«Die Angst, zu verlieren, was wir schon haben, ist stark»

Von Gil Bieler

8.6.2021

CO2-Gesetz: Was du unbedingt wissen musst

CO2-Gesetz: Was du unbedingt wissen musst

Ist das CO2-Gesetz nun teuer und nutzlos oder der einzige Weg, das Klima zu retten? «blue News» erklärt, was du für die Abstimmung wissen musst.

20.05.2021

Im Streit um das CO₂-Gesetz dominiert der Benzinpreis statt der Klimawandel. Warum das Kosten-Argument so zieht und was die Flugticket-Abgabe vom Preis für Raschelsäckli unterscheidet, weiss der Psychologe Tobias Brosch. 

Von Gil Bieler

8.6.2021

«Teuer» sei das CO₂-Gesetz, argumentieren die Gegner*innen – und treffen damit einen Nerv, denn das CO₂-Gesetz verliert an Rückhalt. Laut der neuesten SRG-Trendumfrage wollen noch 54 Prozent ein Ja in die Urne einwerfen, das sind sechs Prozentpunkte weniger als noch im April. Das Nein-Lager dagegen konnte im selben Zeitraum von 35 auf 43 Prozent zulegen.

Dabei zeigt sich: Das Kosten-Argument des Nein-Lagers zieht am meisten, wie die Forschenden des Instituts GFS.Bern festhalten, das die Umfrage durchgeführt hat. Kostet das Benzin oder das Flugticket künftig etwas mehr, verstummt bei vielen das grüne Gewissen – obwohl wir bereits heute sehen, wie der Klimawandel etwa den Schweizer Gletschern zusetzt.

Wieso ticken die Menschen so, wie sie ticken? «blue News» hat beim Verhaltensforscher und Psychologen Tobias Brosch von der Universität Genf nachgefragt.

Herr Brosch, bei der Diskussion ums CO₂-Gesetz dominiert nicht etwa das grosse Thema Klimawandel, sondern das eigene Portemonnaie: Überrascht Sie das? 

Aus Sicht eines Wissenschaftlers eigentlich nicht, nein – obwohl es dann immer wieder überrascht, wie sich solche Debatten entfalten. Die unmittelbaren Folgen für einen selber bewegen die meisten Menschen eben doch mehr als Langzeitfolgen für den Planeten.

Zur Person
zVg

Tobias Brosch ist Psychologe und Direktor des Consumer Decision & Sustainable Behavior Lab an der Universität Genf, das Zusammenhänge zwischen Konsumentenverhalten und Nachhaltigkeit erforscht.

Aber wir lesen und hören ja dauernd vom Klimawandel – ohne dass etwas hängen bleibt?

Schauen Sie sich an, wie wir uns evolutionär entwickelt haben: Der Mensch ist optimiert darauf, auf unmittelbare Bedrohungen zu reagieren. Auf alles, was im Hier und Jetzt stattfindet – was wir sehen, spüren, hören oder sonst irgendwie wahrnehmen können. Der Klimawandel aber spielt sich auf einem abstrakteren Level ab, wird meist über Statistiken und Grafiken vermittelt. Dann heisst es: «Wenn wir das und das nicht schaffen, gelingt es uns nicht, den Temperaturanstieg auf so und so viel Grad zu begrenzen.» Das sind alles Informationen, die nicht leicht in unser System eindringen. Wir können das verstehen, aber man hat keine Emotionalität.  

Beim CO₂-Gesetz dominieren aber auch Zahlen und Geldbeträge – und genau das überzeugt viele, Nein zu stimmen.

Wenn es heisst «Ab nächstem Monat habe ich so und so viel Franken weniger zur Verfügung», dann kann ich mir das direkt vorstellen. Das empfinde ich dann als schlecht für mich selber, zumal es relativ bald eintritt. Da sind also durchaus Emotionen im Spiel, wenn auch negative. Und die Angst, das zu verlieren, was wir schon haben, ist stark ausgeprägt. Das verinnerlichen wir dann einfacher als den Klimawandel, den wir nur aus langfristigen Beobachtungszeiträumen und Statistiken kennen.

Bilder von schmelzenden Gletschern in der Schweiz hat ja mittlerweile wohl jede und jeder gesehen.

Da geht es um die Frage, ob ich das auch als Problem wahrnehme. Vielleicht finde ich es zwar schade, wenn die Gletscher zurückgehen, will aber dennoch nicht darauf verzichten, über das Wochenende nach Barcelona fliegen zu können, um mich zu amüsieren. Weil ich da genau sehe, was ich davon habe.



Fällt es denn Menschen mit Kindern einfacher, diese Langzeit-Perspektive einzunehmen?

Das würde man ja eigentlich meinen, aber diesen Effekt findet man nicht in den empirischen Studien. Es ist im Gegenteil eher so, dass junge Familien, wenn sie Kinder bekommen, erst einmal eine schlechtere Ökobilanz haben als davor. Das hängt natürlich auch damit zusammen, dass sie auf einmal Windeln und viele andere Dinge benötigen, für viele ist es aber auch der Zeitpunkt, an dem sie sich ein Auto zulegen. Da gibt es erst mal Rückschritte in der Ökobilanz, weil andere Probleme viel drängender werden.

Der Bundesrat setzt mit dem CO₂-Gesetz auf Lenkungsabgaben. Ein gutes Mittel, um das Verhalten zu beeinflussen?

Abgaben sind, genau wie alle finanziellen Massnahmen, sehr wirksam. Sie treffen aber, wie man jetzt gerade sieht, auf Widerstand und sind darum oft schwer einzuführen. Man kommt dann vom Thema ab, plötzlich geht es ums Geld statt um die Frage, wie man überlebensfähige Verhältnisse auf dem Planeten bewahren kann. Und selbst wenn jemand sein Verhalten aufgrund von Lenkungsabgaben ändert, macht er das ja nicht aus Überzeugung, sondern, um Geld zu sparen.

Seit die Plastiksäckli an der Supermarktkasse 5 Rappen kostet, ging der Verbrauch massiv zurück. Könnte eine Flugticket-Abgabe einen ähnlichen Effekt auslösen?

Das ist eine gute Frage. Bei den 5 Rappen geht es ja gar nicht um den Preis, das kann sich jeder leisten. Aber davor waren sie halt gratis – und erst durch diesen Preis wurde kommuniziert, dass es eine schlechte Sache ist, diese Säckli zu brauchen. Beim Säckli fand also ein Wechsel statt von gratis zu «Es kostet etwas». Ein Flugticket dagegen kostet ohnehin schon einen gewissen Betrag – wenn da noch eine Abgabe von wenigen Prozent dazukommt, wird das einfach in Kauf genommen. Das Fliegen wird also teurer, aber die Einstellung zum Fliegen verändert sich dadurch nicht.

Was übrigens interessant ist: In anderen Ländern hat man es mit einem positiven Anreiz versucht. Wer seine eigene Tasche mitbrachte, bekam 5 Cent geschenkt. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert, es braucht also die Bestrafung in Form eines Kaufpreises.

Umfrage
Bereitet dir der Klimawandel Sorgen?

Sie sagen, finanzielle Aspekte wirken zwar, überzeugen die Leute aber nicht. Was wäre denn ein besserer Ansatz?

Ein Thema, das in der Forschung gerade neu aufgegriffen wird, ist der Einfluss positiver Emotionen, im Englischen spricht man vom warm glow. Gemeint ist, dass ein positives Verhalten auch eine positive emotionale Reaktion auslöst.

Können Sie dazu ein Beispiel nennen?

Wenn man einem Bettler 10 Franken gibt – und zwar nicht nur, weil man Mitleid mit seiner Situation hat, sondern auch, weil man weiss: Danach fühle ich mich einfach gut. Die Forschung interessiert sich nun dafür, wie dieser warm glow auch bei umweltfreundlichem Verhalten erzeugt werden kann, statt mit finanziellen Anreizen zu arbeiten. Die Frage ist: Wie können wir erreichen, dass sich Menschen besser fühlen, wenn sie umweltfreundlich leben? Wie gelingt es, dass ihnen das sogar Spass macht? Wenn man solch einen Verstärkungsmechanismus findet, wäre das eine sehr nachhaltige Art, auf das Verhalten einzuwirken. Die Leute motivieren sich dann sozusagen selber.

Lassen sich Schweizerinnen und Schweizer eigentlich leicht zu umweltfreundlichem Verhalten animieren?  

Schweizer sind generell schon sehr um die Umwelt besorgt und haben normalerweise auch eine starke Bindung zur Natur. Gleichzeitig sind wir ein sehr wohlhabendes Land – und das ermöglicht viele Aktivitäten oder Verhaltensformen, die der Umwelt schaden, vom Fliegen über die Zweitwohnung bis zum SUV. Unser hoher Lebensstandard verleitet zu vielen Umweltsünden.