Von Schwarzenbach bis heuteSeit 50 Jahren streitet die Schweiz über Einwanderung – wieso eigentlich?
SDA
13.5.2026 - 16:26
Seit 50 Jahren spricht die Schweiz über Zuwanderung.
KEYSTONE
Die Schweiz stimmt erneut über Migration ab – doch die Debatte ist alles andere als neu. Seit über 50 Jahren beschäftigt die Begrenzung der Zuwanderung Politik und Bevölkerung.
Die Schweiz stimmt am 14. Juni über die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ab, ein Thema mit jahrzehntelanger politischer Geschichte.
Bereits seit den 1970er-Jahren wird über Begrenzungen der Zuwanderung abgestimmt.
Frühere Initiativen wie die «Schwarzenbach-Initiative» oder die «Masseneinwanderungsinitiative» mobilisierten stark, wurden aber teils abgelehnt oder nur abgeschwächt umgesetzt.
In jüngerer Zeit verschob sich die Argumentation von «Überfremdung» hin zu Themen wie Umwelt, Infrastruktur und Lebensqualität.
Experten erwarten, dass das Thema Migration die Schweizer Politik weiterhin regelmässig prägen wird.
Am 14. Juni stimmt die Schweiz über die SVP-Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz!» ab. Die Begrenzung der ausländischen Bevölkerung ist ein Thema, das die Politik seit mehr als einem halben Jahrhundert beschäftigt.
In der Nachkriegszeit zog die Schweiz viele Tausend Arbeitskräfte aus Europa an, insbesondere aus Spanien und Italien. Zwischen 1950 und 1970 stieg der Anteil der ausländischen Einwohnerinnen und Einwohner von 6 auf 17 Prozent und erreichte in den 1970-er-Jahren die Millionengrenze. «In bestimmten Teilen der Schweizer Gesellschaft machte sich ein Gefühl der Beklemmung breit», sagt Olivier Meuwly, Historiker und FDP-Mitglied, im Gespräch mit Keystone-SDA.
In diesem Zusammenhang wurde die Nationale Aktion (heute Schweizer Demokraten) gegründet, die unter anderem die vom Rechtsaussenpolitiker James Schwarzenbach getragene «Überfremdungsinitiative» lancierte.
Die Initiative, die eine Begrenzung der Ausländerzahl auf 10 Prozent der Bevölkerung forderte, wurde 1970 mit 54 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt. Doch die Wahlbeteiligung war historisch hoch: fast 75 Prozent, ein Rekord seit der Einführung der AHV im Jahr 1947.
Auf diese Mobilisierung angesprochen, stellt der Historiker und Politologe Claude Longchamp fest, dass Initiativen, die «ein Tabu brechen, immer eine hohe Beteiligung haben». Auch wenn die «Schwarzenbach-Initiative» nicht angenommen wurde, ist das Thema aus der Schweizer Politik nicht verschwunden.
Der Schock ist vorbei
Zwei weitere Vorlagen folgten 1974 und 1977 und erhielten jeweils lediglich 34 beziehungsweise 29 Prozent Ja-Stimmen. Es sei ein Thema geblieben, das bewege, aber keine Tabus mehr breche, so Longchamp.
Zudem führten die Wirtschafts- und Ölkrisen von 1973 zu einem Rückgang der Einwanderung und zur Rückkehr in die Herkunftsländer. «Es hat sich auch ein Bewusstsein entwickelt: Ohne diese ausländischen Arbeitskräfte würden die Schweizer Wirtschaft und Gesellschaft nicht funktionieren», sagt Meuwly.
Ende des 20. Jahrhunderts griff die SVP das Thema der restriktiven Einwanderungspolitik auf. 1992, im Jahr der Abstimmung über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), lancierte die Partei ihre erste Volksinitiative «gegen die illegale Einwanderung», die vier Jahre später abgelehnt wurde.
Die Unterzeichnung der bilateralen Abkommen mit der EU im Jahr 1999, welche die Personenfreizügigkeit beinhalten, markierten einen Wendepunkt für die Partei. Die SVP wird fortan jeden Versuch einer Annäherung an Brüssel bekämpfen. Im Jahr 2010 wird die Initiative «für die Ausschaffung krimineller Ausländer» angenommen – ein wichtiger Sieg für die Partei.
Abstimmung von 2014
Vier Jahre später wird die Initiative «gegen die Masseneinwanderung» mit 50,3 Prozent Ja-Stimmen knapp angenommen. Claude Longchamp sieht bei dieser Abstimmung eine «aussergewöhnliche Mobilisierung der Arbeiterklasse, die sich normalerweise nicht beteiligt».
Doch das vom Parlament verabschiedete Ausführungsgesetz setzt der Einwanderung «keine wirklichen Grenzen». Es verpflichtet Arbeitgeber, bestimmte Stellen bei den Arbeitsämtern zu melden, bevor sie Arbeitskräfte im Ausland rekrutieren – ohne echte Auflagen. «Der Bund hat symbolisch reagiert, nicht inhaltlich», so Longchamp.
Gestärkt durch diese Dynamik reichte die SVP und die Aktion für eine unabhängige neutrale Schweiz (AUNS) 2020 die Initiative «für eine moderate Migration» (Begrenzungsinitiative) ein, die es der Schweiz ermöglichen sollte, die Einwanderung eigenständig zu beschränken. Sie wird mit 61 Prozent abgelehnt. «Der Text war zu intellektuell, das Völkerrecht interessiert die Bevölkerung nicht», sagt Longchamp dazu.
Thematischer Wandel
In der Zwischenzeit hat sich laut Olivier Meuwly ein thematischer Wandel in den Vorstössen der SVP vollzogen. Bereits 2014 führte die Initiative «Stopp der Überbevölkerung, Ja zur nachhaltigen Erhaltung der natürlichen Ressourcen» ein neues Argument ein. «Zum ersten Mal wird der Zusammenhang zwischen Ökologie und Überbevölkerung hergestellt», so Meuwly.
Der Historiker sieht darin eine Verlagerung von der reinen «Überfremdung» hin zur Erwähnung der negativen Folgen im Verkehr, in der Natur und der Umwelt. Themen, die sich in der Initiative vom 14. Juni wiederfinden.
«Nahezu unvermeidlich»
Die Daten zeigen, dass sich das Schweizer Volk alle fünf bis zehn Jahre mit der Begrenzung der Einwanderung befasst. Für Meuwly machten die Zunahme von rücksichtslosem Verhalten, der Druck auf die Infrastruktur und Umweltbedenken «eine x-te Abstimmung zu diesem Thema fast unvermeidlich».
Seiner Meinung nach könnten jedoch zwei Faktoren die Dynamik bremsen: eine schwere Wirtschaftskrise wie 1970, die zu Abwanderungen führen würde, oder ein völliger Bruch der Beziehungen zu Europa, «der durch diese Abstimmung oder durch eine Ablehnung der Bilateralen III ausgelöst werden könnte».
Für Claude Longchamp gilt: Solange die SVP Wahlen gewinne, werde sie ihre Kernthemen Migration, Asyl und die Europäische Union nicht aufgeben.
Das sagt Bundesrat Beat Jans zur 10-Millionen-Initiative der SVP
Die Schweiz stimmt am 14. Juni über die Nachhaltigkeitsinitiative der SVP ab. Bundesrat, Kantone, Wirtschaft warnen nun vor gravierenden Folgen für Arbeitsmarkt, Sicherheit und die Beziehungen zur EU.
Rassistische Krawalle in Belfast: Starmer «schockiert»
Belfast/London, 10.06.2026: Nach gewaltsamen Ausschreitungen: Der britische Premierminister Keir Starmer verurteilt die rassistische Krawalle in Belfast aufs Schärfste.
Er schreibt in einem X-Beitrag:
«Die Szenen in Belfast letzte Nacht waren schockierend und völlig inakzeptabel (...) Es ist offensichtlich, dass Menschen letzte Nacht aufgrund ihrer Herkunft ins Visier genommen wurden, und das werde ich nicht tolerieren (...) Die Verantwortlichen werden die volle Härte des Gesetzes zu spüren bekommen.»
Hintergrund der Ausschreitungen ist ein brutales Video eines Messerangriffs vom Montag, bei dem ein Mann schwer verletzt worden war. Mutmasslicher Täter ist laut Polizei ein 30-jähriger Sudanese. Er wurde wegen versuchten Mordes, Waffenbesitzes und Todesdrohungen angeklagt.
Randalierer zogen teils vermummt durch die Strassen und setzten mehrere Fahrzeuge in Brand. Auch Wohnhäuser wurden angezündet, aus ihnen mussten Bewohner gerettet werden.
11.06.2026
ICE-Agenten zerren Frau aus ihrem Auto
Am 13. Januar 2026 ziehen Beamte der Einwanderungspolizei ICE eine Frau in Minneapolis, Minnesota, aus ihrem Wagen und verhaften Aliya Rahman.
15.01.2026
Trump und Xi in China: Treffen beginnt mit Warnung wegen Taiwan
Chinas Staatschef warnt Trump vor Konflikt um Taiwan. Zum Auftakt des Besuchs von US-Präsident Donald Trump macht der chinesische Staatschef Xi klar, dass die Taiwan-Frage die Beziehung zwischen seinem Land und den USA in eine «äusserst gefährliche Lage bringen» könnte. Ob und was Trump auf Xis Äusserungen entgegnet hat, ist nicht bekannt. Die USA spielen in Bezug auf Taiwan eine wichtige Rolle – unter anderem, weil sie trotz grosser Kritik Pekings Taiwan mit Waffen beliefern.
14.05.2026
Rassistische Krawalle in Belfast: Starmer «schockiert»
ICE-Agenten zerren Frau aus ihrem Auto
Trump und Xi in China: Treffen beginnt mit Warnung wegen Taiwan