Gas-Reserve unter DruckSo gefährdet der Iran-Krieg die Energie-Versorgung der Schweiz
Stefan Michel
7.5.2026
Die Sperrung der Strasse von Hormus gefährdet unter anderem die Gas-Versorgung Europas und damit unter Umständen auch die Energie-Reserve der Schweiz
Keystone
Der Krieg im Iran treibt die Sorgen am Energiemarkt. Weil die Schweiz eng mit dem europäischen Stromnetz verbunden ist, könnten steigende Gaspreise und mögliche Engpässe auch hierzulande spürbar werden.
Stefan Michel
07.05.2026, 15:26
07.05.2026, 15:31
Stefan Michel
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) warnt vor neuen Risiken durch den Iran-Krieg und die Blockade der Strasse von Hormus.
Steigende Gaspreise und schlecht gefüllte europäische Gasspeicher könnten die Strompreise erhöhen und die Versorgung Europas belasten.
Besonders kritisch wäre laut Elcom eine Kombination aus langer Hormus-Sperre, kaltem Winter und schwacher Produktion erneuerbarer Energien.
Die Elcom fordert eine zügige Erneuerung des bis zu 80 Jahre alten Schweizer Stromleitungsnetzes.
Die Schweiz hat einen aussergewöhnlichen Strom-Winter hinter sich: Trotz des monatelangen Ausfalls des AKW Gösgen blieb die Versorgung im vergangenen Winter stabil. Dennoch warnt die Eidgenössische Elektrizitätskommission (Elcom) nun eindringlich vor neuen Risiken. Grund ist der Krieg im Iran und die Situation in der Strasse von Hormus.
Im schlimmsten Fall könnten diese Entwicklungen die Stromversorgung Europas ins Wanken bringen. Die Schweiz ist stark mit dieser vernetzt und zeitweise auf Importe angewiesen. Darum können die Folgen des Iran-Kriegs auch die Verfügbarkeit von elektrischer Energie in der Schweiz beeinträchtigen.
Der vergangene Winter zeigt, wieso Stromimporte auch für die Schweiz enorm wichtig sind: Normalerweise liefert das Kernkraftwerk Gösgen rund 13 Prozent des Schweizer Winterstroms. Weil die Anlage jedoch beinahe den gesamten Winter ausser Betrieb war, musste die Schweiz in einem aussergewöhnlich hohen Ausmass Strom aus dem Ausland einkaufen.
Winter-Importe bei 20 Prozent
Ein Fünftel des gesamten Winterstromverbrauchs importierte die Schweiz laut Berechnungen der Elcom, also mehr, als bei Vollbetrieb aus Gösgen ins Netz geflossen wäre.
Grund dafür ist, dass die Wasserkraftproduktion zwar im langjährigen Durchschnitt lag, jedoch deutlich schwächer ausfiel als in den beiden Vorjahren. Dadurch stieg der Importbedarf zusätzlich an.
Dank der grossen Atomstromproduktion Frankreichs lagen die Preise auf dem Strommarkt leicht unter jenen des Vorjahres. So führte der Ausfall Gösgens in der Schweiz zu keiner Nervosität in der Schweiz.
Das änderte sich Anfang März schlagartig. Der Iran-Krieg und die Schliessung der Strasse von Hormus liessen die Gaspreise steigen – und zogen auch die Strompreise in Europa nach oben.
Sorge vor Engpässen im Winter 2026/27
Für den kommenden Winter sieht die Elcom neue Unsicherheiten aufziehen. Im Zentrum steht die Frage, ob Europa genügend Gas zur Verfügung haben wird.
Denn Gaskraftwerke bleiben ein zentraler Pfeiler der europäischen Stromversorgung – vor allem in Zeiten hoher Nachfrage oder wenn Wind- und Solarstrom schwächeln. Gas-Kraftwerke dienen zudem dazu, Belastungsspitzen des Stromverbrauchs abzudecken. Generell ist Gas nach Öl der zweitwichtigste Energieträger der EU-Staaten, noch vor erneuerbaren Energien und Kernkraft.
Die derzeitige Blockade der Strasse von Hormus sorgt weltweit für Nervosität auf dem Markt für Flüssiggas. Gleichzeitig sind die europäischen Gasspeicher aktuell vergleichsweise schlecht gefüllt.
Besonders problematisch ist laut Elcom: Kurzfristige Gaslieferungen sind derzeit teurer als Lieferungen für den Winter. Das erschwert die Wiederbefüllung der Speicher zusätzlich. Die Folge: Es herrscht Unsicherheit über die künftigen Gaspreise, die Strompreisentwicklung – und letztlich auch über die Stabilität der Stromversorgung.
Das Horror-Szenario
Zwar betont die ElCom, dass die aktuellen Marktpreise derzeit nicht auf eine unmittelbare Stromknappheit hindeuten. Zudem sei Europa heute deutlich besser vorbereitet als während der Energiekrise 2021/2022, als der russische Einmarsch in der Ukraine die europäischen Energieversorger in Alarmstimmung versetzte und die Preise in die Höhe schossen.
Der angestrebte Verzicht auf russisches Öl und Gas sowie die Lehren aus den Verwerfungen im Winter vor vier Jahren haben einiges bewirkt: So stehen mittlerweile mehr Flüssiggas-Terminals zur Verfügung, was den Gasimport flexibler macht. Auch die französischen AKW laufen derzeit deutlich stabiler als noch vor wenigen Jahren.
Dennoch bleibt laut Elcom ein gefährliches Restrisiko.
Ein kritisches Szenario könnte eintreten, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig wirken: eine länger andauernde Sperrung der Strasse von Hormus, schlecht gefüllte Gasspeicher, anhaltend kalte Temperaturen und gleichzeitig eine schwache Produktion erneuerbarer Energien.
In diesem Fall könnte der Gasverbrauch – die Schweizer Not-Energie-Reserve – massiv steigen. Dies, während gleichzeitig weniger Gas für Gaskraftwerke zur Verfügung stünde.
Schweizer Stromnetz muss dringend erneuert werden
Neben den geopolitischen Risiken richtet die Elcom den Blick auch auf die Infrastruktur im Inland. Das Schweizer Übertragungsnetz altert sichtbar.
Rund 60 Prozent der etwa 12’000 Stromtragwerke sind heute zwischen 50 und 80 Jahre alt.
Die Behörde fordert deshalb eine deutliche Beschleunigung bei Unterhalt und Erneuerung des Stromnetzes. Konkret spricht sich die Elcom für zusätzliche Vereinfachungen im Rahmen des sogenannten «Netzexpress» aus.