Nein zur Erbschaftssteuer Diese vier Lektionen erteilte die Juso-Initiative den Linksgrünen

Petar Marjanović

1.12.2025

Die Erbschaftssteuer-Initiative der Juso scheiterte deutlich.
Die Erbschaftssteuer-Initiative der Juso scheiterte deutlich.
Bild: Keystone

Die Juso-Erbschaftssteuer ist überraschend deutlich gescheitert und verfehlte selbst im eigenen Lager die erwartete Unterstützung. Ein Blick in die Daten zeigt aber: Nicht überall sank die Sympathie für Umverteilungsvorlagen.

Petar Marjanović

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Juso-Erbschaftssteuer ist klar gescheitert und schnitt sogar schlechter ab als die frühere Vorlage von 2015.
  • Sie konnte nicht einmal die eigenen linken Wählerinnen und Wähler vollständig mobilisieren.
  • Nur wenige Gemeinden wichen vom Trend ab, obwohl das geografische Muster stark an frühere linke Initiativen erinnerte.

Erbschaftssteuer verliert massiv an Rückhalt – aber nicht überall

2015 hatte die Schweizer Stimmbevölkerung letztmals die Chance, über eine nationale Erbschaftssteuer abzustimmen. Damals forderten SP, Grüne, EVP und Gewerkschaften eine 20-Prozent-Steuer auf Erbschaften oberhalb von zwei Millionen Franken. Diese Vorlage scheiterte mit deutlichen 71 Prozent Nein – ein Resultat, das als klare Abfuhr an eine schweizweite Erbschaftsbesteuerung galt.

Gestern wurde die nächste Runde eingeläutet – diesmal mit einer deutlich radikaleren Version. Die Juso wollte eine 50-Prozent-Steuer auf Erbschaften über 50 Millionen Franken einführen. Das Resultat: 78,3 Prozent Nein. Das bedeutet nicht nur rund sieben Prozentpunkte mehr Ablehnung als 2015, sondern auch, dass ein relevanter Teil des linken Spektrums offensichtlich nicht bereit war, den Juso-Vorschlag zu unterstützen. In absoluten Zahlen: Nicht einmal alle Menschen, die sonst SP oder Grüne wählen, stimmten für die Initiative.

Die stärkere Ablehnung ist klar – aber nicht absolut. Denn ein genauer Blick auf die Karte zeigt Unterschiede, die Fragen aufwerfen. In der Westschweiz etwa gibt es zahlreiche Gemeinden, in denen der Ja-Anteil trotz der radikaleren Ausgestaltung gestiegen ist. Gerade in Kantonen wie Neuenburg, Jura oder Genf gibt es Regionen, die gegenüber 2015 nicht nur standhaft blieben, sondern teilweise sogar mehr Begeisterung für eine härtere Erbschaftssteuer zeigten.

Und selbst in der Deutschschweiz gab es Ausreisser nach oben. Ein Beispiel ist Schönengrund AR: Dort erhöhte sich der Ja-Anteil von 22,7 Prozent im Jahr 2015 auf nun 34,4 Prozent. Ein Plus von über elf Prozentpunkten – bemerkenswert für eine Vorlage, die schweizweit einen historischen Tiefstwert einfuhr.

Juso-Initiativen werden unbeliebter

Ein zweiter Blick lohnt sich auf den historischen Kontext: Die Schweizer Stimmbevölkerung hat gestern bereits zum vierten Mal über eine Volksinitiative der Jungsozialist*innen abgestimmt. Die früheren Vorlagen – die 1:12-Initiative (2013), die Spekulationsstopp-Initiative (2016) und die 99-Prozent-Initiative (2021) – hatten alle eine deutlich antikapitalistische Stossrichtung. Und alle drei wurden klar verworfen.

blue News hat deshalb ausgewertet, ob die Juso im Zeitverlauf wenigstens punktuell zulegen konnte. Das Ergebnis ist ernüchternd: In gerade einmal acht Gemeinden lag der Ja-Anteil zur Erbschaftssteuer über dem Durchschnitt der drei früheren Juso-Initiativen. Das bedeutet: Der Trend zeigt nicht nach oben, sondern nach unten. Die Bereitschaft, Juso-Vorstösse zu unterstützen, sinkt kontinuierlich.

Eine Ausnahme war zum Beispiel die Stadt Zürich. Dort erzielten die früheren Juso-Initiativen im Schnitt 37 Prozent Ja. Die Spekulationsstopp-Initiative wurde 2016 sogar nur knapp abgelehnt. Gestern kam die Stadt Zürich auf 41,5 Prozent. Das ist zwar immer noch ein Nein, aber immerhin ein Wert über dem Juso-Schnitt zuvor.

Erbschaftssteuer-Initiative ähnlich Konzernverantwortungs-Initiative – mit Juso-Malus

blue News hat zudem untersucht, welche frühere Vorlage dem Abstimmungsergebnis von gestern geografisch am nächsten kommt. Der statistische Vergleich zeigt ein überraschend klares Bild: Die stärksten Parallelen bestehen zur Umweltverantwortungsinitiative der SP und zur Konzernverantwortungsinitiative (Kovi).

Beide dieser Vorlagen stellten die Frage in den Mittelpunkt, welche Verantwortung grosse Vermögen und internationale Konzerne gegenüber Gesellschaft und Umwelt haben. Die Konzernverantwortungsinitiative thematisierte die Einhaltung von Menschenrechten durch internationale Unternehmen, die Juso-Erbschaftssteuer zielte auf die finanzielle Verantwortung der Superreichen angesichts der Klimakrise.

Auffällig ist: Die geografische Verteilung der Ja-Stimmen folgt fast denselben Mustern wie bei der Kovi. Dort, wo die Konzernverantwortungsinitiative stark war, schnitt auch die Juso-Initiative relativ gut ab. Und dort, wo die Kovi praktisch chancenlos war, lag auch die Erbschaftssteuer-Initiative weit hinten. Der grosse Unterschied lag im Niveau: Die Kovi hatte einen massiven Sympathiebonus und erreichte vielerorts deutlich höhere Ja-Anteile. Das Grundmuster aber blieb identisch. Die Juso-Initiative ist gewissermassen die Kovi – nur eben mit einem deutlichen Malus.

Juso erreichte nicht mal alle Linksgrünen

Die Wahlanalysen des Abstimmungssonntags zeichnen ein deutliches Bild: Die Juso ist mit ihrer Initiative nicht einmal in der eigenen politischen Heimat durchgedrungen. Politikwissenschafter wie Claude Longchamp betonten gestern früh, dass die Initiative vielerorts unter dem Wähleranteil von SP und Grünen blieb.

Die Zahlen bestätigen diese Einschätzung. Besonders auffällig ist der Fall Muttenz BL. Bei den Nationalratswahlen 2023 erreichten SP und Grüne dort zusammen rund 38 Prozent der Stimmen. Die Juso-Initiative brachte es hingegen nur auf 18,9 Prozent Ja – also weniger als die Hälfte. Das zeigt: Selbst im linksorientierten Baselbiet war die Bereitschaft zur Zustimmung gering.

Gleichzeitig gibt es wenige, aber politisch interessante Gegenbeispiele – und diese finden sich nicht etwa in Städten, sondern in ländlichen Gebieten. In Fideris GR etwa wählen rund 16,7 Prozent der Bevölkerung linksgrün. Die Erbschaftssteuer-Initiative aber erreichte dort ein Viertel aller Stimmen. Auch Gemeinden wie Truttikon ZH, Roggenburg BL oder Unterbäch VS weisen ähnliche Muster auf.


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