versicherungsverhältnis aufgrund falscher Angaben geschlossen worden ist, könne der Versicherer die Übernahme von Kosten ablehnen, im Nachhinein Deckungsausschlüsse machen oder den Vertrag kündigen.

Welche weiteren Daten die Versicherer interessieren

Zu beachten ist, dass es neben dem BMI diverse weitere gesundheitlich relevante private Daten gibt, die Krankenversicherungen aufnehmen und die eine Rolle spielen können, so etwa Vorerkrankungen, aktuelle Krankheiten, Geburtsgebrechen, chronische Krankheiten, Trink- und Rauchgewohnheiten.

Auf diesen Grundlagen errechnen die Versicherer, wie hoch das Risiko einer Gruppe von Menschen ist, bestimmte Krankheiten zu bekommen und Behandlungen zu benötigen.

Je genauer das Bild ist, das sie von jeder und jedem ihrer Versicherten haben, desto genauer wird ihre Prognose der zu erwartenden Kosten – nicht bei jeder einzelnen Person, aber bei einer grossen Gruppe mit ähnlichen Angaben. 

Indirekt, zusammen mit den weiteren erhobenen Gesundheitsdaten, hat der BMI also doch einen Einfluss auf die Höhe der Prämie – nicht individuell für die einzelne Person, aber für die Gruppe der Versicherten mit ähnlichem Risikoprofil.

Gemäss Solidaritätsprinzip zahlen alle gleich viel, die aufgrund ihrer körperlichen Verfassung in die gleiche Kategorie fallen.

Mehr zahlen wegen «schlechter Gene»?

Felix Schneuwly erwartet, dass genetische Faktoren in Zukunft eine grössere Rolle spielen werden, denn sie ermöglichen immer genauere Voraussagen darüber, wie hoch die zu deckenden Gesundheitskosten einer Gruppe von Versicherten wird.

Die Folge: «Entweder werden dann die Prämien für bestimmte Risikogruppen sehr hoch oder die Versicherer verändern das System.» Das Problem der Krankenkassen ist laut Schneuwly, dass sie nicht immer mehr Menschen von ihren Angeboten ausschliessen können, denn dann hätten sie irgendwann nicht mehr genug Kunden. 

Stattdessen könnten sie ihre Versicherten dafür belohnen, wenn sie mit einer gesunden Lebensweise dazu beitragen, wenig Kosten zu verursachen. «Die Frage ist, wie die Versicherer das messen und ob die Grössen, die sie messen, wirklich jene sind, die die Gesundheit einer Person massgeblich beeinflussen.»

Noch seien die Beiträge an Fitness-Abos oder das Berücksichtigen der Daten von Sportuhren nur Marketing-Massnahmen. «Die Versicherer müssten diese Systeme mit medizinischen Fachpersonen entwickeln», fordert Schneuwly. 

Bestehender Gen-Test kann eingefordert werden

Noch werden Gen-Tests für den Abschluss einer Zusatzversicherung nicht gefordert. «Bei der Aufnahme in eine Zusatzversicherung können Sie aber gefragt werden, ob sie einen Gen-Test gemacht haben. Falls ja, kann die Versicherung fordern, dass sie diesen einreichen», erklärt Schneuwly.

Wer in einem solchen Fall einen vorliegenden Gen-Test verschweigt, um ihn nicht mit der Versicherung teilen zu müssen, täuscht das Unternehmen, was Auswirkungen auf spätere Versicherungsleistungen haben könnte. 

Noch ist es Zukunftsmusik, aber laut Felix Schneuwly durchaus realistisch, dass Menschen in der Schweiz dereinst noch stärker als bisher für angeborene gesundheitliche Faktoren zur Kasse gebeten werden, als bisher.

Vielleicht könnten Menschen, die Pech haben mit ihrer Gen-Ausstattung, mit Bewegung, gesunder Ernährung und genug Schlaf dagegen ankämpfen und einen Prämien-Bonus herausholen. Sie würden aber immer noch mehr bezahlen, als ihre Mitversicherten mit günstigen Erbanlagen, die ebenfalls einen gesunden Lebensstil pflegen.


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