Abgeschottet

Schweizer in Quarantäne: «Meine Freundin musste ausziehen»

Von Jennifer Furer

3.3.2020

Enrico F. (26) sitzt seit Freitag in seiner Wohnung in Quarantäne.
Bild: zVg

Der 26-jährige Zürcher Enrico F.* sitzt seit Freitag in Quarantäne – er hatte an seiner Arbeitsstelle Kontakt mit einem Coronainfizierten. Ob er selbst erkrankt ist, weiss F. nicht.

Herr F.*, Sie befinden sich seit Freitag in Quarantäne in Ihrer Wohnung. Was tun Sie den ganzen Tag?

Tagsüber schlafe ich, in der Nacht schneide ich an eigenen Filmprojekten. Da ich derzeit keinen Besuch empfangen oder Termine ausserhalb meiner Wohnung wahrnehmen darf, kann ich mich voll und ganz meinen Projekten widmen.

Also empfinden Sie die Quarantäne als angenehm?

Es hat durchaus seine positiven Seiten. Aber eben auch seine negativen.

Diese wären?

Ich fühle mich einsam. Meine Familie und Freunde versorgen mich zwar mit Essen und Trinken. Sie dürfen es aber nur vor die Haustür stellen und müssen dann wieder gehen. Meine Freundin fehlt mir besonders. Ich kann zwar mit ihr telefonieren und chatten, physischer Kontakt ist aber tabu. Wegen einer möglichen Ansteckungsgefahr musste sie vorübergehend aus unserer gemeinsamen Wohnung ausziehen.

Wo ist sie untergekommen?

Sie wohnt bei Freunden. Zuerst wollte sie zu ihrem Vater. Da dieser schon etwas älter ist, hat sie sich dagegen entschieden.

Warum?

Der Kontakt mit dem Coronainfizierten an meiner Arbeitsstelle war eine Woche, bevor ich in Quarantäne kam. In dieser Zeit hatten meine Freundin und ich intensiven Kontakt. Es ist noch offen, ob ich mich überhaupt mit dem Coronavirus angesteckt habe und dementsprechend auch, ob sich meine Freundin infiziert hat.

Trotzdem ist sie nicht in Quarantäne?

Die Behörden entschieden sich dagegen. Sie sagten, dass das Risiko einer Ansteckung mit dem Virus bei ihr nicht so hoch sei wie bei mir, da sie keinen direkten Kontakt zu einem Infizierten hatte. Irgendwo muss die Grenze gezogen werden, sonst müsste die ganze Schweiz in Quarantäne.

Warum haben Sie sich nicht testen lassen?

Das geschieht erst, wenn grippeähnliche Symptome wie Husten oder Fieber auftreten. Jemand von der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich ruft mich jeden Tag zweimal an, um mir Fragen zu meinem Zustand zu stellen.

Stört Sie die Ungewissheit nicht?

Nein, ich habe keine Angst vor dem Coronavirus. Für Leute in meinem Alter besteht nur ein kleines Risiko, daran zu sterben. Mehr Sorgen mache ich mir deshalb um die älteren Leute. Kurz bevor ich in Quarantäne musste, habe ich mich für die Beerdigung meines Grossvaters fertig gemacht, als die Gesundheitsdirektion anrief und mich darum bat, nicht mehr die Wohnung zu verlassen. 

Und wie reagierten Sie?

Ich protestierte ...

 ... blieben dann aber doch zuhause?

Ja, weil mir bewusst wurde, dass das Virus für die ältere Generation und immunschwache Menschen eine grosse Gefahr darstellt. Ich wollte nicht in Kauf nehmen, dass sich jemand wegen mir ansteckt.

Was werden Sie sofort tun, wenn Sie nach zwei Wochen aus der Quarantäne raus dürfen?

Ich werde eine Bar mit vielen Leuten besuchen. Ich freue mich dann, wieder an Orte gehen zu dürfen, an denen sich viele Leute aufhalten. 

Die Coronavirus-Krise: Eine Chronik
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