«Bis 2030 braucht die Schweiz zusätzlich 70'500 Pflegende»

Von Eveline Rutz

6.10.2021

SYMBOLBILD - 14.06.2011, ---: ILLUSTRATION - Eine Pflegerin hält einem Altenheim die Hand einer Bewohnerin. (zu dpa: «Weitere Corona-Ausbrüche in Seniorenheimen») Foto: Oliver Berg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (KEYSTONE/DPA/Oliver Berg)
Mit der Pflege-Initiative sollen die Bedingungen des Pflege-Personals verbessert werden.
Bild: Keystone/Oliver Berg

Pflegende schlagen Alarm: Werde ihr Beruf nicht attraktiver, drohe ein Notstand. «Die jetzige Situation ist unhaltbar», sagt auch Expertin Rebecca Spirig, Reformen seien überfällig.

Von Eveline Rutz

6.10.2021

Frau Spirig, was macht Pflegenden in ihrem Berufsalltag zu schaffen?

Arbeitsbedingungen, die es erschweren, Beruf und Familie zu vereinbaren. Fehlende Wertschätzung und dass sie wenig selbst entscheiden können. Unser Gesundheitswesen ist stark an der ärztlichen Expertise orientiert. Stellt eine Spitex-Mitarbeiterin beispielsweise fest, dass ein Patient Stützstrümpfe benötigt, müssen diese von einem Arzt verordnet werden. Das kostet Zeit und Geld. Viele Pflegende steigen aus dem Beruf aus, weil sie nicht ihren Kompetenzen entsprechend eingesetzt werden und wenig Entwicklungsmöglichkeiten haben.

Zur Person
zVg

Rebecca Spirig ist emeritierte Titularprofessorin für Pflegewissenschaft an der Universität Basel. Sie war in verschiedenen Führungsfunktionen tätig, unter anderem als Direktorin Pflege am Universitätsspital Zürich. Sie hat in jungen Jahren als Pflegerin in der Schweiz gearbeitet und in den USA studiert. Rebecca Spirig ist Mitglied des Initiativ-Komitees.

Wie könnte man sie denn besser einsetzen?

Akademisch ausgebildete Pflegende verfügen über vertiefte Kompetenzen und könnten breitere Aufgaben übernehmen. Sie könnten sich in Hausarztpraxen um die Erstversorgung kümmern oder chronisch kranke Menschen begleiten. In einigen Spitälern führen sie bei stabilen Fällen die Visiten durch. Das entlastet wiederum die Ärzteschaft. Leider stossen solche Ideen nur selten auf offene Ohren.

In anderen Staaten geniesst das Pflegepersonal mehr Autonomie. Ich denke an die Niederlande, wo sich ambulante Pflege-Teams weitgehend selbst organisieren.

Das stimmt. Auch in den USA arbeiten Pflegefachleute seit Jahrzehnten sehr eigenständig. Sogenannte Nurse Practitioners sind dort für die Erstversorgung der breiten Bevölkerung zuständig. Das funktioniert gut. Auch in der Schweiz gibt es zunehmend solche Beispiele, die zeigen, dass es sich auszahlt, wenn die Pflege eine stärkere Rolle einnimmt.

Inwiefern zahlt sich dies aus?

Die Qualität der medizinischen Versorgung ist hoch und die Mitarbeitenden sind zufrieden. Zurzeit fehlt es aber am politischen Willen, solche Modelle gezielt voranzutreiben und schweizweit zu etablieren.

Die Pflegeinitiative verlangt, dass Pflegefachleute gewisse Leistungen selbst verordnen, erbringen und abrechnen können. Gegner warnen, dass dadurch die Kosten steigen würden.

Pflegende sind absolut kompetent, die Kosten im Griff zu halten. Das zeigt sich etwa dort, wo sie Führungsfunktionen haben. Wir wissen, dass die Ausgaben tendenziell abnehmen, wenn dem Pflegepersonal mehr Autonomie zugestanden wird.

Das Initiativ-Komitee und Expertinnen warnen vor einem Pflegenotstand. Wie akut ist die Situation?

Sie ist unhaltbar. Pflegende sind chronisch überlastet, erschöpft und frustriert. Viele steigen schon nach wenigen Jahren aus. Der Pflegenotstand ist längst Realität. In keinem anderen Beruf sind so viele Stellen unbesetzt. Aktuell fehlen über 10'000 Pflegende. Weil wir immer älter werden und Mehrfacherkrankungen zunehmen, wird der Bedarf weiter steigen. Bis 2030 wird die Schweiz zusätzlich 70'500 Pflegende brauchen.



Die Schweiz setzt stark auf medizinisches Personal aus dem Ausland. Es dürfte allerdings schwieriger werden, auf diesem Weg offene Stellen zu besetzen. Die Herkunftsländer unternehmen einiges, um ihre Fachkräfte zu halten.

Das ist so. Ohne ausländische Mitarbeitende würde unser Gesundheitswesen schon lange nicht mehr funktionieren. Wir profitieren von Menschen, die anderswo ausgebildet wurden – und jetzt dort fehlen. Diese grosse Abhängigkeit ist problematisch. Wir müssen unbedingt mehr Pflegefachleute im Inland ausbilden.

Mit der Pflegeinitiative soll ein einzelner Berufsstand bessergestellt werden. Wäre es nicht sinnvoller, die Zusammenarbeit aller Berufsgruppen zu stärken?

Wenn wir im Pflegebereich nicht rasch Verbesserungen erreichen, werden wir grosse Probleme haben. Ich bin überzeugt, dass ein Ja zur Initiative nicht nur der Pflege neue Impulse geben würde. Es würde im Gesundheitswesen als Ganzes Reformen anstossen.

Darum geht es bei der Pflegeinitiative

  • Das Pflegepersonal arbeitet am Limit. Schwierige Arbeitsbedingungen, der permanente Spardruck und fehlende Wertschätzung setzen ihm zu. Viele Pflegende steigen vorzeitig aus dem Beruf aus; aktuell sind es rund 2400 Personen pro Jahr.
  • Die Situation dürfte sich verschärfen. Da die Menschen länger leben und seltener von Angehörigen gepflegt werden, wird es zusätzliche Fachkräfte brauchen. Experten warnen vor einem Pflegenotstand. «Das Gesundheitswesen wird selbst zum Pflegefall, wenn der Beruf nicht attraktiver gemacht wird», sagt Yvonne Ribi, Geschäftsführerin vom Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner (SBK).
  • Mit der Volksinitiative «für eine starke Pflege» will der SBK Verbesserungen erreichen. Pflegende sollen künftig eigenständiger arbeiten, für weniger Patientinnen und Patienten zuständig sein und von familienfreundlicheren Arbeitszeiten profitieren. Das Volksbegehren sieht zudem mehr Investitionen in die Aus- und Weiterbildung vor. Das Ja-Komitee startet am 6. Oktober den Abstimmungskampf, am 28. November wird das Stimmvolk entscheiden.
  • Bundesrat und Parlament lehnen die Initiative ab, da sie zu weit gehe: besonders die Regelung der Arbeitsbedingungen durch den Bund. Der Initiative wird ein indirekter Gegenvorschlag gegenübergestellt. Dieser tritt in Kraft, falls die Initiative abgelehnt wird. (eru)