Bericht zu Nichtbinären wie NemoSchweiz soll Mann/Frau-Unterscheidung behalten, aber …
Petar Marjanović
28.11.2025
Bei der Flaggenparade präsentierte Nemo die non-binäre Flagge.
Jens Büttner/dpa
Menschen, die weder Mann noch Frau sind, stossen im Alltag auf Probleme und Widerstand. Jetzt prüft der Bund pragmatische Lösungen, ohne das bestehende System anzutasten.
In der Politik gibt es nur wenige Themen, die so stark polarisieren und Emotionen auslösen wie die Existenz nichtbinärer Menschen – also Personen, die sich nicht eindeutig als Frau oder Mann einordnen können oder möchten.
Wie viele Menschen in der Schweiz betroffen sind, ist nicht genau bekannt. Schätzungen gehen jedoch von 103'000 bis 154'000 Personen aus. Dazu gehören etwa das Gesangstalent Nemo, das Model Tamy Glauser oder Literaturpreisträger*in Laura Leupi – Menschen, die sich nicht in klassische Geschlechterrollen einfügen wollen.
Spätestens nach Nemos Sieg beim Eurovision Song Contest wurde Bundesbern klar, dass sich die Politik mit ihrer Situation befassen sollte. Das Parlament gab dem Bundesrat den Auftrag, Möglichkeiten zu prüfen, wie nichtbinären Personen geholfen werden kann – allerdings ohne das bestehende binäre Geschlechtsmodell im Recht grundsätzlich aufzugeben. Diese Woche hat der Bundesrat seinen Bericht dazu veröffentlicht.
blue News beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema.
Wer sind die betroffenen Personen?
Nichtbinäre Menschen identifizieren sich nicht oder nur teilweise mit den Kategorien «weiblich» oder «männlich». Einige haben keinen Bezug zur Idee von «Geschlecht», andere empfinden ihre Identität als gemischt oder veränderlich. Manche ist es schlicht unwichtig, wie sie geschlechtlich wahrgenommen werden. Wieder andere lehnen das zweigeteilte Geschlechtermodell grundsätzlich ab.
Wichtig für das Verständnis: Die Geschlechtsidentität ist nicht dasselbe wie das biologische Geschlecht. Auch biologisch gibt es mehr Vielfalt, als oft angenommen wird. Die Existenz intergeschlechtlicher Menschen zeigt, dass selbst die Natur sich nicht strikt an zwei klar trennbare Geschlechter hält.
Fans nehmen Nemo am Zürcher Flughafen in Empfang
Nach dem triumphalen Sieg am ESC in Malmö ist Nemo zurück in der Schweiz. Das 24-jährige Musiktalent ist am späten Sonntagabend in Zürich gelandet. Rund hundert Fans nahmen ihm mit non-binär-Flaggen und Kuhglocken in Empfang.
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Wo liegt das Problem?
Viele Schwierigkeiten entstehen im Alltag. Zahlreiche Formulare kennen nur «männlich» und «weiblich». Toiletten und Garderoben sind getrennt. Offizielle Ausweise lassen ebenfalls nur zwei Geschlechter zu. Für einen Teil der Menschen, die dazwischen stehen, kann dies zu unangenehmen oder belastenden Situationen führen. Historisch wurden Betroffene häufig gezwungen, sich einem der beiden Geschlechter anzupassen.
Der Bericht zeigt deutlich, dass dies Folgen hat: Viele nichtbinäre Menschen kämpfen mit psychischen Belastungen. Depressive Symptome und Suizidgedanken kommen in dieser Gruppe deutlich häufiger vor als in der Gesamtbevölkerung. Der Bundesrat spricht von ernsthaften Schwierigkeiten, die nicht übersehen werden sollten.
Warum kann der Staat das Problem nicht einfach lösen?
Der Bundesrat macht klar: Die Schweizer Rechtsordnung ist tief binär aufgebaut. Die Vorstellung, dass jeder Mensch entweder Mann oder Frau sein muss, zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gesetze.
Das betrifft etwa das Personenstandsregister, internationale Passstandards, das Gleichstellungsgesetz sowie viele darauf abgestützte IT-Systeme. Anpassungen wären teils technisch anspruchsvoll, teuer oder international schwer umsetzbar.
Trotzdem erkennt der Bundesrat an, dass Betroffene Schutz brauchen. Heute stützt sich dieser Schutz auf allgemeine Grundrechte wie das Diskriminierungsverbot und das Recht auf Privatsphäre. Der Bericht zeigt aber, dass diese Regeln im Alltag oft zu wenig greifen.
Welche Verbesserungen prüft der Bundesrat konkret?
Einige Massnahmen sind bereits in Arbeit – darunter strengere Regeln gegen Hassrede im Internet und ein Aktionsplan gegen Gewalt an LGBTIQ-Personen. Im Parlament wird diskutiert, die Strafnorm gegen Diskriminierung zu erweitern. Würde künftig das Merkmal «Geschlecht» ergänzt, wären nichtbinäre Menschen automatisch vor Hassrede besser geschützt.
Auch bei administrativen Fragen prüft der Bundesrat Anpassungen. So könnte eine reine Vornamensänderung ohne Änderung des Geschlechtseintrags künftig einfacher werden. Heute bezahlen Personen, die ihren Vornamen aufgrund einer nichtbinären Geschlechtsidentität ändern möchten, wegen einer Gesetzeslücke allerdings mehr für diesen Schritt als trans Menschen, die ihren Namen im Rahmen einer gleichzeitigen Änderung des Geschlechtseintrags anpassen lassen.
Beim Geschlechtseintrag auf Ausweisen sind ebenfalls Änderungen denkbar, doch sind diese technisch und international heikel. Ein dritter Eintrag wie «X» wäre im Schweizer Pass möglich, könnte jedoch bei der Einreise in gewisse Länder Probleme auslösen. Für die ID-Karte wäre mehr Flexibilität denkbar, benötigt aber vertiefte Abklärungen.
Der Schweizer Pass erwähnt heute das eingetragene Geschlecht.
KEYSTONE
Was ändert sich für die Gesellschaft?
Der Bundesrat stellt klar: Die grundlegende geschlechtliche Zweiteilung des Staates soll bestehen bleiben. Gleichzeitig soll der Alltag für Menschen, die nicht in dieses Raster passen, pragmatisch erleichtert werden. Einige Kantone – etwa Basel-Stadt oder Genf – zeigen mit erweiterten Gleichstellungsgesetzen, dass solche Lösungen möglich sind.
Zudem wird das Thema sichtbarer. Immer mehr Betriebe, Hochschulen und Gemeinden prüfen geschlechtsneutrale Toiletten oder schulen ihr Personal im Umgang mit verschiedenen Geschlechtsidentitäten. Der Bundesrat will diese Entwicklungen beobachten und dort Verbesserungen prüfen, wo sie praktikabel und rechtlich umsetzbar sind.
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