Neue Studie deckt aufDie verborgene Gefahr der Schweizer Armut
Jenny Keller
17.11.2025
Eine Scheidung trennt das gemeinsame Leben. Für Mütter wird es danach richtig teuer.
Bild:Getty Images
Wer sich in der Schweiz scheiden lässt, trennt Herz und Haushalt und oft auch das gemeinsame Konto. Mütter mit minderjährigen Kindern verlieren nach der Trennung im Schnitt fast 40 Prozent ihres Einkommens, Väter dagegen nur rund 3 Prozent.
In der Schweiz enden heute rund 40 Prozent aller Ehen in einer Scheidung.
Laut einer Studie der Berner Fachhochschule sinkt das Einkommen von Müttern mit minderjährigen Kindern in den zwei Jahren nach der Trennung im Schnitt um 38 Prozent, bei Vätern nur um 3 Prozent.
Haupttreiber sind traditionelle Rollenteilung, teure Kinderbetreuung und ein Unterhaltssystem, das nur funktioniert, wenn der Ex-Partner genug verdient.
Fachleute fordern mehr Kitas, gleich lange Mutter- und Vaterschaftsurlaube, Ergänzungsleistungen für Familien und eine Finanzplanung schon während der Ehe.
In vielen Schweizer Haushalten wird ein traditionelles Familienmodell gelebt: Der Mann arbeitet 100 oder 90 Prozent, die Frau reduziert nach der Geburt auf 40 oder 50 Prozent, übernimmt Kinder, Haushalt, Care-Arbeit. Solange man zusammenlebt, reicht das Einkommen meist. Aber am Monatsende bleibt nicht viel auf der Seite.
Im Moment der Scheidung, die laut Bundesamt für Statistik 40 Prozent aller Ehen betrifft, brauche man etwa 2000 Franken zusätzlich, sagt Sabrina Burgat, Anwältin und Professorin für Familienrecht an der Universität Neuenburg, in einem Beitrag von SRF.
«Viele Kosten, die man vorher geteilt hat, fallen nachher doppelt an», ergänzt Berater Karl Flubacher vom Vermögenszentrum (VZ) gegenüber blue News. «Man braucht eine zweite Wohnung, neue Möbel, zusätzliche Abos, Kinderbetreuung. Das alles drückt sofort aufs Budget.»
Eine Studie der Berner Fachhochschule zeigt, was passiert, wenn dieses Polster fehlt: «Die wirtschaftlichen Folgen von Scheidungen treffen Frauen, insbesondere Mütter, besonders hart», schreiben die Forschenden Robert Fluder und Dorian Kessler in ihrer Analyse.
Traditionelles Modell führt zu Sozialhilfe bei Müttern
Bei Müttern mit minderjährigen Kindern bricht das bedarfsgewichtete Haushaltseinkommen im Jahr der Trennung und im Jahr danach um durchschnittlich 38 Prozent ein. Frauen ohne Kinder verlieren immer noch rund 28 Prozent. Männer mit Kindern kommen mit minus 3 Prozent davon, Männer ohne Kinder mit minus 5 Prozent.
Gleichzeitig steigt für viele Frauen das Armutsrisiko rasant. Der Anteil der Einelternhaushalte, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, steigt im Scheidungsverlauf deutlich. Bei Frauen mit Kindern beziehen über 8 Prozent im Jahr der Scheidung Sozialhilfe. Bei Männern bleibt der Anstieg deutlich geringer.
Besonders gefährdet sind Paare mit tiefen Einkommen und stark ungleicher Rollenteilung. Verdient der Partner während der Ehe mehr als zwei Drittel des Haushaltseinkommens, steigt nach der Trennung vor allem für die Frau das Risiko, in die Sozialhilfe abzurutschen.
Rechnung für Care-Arbeit kommt nach der Trennung
Der Kern des Problems: die «Mutterschaftsstrafe». Studien aus Zürich und Bern zeigen, dass das Erwerbseinkommen von Frauen bereits nach der Geburt des ersten Kindes um rund 70 Prozent einbricht, da viele Mütter ihr Pensum stark reduzieren oder ganz aussteigen. Väter arbeiten weiter wie zuvor.
Die Schweiz gehört dabei zu den Ländern mit besonders ausgeprägter Lohnstrafe für Mütter, wie Fluder und Kessler schreiben. Wer einmal raus ist oder jahrzehntelang teilzeitnah gearbeitet hat, steigt nach der Scheidung selten einfach in ein gut bezahltes 80- oder 100-Prozent-Pensum ein, schon gar nicht, wenn noch Kita-Rechnungen zu bezahlen sind.
Ein Kitaplatz kostet in der Schweiz im Schnitt 110 bis 130 Franken pro Tag. Für eine Familie kann dies eine monatliche Belastung von über 2500 Franken bedeuten. Damit gehört die Schweiz europaweit zur Spitze. Die öffentliche Hand übernimmt im internationalen Vergleich einen relativ kleinen Teil der Betreuungskosten, im Schnitt rund 40 Prozent.
Andere OECD-Länder finanzieren 65 bis 98 Prozent. «Die Schweiz ist in Sachen Finanzierung von Fremdbetreuung ein Entwicklungsland», kritisierte die GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy im Gespräch mit elleXX.
Unterhalt hilft – aber nur, wenn genug da ist
Formal soll das Unterhaltsrecht die Nachteile jener Person ausgleichen, die während der Ehe mehr Haus- und Betreuungsarbeit geleistet hat. Seit der Revision des Scheidungsrechts im Jahr 2000 und den jüngsten Bundesgerichtsentscheiden erwartet die Rechtsprechung aber, dass Geschiedene möglichst rasch wirtschaftlich unabhängig werden. Das trifft faktisch vor allem Frauen.
Die Auswertungen der Berner Fachhochschule zeigen, dass nur noch rund 30 Prozent der Frauen nachehelichen Unterhalt erhalten. Wichtiger sind die Kinderalimente. Zwei Drittel der Frauen mit Kindern erhalten Unterhaltsbeiträge, im Schnitt knapp 1900 Franken pro Monat. Das ist oft nicht genug, um Miete, Krankenkasse, Kinderbetreuung und Alltagskosten zu decken, wenn das eigene Erwerbseinkommen tief ist.
40 Prozent aller Ehen werden geschieden. Eine Scheidung hat langfristige finanzielle Folgen, vor allem für die einkommensschwächere Person.
Bild:Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa
Gleichzeitig können Männer mit tiefen oder instabilen Einkommen die berechneten Unterhaltsbeträge oft gar nicht in voller Höhe zahlen. Die Fachliteratur spricht von «einseitiger Mankoteilung»: Das Loch im Budget bleibt bei der wirtschaftlich schwächeren Person hängen. In der Regel der Mutter.
Wo der Ex-Partner oder die Ex-Partnerin mehr als 130'000 Franken im Jahr verdient, sinkt laut Studie das Sozialhilferisiko für die wirtschaftlich schwächere Seite praktisch auf null. Bei mittleren und tiefen Einkommen trägt die Allgemeinheit die Lücke, über Sozialhilfe und Ergänzungsleistungen.
Scheidung als Altersfalle
Die Studie zeigt auch: Die Scheidungsfolgen ziehen sich bis in die Pension. Die Ergänzungsleistungs-Quote von Geschiedenen ist fast fünfmal so hoch wie bei Verheirateten, und die Renten der 70–74-jährigen Geschiedenen liegen deutlich tiefer als im Rest der Bevölkerung.
Wer jahrelang Teilzeit gearbeitet, wenig in die Pensionskasse einbezahlt hat und nach der Trennung kaum Reserven aufbauen konnte, landet im Alter schnell unter dem Existenzminimum. Das gilt nicht nur für Frauen. Auch Männer mit langen Krankheitsphasen, tieferen Einkommen oder hohen Unterhaltszahlungen geraten in Schieflage. Sie verschulden sich, arbeiten länger, verschieben die Pensionierung.
Die Berner-Forschenden formulieren es so: Scheidung ist in der Schweiz ein «soziales Risiko», nicht nur eine private Angelegenheit zweier Menschen.
Rahmenbedingungen für egalitäre Modelle
Studien zeigen, dass hohe Betreuungskosten ein zentraler Treiber von Familienarmut sind und die Erwerbsarbeit von Zweitverdienenden – meist Müttern – unattraktiv machen. Rahmenbedingungen für egalitäre Modelle während der Beziehung wären demnach flächendeckend verfügbare und bezahlbare Kitas.
Familienrechtlerin Sabrina Burgat betont im SRF-Beitrag, dass auch gleich lange Elternurlaube entscheidend wären: Sie würden den Einstieg in eine 50/50-Aufteilung der Care-Arbeit erleichtern und damit auch die finanzielle Unabhängigkeit beider Eltern stärken.
Aus ökonomischer Sicht ist die wichtigste Stellschraube die Erwerbstätigkeit. Wer nach der Geburt stark reduziert oder ganz aussteigt, bezahlt später mit tieferen Löhnen, weniger Vorsorge und geringen Chancen, diesen Rückstand nach einer Scheidung aufzuholen. Viele Eltern unterschätzen genau diese langfristigen Folgen.
«Die unmittelbaren zusätzlichen Ausgaben wenn die Mutter arbeiten geht fallen sofort an – vor allem für die Kinderbetreuung», sagt Karl Flubacher vom VZ. «Die Auswirkungen eines Lohnausfalls auf die Rente in 20 Jahren vergisst man oft, da die Pensionierung noch weit weg ist. Genau deshalb werden sie oft unterschätzt.»
Mehr Videos aus dem Ressort
Selbstversorger werden: «Es geht um die Kunst des Kompostierens» – «Ich sehe nur vier Haufen»
Bruno Bötschi versucht sich als Selbstversorger. Der blue News-Redaktor arbeitet auf dem Permakultur-Hof in Feldbach ZH. Er lernt Mulchen und Kompostieren – und was es heisst, mit Tieren und Pflanzen eins zu sein.