Kein «morgendliches Schweigen» So berichtete SRF wirklich zu Crans-Montana – trotzdem lässt man die Kritik über sich ergehen

Petar Marjanović

21.1.2026

Radio_SRF_Crans-Montana

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20.01.2026

Nach dem Brand von Crans-Montana in der Silvesternacht gerät SRF ins Kreuzfeuer der Kritik: Man habe zu spät über das Grossereignis berichtet. Doch ein Blick in die Chronologie zeigt, dass von Schweigen keine Rede sein kann.

Petar Marjanović

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • SRF berichtete am Morgen nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana im Radio, online und via Pushmeldungen.
  • Dennoch warfen mehrere Medien dem Medienunternehmen Versäumnisse vor, insbesondere wegen fehlender TV-Sondersendungen am Vormittag.
  • Einzelne Vorwürfe stellten sich später als falsch heraus, etwa Behauptungen zur angeblich schnelleren Konkurrenz.
  • SRF reagierte auf Kritik zurückhaltend und verzichtete auf rechtliche Gegenoffensiven.

Am 8. März stimmt die Schweiz über eine Volksinitiative ab, die die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Medienunternehmens hinter SRF und Co. kürzen will. Wenig überraschend gerät die Berichterstattung der SRF-Redaktion seither vermehrt ins Visier kritischer Beobachter.

Der Blog «Infosperber» des ehemaligen «Kassensturz»-Moderators Urs P. Gasche sprach von «morgendlichem Schweigen». Der Bankenblog «Inside Paradeplatz» titelte zugespitzt: «SRF scheitert bei Crans-Montana» – und behauptete unter anderem, SRF-Journalisten hätten sich erst um 9.12 Uhr an die Arbeit gesetzt. Auch andere Titel kritisierten die Arbeit des SRF am Katastrophentag – vom Morgen- bis zum Abendprogramm.

Konkurrenz war nicht deutlich schneller

Zudem stellte «Inside Paradeplatz» die Darstellung in den Raum, die Konkurrenz sei deutlich schneller gewesen: «20 Minuten» habe bereits um 1.48 Uhr – wenige Minuten nach Ausbruch des Feuers – in einem Liveticker berichtet. Diese Behauptung erwies sich später als falsch. «20 Minuten» hatte den Zeitstempel des Tickereintrags manipuliert. Die «Aargauer Zeitung», die die gefälschte Zeitangabe publik machte, sprach von einem «schweren journalistischen Fehler».

Laut einer «20 Minuten»-Sprecherin sei die Zeit des Tickereintrag auf den «ungefähren Ereigniszeitpunkt statt auf den Publikationszeitpunkt» zurückdatiert und mittlerweile korrigiert worden.

Doch wie hatte das SRF wirklich an dem Tag berichtet? 

blue News verlangte die entsprechenden Aufnahmen aus dem Archiv. Sie zeigen: Radio SRF berichtete um 7 Uhr erstmals über die Brandkatastrophe und stützte sich dabei auf Angaben des Westschweizer Pendants RTS. In der Meldung hiess es:

«In Crans-Montana im Kanton Wallis ist während einer Neujahrsfeier ein grosses Feuer ausgebrochen. Es habe mehrere Tote und Verletzte gegeben, sagt die Polizei zum Westschweizer Radio und Fernsehen RTS. Die genaue Anzahl der Toten und Verletzten ist unklar. Das Feuer sei in der Nacht in einer Bar ausgebrochen, nach einer oder mehreren Explosionen. Auch die Hintergründe sind noch unklar. Die Rettungskräfte sind mit einem Grossaufgebot in Crans-Montana im Einsatz, Helikopter und mehrere Krankenwagen sind vor Ort.»

Nach Angaben der SRF-Medienstelle werden die Nachrichten bei Radio SRF rund um die Uhr produziert und ausgestrahlt. Das gleiche Team verantwortet auch die Online-News und den Teletext.

SRF hat Nacht- und Pikettdienst

Das war nicht immer so: Beim Grossbrand von Schweizerhalle im Jahr 1986 gab es bei Radio DRS keinen Nachtdienst. Die Bevölkerung erfuhr damals zuerst über den privaten Radiosender Basilisk von der Katastrophe.

SRF zog aus jener Nacht Konsequenzen: Heute gibt es einen Nachtdienst, unterstützt durch Journalistinnen und Journalisten im Pikettdienst. Um 7.06 Uhr erschien denn auch der erste Artikel auf der SRF-Website. Um 7.11 Uhr verschickte SRF die erste Pushmeldung über die News-App. Ab 9.50 Uhr übertrug SRF die Medienkonferenz der Walliser Polizei online – teilweise auch im Fernsehen.

Zum Vergleich: Der «Blick» berichtete um 6.18 Uhr als erstes Deutschschweizer Onlineportal über die Brandkatastrophe. blue News publizierte die erste Meldung gegen 7.14 Uhr.

Im Verlauf des Vormittags wurde zunehmend klar, dass sich in Crans-Montana eine schwere Katastrophe ereignet hatte. SRF stellte die Nachrichten im Radioprogramm auf halbstündliche Updates um und brachte um 12.40 Uhr ein längeres Interview mit dem Rega-Einsatzleiter. Am Mittag lief die erste TV-Sondersendung «SRF News Spezial» auf SRF 1. Am Abend übertrug SRF die Pressekonferenz mit Bundespräsident Guy Parmelin und verlängerte die «Tagesschau».

Reaktion von SRF zurückhaltend

Mit anderen Worten: SRF berichtete am Morgen nach der Brandkatastrophe sehr wohl. Dennoch blieb die Kritik – auch, weil die SRF-Medienstelle auf Vorwürfe eher defensiv reagierte.

Als etwa der ehemalige Kassensturz-Moderator Urs P. Gasche für «Infosperber» nachfragte, weshalb SRF im Fernsehen am Vormittag des 1. Januar kein Wort über den Brand verbreitet habe, folgte kein klares Dementi. SRF antwortete:

«Wir orientieren uns am Mediennutzungsverhalten der Menschen und setzen unsere Ressourcen entsprechend ein. Bereits am Morgen informierten wir im Newsticker der SRF News App und online, wo auch die Medienkonferenz [auf Französisch] übertragen wurde. Im Radio hat SRF die Nachrichten von stündlich auf halbstündlich umgestellt. Wir haben die Bevölkerung auf den bevorzugten Kanälen erreicht.»

Auch nachdem «Inside Paradeplatz» falsche Behauptungen publiziert hatte – ohne vorgängig eine Stellungnahme bei SRF einzuholen –, blieb die Reaktion zurückhaltend. Medienrechtlich hätte SRF vergleichsweise einfache Möglichkeiten gehabt, eine Gegendarstellung zu verlangen, wenn zuvor keine Stellungnahme eingefordert wurde.

Warum SRF darauf verzichtete – ausgerechnet im Abstimmungskampf, in dem jede legitime Kritik an SRF als Argument für die Initiative dienen kann –, wollte die Mediensprecherin gegenüber blue News nicht kommentieren. Sie erklärte lediglich: «Grundsätzlich prüfen wir jede Situation individuell und entscheiden über mögliche Interventionen. Zu konkreten Entscheiden äussern wir uns nicht.»

Besonders vorsichtige Prüfung

Was das SRF zu seinen Gunsten auch nicht erklärt, die Redaktionsmitglieder aber wissen: Intern gilt der Grundsatz «Be first. But first be right». Laut publizistischen Leitlinien bedeutet das, dass SRF nicht schnell um jeden Preis sein will, sondern in Breaking-News-Situationen die Informationen besonders vorsichtig prüft. «Bei Breaking News und sich rasch entwickelnden und verändernden Nachrichtensituationen stellen wir besonders hohe Ansprüche an die Quellentransparenz.»

Bei der Berichtersattung zu Crans-Montana sei laut Medienstelle die Frage hinzugekommen, wie die SRF-Berichte den «richtigen Ton» treffen. Wie schwierig das war, zeigte sich beim Radiobericht des Westschweizer SRF-Pendants Radio RTS: Dort platzierte der Radiomoderator die Nachricht zur Brandkatastrophe unmittelbar nach seinem fröhlichen Guten-Morgen-im-neuen-Jahr-Wunsch.


Hinweis: Nach der Publikation des Artikels wurde ein Zitat der «20 Minuten»-Sprecherin hinzugefügt.