#02 Zürich Papier «Massiv beeindruckt»: Als ein Junge in den 60ern seinen Vater im Werk Manegg besucht

Philipp Dahm

22.4.2025

Im zweiten von zwei Teilen beleuchtet blue News die Hochzeit der Papier-Produktion in Zürich und erzählt die Geschichte von zwei Generationen, die von der ältesten Firma der Stadt geprägt worden sind.

Philipp Dahm

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • blue News beleuchtet in zwei Teilen die Geschichte der Zürcher Papier-Produktion, die im kommenden Jahr ihren 555. Geburtstag feiern würde.
  • Im ersten Teil geht es um den Abbruch der letzten Überreste der Papierfabrik in dem Gebiet, das heute Greencity ist. Zudem sind die Anfänge des Unternehmens an der Werdinsel Thema.
  • Der zweite Teil konzentriert sich auf den Erfolg der Fabriken im 19. und 20. Jahrhundert und erzählt eine persönliche Geschichte.

«Ich habe mich immer gewundert: Wie sieht diese Papierfabrik aus», erinnert sich Ronny Stocker an die Zeit Mitte der 60-er. «Da bin ich einfach zum Werk Manegg gegangen, zum Tor, wo der Portier war. Dem habe ich gesagt: ‹Ich bin der Sohn von Jakob Stocker. Ich möchte mal sehen, wie mein Vater arbeitet!›»

Das Tor zur Zürcher Papierfabrik öffnet sich tatsächlich: Es sei eines der «prägendsten Erlebnisse als Kind» gewesen, den Vater «als fleissigen Arbeiter mit seinen Kollegen an den riesigen Maschinen» bestaunen zu können. «Das hat mich massiv beeindruckt.»

Maschinenhalle mit Papiermaschine um 1930.
Maschinenhalle mit Papiermaschine um 1930.
Baugeschichtliches Archiv Zürich

Ronny Stocker ist damals noch neu in der Schweiz: Geboren wird er 1955 in Kanada. Dorthin sind seine Eltern zwei Jahre zuvor ausgewandert. Vater Jakob kommt 1928 zur Welt – als eines von elf Kindern eines Bauern in Benzenschwil AG. Das bietet kaum Zukunft: Auswandern ist damals für viele in ähnlicher Lage eine Option.

Migros-Clubschule: Jakob findet die Liebe seines Lebens

«Er wollte unbedingt nach Kanada», erzählt sein Sohn Ronny. Jakob geht in die Migros-Clubschule in Zug, um Englisch zu lernen. Dort lernt er Margrit kennen und lieben.

Als er 1953 einen Job in Kanada findet, folgt sie ihm ein halbes Jahr später nach. Zwei Jahre später kommt Ronny in dem Ort Ocean Falls zur Welt. «Das ist fast bei Alaska», erklärt dieser.

Die Papierfabrik in Ocean Falls in Kanada auf einem undatierten Foto.
Die Papierfabrik in Ocean Falls in Kanada auf einem undatierten Foto.
Gemeinfrei

Jakob Stocker arbeitet in Kanada in der Papierindustrie. Ein Krankheitsfall in der Familie führt dazu, dass er mit seiner Frau und den mittlerweile zwei Kindern 1963 in die Schweiz zurückkommt, wo er umgehend bei Sihlpapier anheuert. Bis 1990 wird er für die Firma in den Werken Giesshübel und Manegg tätig sein.

«500 Jahre: verrückt, nicht?»

Sein Vater sei froh gewesen, dass er die Schliessung der Papierfabrik nicht aktiv habe miterleben müssen, sagt Ronny Stocker. «1971 hat er noch die 500-Jahr-Feier mitgemacht. 500 Jahre: verrückt, nicht?» Als Mitglied der Betriebskommission habe er sich für die Belegschaft eingesetzt.

Jakob Stocker nimmt 2014 mit Schwiegertochter Michou Abschied vom Werk Manegg: Fotograf Mario Hotz hält den emotionalen Moment fest. Jakob Stocker stirbt 2016 und folgt seiner Frau Margrit nach, die bereits 1990 verstarb.
Jakob Stocker nimmt 2014 mit Schwiegertochter Michou Abschied vom Werk Manegg: Fotograf Mario Hotz hält den emotionalen Moment fest. Jakob Stocker stirbt 2016 und folgt seiner Frau Margrit nach, die bereits 1990 verstarb.
The_RSA_1st/Fotografie Hotz

Ronny Stocker wächst mit dem Zürcher Papier auf. Der Vater bringt fehlerhaftes Material mit nach Hause: «Das hat meine kreative Ader gefördert», ist sich sein Sohn heute sicher.

Seine Vita scheint ihm recht zu geben: Der 70-Jährige macht in Zürich eine typografische Lehre und arbeitet als Layouter, Bildredaktor und Art-Director. Kein Wunder, dass die Papierfabrik an der Sihl Ronny Stocker nicht loslässt.

Gibt es etwas, dass er sich mit Blick auf das 555. Jubiläumsjahr wünschen würde? Ronny Stocker erinnert daran, dass einst mehrere Kirchen einen Andachtsraum in der neu gebauten Sihlcity eingerichtet haben. «Ziel war, dass die Bänker am Mittag in die Kirche gehen. Dieses Kalkül ging nicht auf.»

Die Kirche mit Fenstern, die der Künstler Hans Erni gestaltet hat, wurde also bald wieder geschlossen. Aber: «Die Glocke war eine alte Alarmglocke von Sihlpapier aus dem 18. Jahrhundert. Irgendjemand weiss, wo diese Glocke nach der Schliessung hingekommen ist.»

Ronny Stocker (rechts), Kreativdirektor der Bildagentur The_RSA_1st, und Fotograf Mario Hotz.
Ronny Stocker (rechts), Kreativdirektor der Bildagentur The_RSA_1st, und Fotograf Mario Hotz.
The_RSA_1st/Fotografie Hotz

Sie sei ein Symbol für die «heldenhaften Arbeiterinnen und Arbeiter» der Papierfabrik und sollte in Greencity ausgestellt sein, findet Ronny Stocker. Hat dieses Ansinnen – im Gegensatz zur Papier-Produktion in Zürich – eine Zukunft? Stocker sagt: «Papier ist geduldig, und ich bin auch geduldig.»