«Mit Mischkonsum muss man extrem vorsichtig sein»

Philipp Dahm

15.9.2020 - 18:51

Absperrband vor einem Wohnblock in Zollikerberg, am Montag, 17. August 2020. In Zollikerberg ZH sind in einer Wohnung zwei tote Jugendliche aufgefunden worden. Was zum Tod der beiden 15-Jaehrigen fuehrte, ist noch unklar. (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Absperrband vor einem Wohnblock in Zollikerberg, in dem zwei tote Jugendliche entdeckt worden sind.
Bild: Keystone

Nachdem Tod zweier 15-Jähriger in Zollikerberg ZH warnen Experten vor zunehmendem Mischkonsum von Drogen bei Jugendlichen. «Bluewin» hat mit Drogenberatungsstellen über die grössten Gefahren gesprochen.

Am 16. August werden ein 15-jähriger Junge und ein gleichaltriges Mädchen tot in einer Wohnung in Zollikerberg ZH aufgefunden, die offenbar an einer Überdosis gestorben sind.

Der Knabe hat in der Schule früher zwar Probleme gehabt, sei aber «wirklich auf einem guten Weg», versichert seine Mutter im «Tages-Anzeiger». Nach einem Internatsaufenthalt habe er sich in den Ferien als Koch geschnuppert auf einem Pferdehof einen Ferienjob gefunden.

Der Stiefvater ergänzt: «Er freute sich auf das zehnte Schuljahr. Er hat sich sehr Mühe gegeben, er hat oft gekocht für uns, auch noch am Abend, als wir ihn das letzte Mal gesehen hatten.» Das Paar habe den Jungen am Wochenende eigentlich nicht alleine zuhause lassen wollen, musste aber in Deutschland arbeiten. 

Medikamente-Mix lähmt Atmung

Obwohl der 15-Jährige sein Leben in den Griff zu bekommen schien, setzten Drogen demselben zu früh ein Ende – und seine Eltern kennen weder das Mädchen, das mit ihm starb, noch den 18-Jährigen, der in ihrer Wohnung, in die Fremde normalerweise nicht dürfen, die Polizei rief.

Eine Apothekerin bei der Arbeit: Mischkonsum von Medikamenten kann tödlich sein.
Bild: Keystone

Fatale Auswirkungen hatte im Fall ihres Sohnes der Mischkonsum von Drogen aus: Als Todesursache stellte die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Zürich eine Atemlähmung nach Mischvergiftung mit Morphin und Alprazolam fest – wahrscheinlich die Kombination eines Schmerzmittels für Krebspatienten und Benzodiazepin wie im Beruhigungsmittel Xanax.

Die Tragödie von Zollikerberg ist kein Einzelfall: Nachdem 2018 alleine in Luzern vier Jugendliche an so einer Überdosis gestorben sind, berichtete die «Zeit» über einen Jugendlichen, der 2019 in Basel tot aufgefunden worden ist: In jeder städtischen Gemeinde im Kanton gebe es eine Szene, die exzessiv verschreibungspflichtige Medikamente konsumiere, heisst es da.

«Die Gefahr, sich zu vergiften, nimmt deutlich zu.»

Domenic Schnoz von der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs sagt bei «SRF», pro Schulklasse habe «ein Jugendlicher schon mit Medikamenten als Droge» experimentiert und warnt: «Der Mischkonsum bei Jugendlichen nimmt zu.» Differenzierter sieht das Contact, eine Stiftung für Suchthilfe in Bern, die noch in weiteren Städten im Kanton vertreten ist.

Des policiers de la Police municipale de la ville de Lausanne, controlent les individus lors d'une operation de lutte contre le deal de rue ce vendredi 1 juin 2018 sur la passerelle du Flon a Lausanne. (KEYSTONE/Jean-Christophe Bott)
Drogenkontrolle in Lausanne.
Archivbild: Keystone

«Der Mischkonsum ist ein immer wiederkehrendes Phänomen. Er unterscheidet sich jeweils in den verschiedenen Substanzen, die gerade auf dem Markt erhältlich sind», heisst es auf «Bluewin»-Nachfrage. Ins selbe Horn stösst Thilo Beck, Chefarzt der Zürcher Beratungsstelle Arud, und erinnert daran, dass Hustensaft bis vor Kurzem ein gefragtes Suchtmittel bei Jugendlichen gewesen ist.

Gleich bleibt dagegen die Naschfrage nach Bier, Wein und Schnaps: «Alkohol ist bei Jugendlichen eine verbreitete Substanz – so wie er auch in der Gesellschaft verbreitet ist. Cannabis ist die zweite Hauptsubstanz. Beruhigungsmittel mit Benzodiazepin oder Schmerzmittel mit Opiaten werden durch Alkohol massgeblich verstärkt, und die Gefahr, sich zu vergiften, nimmt deutlich zu.»

Alkohol ist ein Dauerbrenner bei den Jugendlichen und kann in Verbindung mit sedierenden Substanzen schwere Folgen haben.
Bild: Keystone

Hände weg vom chemischen THC

Was sagt Beck zum chemischen THC, das den Schweizer Markt erreicht hat? «Wir haben Todesfälle gesehen, von denen wir denken, dass sie damit im Zusammenhang stehen. Ein grosses Problem sind auch die psychischen Dekompensationen: Menschen werden psychotisch und bekommen Angstzustände. Der Konsument kann die Substanz nicht von herkömmlichen Marihuana unterscheiden, aber man kann in Zürich seine Substanzen testen lassen

Ähnlich klingt es bei der Berner Stiftung Contact: «In diesem Jahr wurden bei unserem Drug-Checking-Angebot vermehrt Cannabis-Proben zur Analyse abgegeben, die mit synthetischen Cannabinoiden behandelt wurden. Die Cannabisblüten werden ungleichmässig damit besprüht. Dies führt meistens zu einer ungleichen Verteilung der künstlichen Cannabinoide, was die Gefahr einer Überdosierung erhöht.»

Medropharm employees process the harvest of CBD hemp plants in a hall in Kradolf-Schoenenberg, Canton of Thurgau, Switzerland, on October 3, 2018. The employees separate the flowers from the branches, pluck the leaves off and lay the hemp flowers in boxes for drying. Medropharm specialises in the extraction, production and marketing of pharmaceutical grade cannabinoids and cannabinoid-containing products. (KEYSTONE/Gaetan Bally)
Unzweifelhafter Hanf: CBD-Ernte bei Medropharm in Kradolf-Schönenberg TG.
Bild: Keystone

Wenn, wie im Fall in Zollikerberg, Medikamente kombiniert werden, droht Tod durch Erstickung, warnt Contact: «Morphin und Alprazolam – generell Opiate und Benzodiazepine – passieren die Blut-Hirn-Schranke und wirken somit auf das zentrale Nervensystem. Beide Substanzklassen führen zu einer zentral gesteuerten Atemdepression, also einer Verminderung des Atemantriebs.»

Zukünftige Herausforderungen

Was wünschen sich die Beratungsstellen für die Zukunft? «Was uns ein grosses Anliegen ist, ist, dass man Jugendliche adäquat aufklärt und informiert», sagt Arud-Chefarzt Beck, «dass Ihnen die Gefahren des Konsums bewusst werden und dass man mit dem Mischkonsum sehr vorsichtig sein muss.

Und dann gibt es da noch das Problem mit dem Schwarzmarkt: Wir haben überhaupt keine Kontrolle darüber, was dort verkauft wird. So werden Jugendliche noch grösseren Risiken ausgesetzt.»

«Die grösste Herausforderung ist, dass immer mehr neue und noch wenig erforschte Substanzen auf den Markt kommen», ergänzt Contact. «Wenn diese zudem noch vermischt werden, wird es unheimlich gefährlich. Das Betreiben von Aufklärung und Prävention wird immer schwieriger, wenn ständig neue Drogen konsumiert werden.»

Neben Contact in Bern und Arud in Zürich bietet Sucht Schweiz landesweit Hilfe und Beratung bei Drogenproblemen an.

Transparenz: Mit Contact wurde per Mail und mit Thilo Beck per Telefon kommuniziert.

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