Needle-Spiking

So gefährlich sind die Nadel-Attacken wirklich

von Stefan Michel

16.8.2022

Das Gedränge als Jagdrevier: An der Street Parade kam es zu mindestens acht Needle-Spiking-Attacken.
Das Gedränge als Jagdrevier: An der Street Parade kam es zu mindestens acht Needle-Spiking-Attacken.
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Needle-Spiking gilt nach den Attacken an der Street Parade als die neue Gefahr im Ausgang. Aber wie gefährlich sind die Nadelstiche wirklich? Fachpersonen geben Auskunft.

von Stefan Michel

16.8.2022

Die Nadel-Attacken machen Angst. Es scheint unmöglich, sich in einer Menschenmenge davor zu schützen, eine Nadel in ein Körperteil gestossen zu bekommen. Psychotherapeut Felix Hof geht davon aus, dass genau diese Verunsicherung ein wesentliches Ziel der Täter ist. 

Doch wie gefährlich ist es, gepikst zu werden? Reicht der kurze Einstich, um einen Wirkstoff zu injizieren oder eine ansteckende Krankheit zu übertragen? Welche anderen Gefahren drohen? Oder wiegen am Ende die psychischen Folgen am schwersten? Fachleute geben Auskunft. 

Reicht ein kurzer Stich, um eine Infektionskrankheit zu übertragen?

Das ist zumindest nicht ausgeschlossen. «Verunreinigungen können über kleinere Verletzungen bakterielle Infektionen der Haut und von Weichteilen bewirken und damit auch andere Erkrankungen oder Komplikationen hervorrufen», erklärt Robert Frey, diplomierter Rettungssanitäter und Geschäftsführer des Ärztefons. 

Hausarzt Ragnar Guggenbühl schränkt ein: «Zwar wäre es theoretisch möglich, beispielsweise Hepatitis auf diese Weise zu übertragen. Aber wie kommt ein Angreifer zum Erreger?»

Zu beachten ist, dass Infektionen auch erst nach Tagen oder Wochen auftreten können.

Können Drogen in einer Stichattacke so verabreicht werden, dass sie wirken?

«Grundsätzlich kann alles über die Haut aufgenommen werden, so auch Drogen, wenn auch in kleineren Mengen, was die Aufnahme verlangsamt. Es hängt ganz von den verwendeten Substanzen ab, sowie ob Hilfspräparate mitinjiziert werden», erklärt Robert Frey, diplomierter Rettungssanitäter und Geschäftsführer des Ärztefon. 

Christoph Anders vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Zürich sagte SRF 10 vor 10: «Die Kontaktzeit ist extrem gering und die Wahrscheinlichkeit im Rahmen dieses ganz kurzen Kontaktes eine Menge zu injizieren, ist extrem unwahrscheinlich.» Ähnlich äussert sich der Hausarzt Ragnar Guggenbühl: «Auf diese Weise eine Menge an Drogen zu injizieren, dass sie spürbar werden, scheint mir fast nicht möglich.»

Ein Opfer berichtet SRF 10 vor 10 von starker Bewusstseinsveränderung bis zum völligen Orientierungsverlust.

Welche sonstigen Verletzungen sind durch heftiges Einstechen einer Nadel möglich?

Das ist so gut wie unmöglich. Hausarzt Guggenbühl erklärt: «Wenn man nicht gerade in ein Auge sticht, sind mit einer kleinen Nadel keine nennenswerten Verletzungen möglich. Mit einer grossen Injektionsnadel vielleicht, aber diese scheinen ja nicht zum Einsatz gekommen zu sein.»

Was soll man tun, wenn man gestochen wurde oder befürchtet, gestochen worden zu sein?

Bei Verdachtsfällen und Symptomen, insbesondere Bewusstseinsveränderung, Atembeschwerden oder Veränderungen der Seh-Wahrnehmung, ist sofort ein ärztlicher Notfalldienst aufzusuchen, empfehlen das Ärztefon und die Stadtpolizei Zürich.

Drohen bei Opfern bleibende Ängste, beispielsweise vor Menschenmengen?

Psychotherapeut Felix Hof erklärt: «Das kann sein, Ängste können sich aber auch bald legen, sodass wieder Zuversicht besteht. Anders sieht es bei einer Vorbelastung aus, also wenn jemand bereits unter Ängsten leidet. Dann kann ein solcher Angriff eine längere Geschichte werden.»

Was bedeutet die Gefahr des Needle-Spiking für Menschen, die ohnehin schon Angst vor Spritzen haben?

«Diese Ängste werden wohl zunehmen. Menschen, die darunter leiden, werden sich noch besser schützen müssen, beispielsweise, indem sie sich im Ausgang von einer Vertrauensperson begleiten lassen», sagt Psychotherapeut Hof.

Wie können sich Partybesucher*innen vor Nadel-Attacken schützen?

Die Tipps der Stadtpolizei Zürich zeigen, dass es wenig Möglichkeiten gibt, eine Attacke zu verhindern, so klein das Risiko für eine Einzelperson sein mag. Die Ratschläge: Gehen Sie nicht alleine nach Hause, sondern mit einer Vertrauensperson. Melden Sie verdächtige Personen dem Klubpersonal oder dem Veranstalter. Meiden Sie, wenn möglich, engen Kontakt zu Ihnen unbekannten Personen. Achten Sie auf andere, sprechen Sie wehrlos oder benommen wirkende Personen an und informieren Sie, falls nötig, das Klubpersonal, den Rettungsdienst (144) oder die Polizei.

Wenn ein Täter oder eine Täterin gefasst würde, was würden Sie, Felix Hof, von der Person wissen wollen?

«Zuerst würde ich mich für die psychische Gesundheit dieser Person interessieren und für ihren psychosozialen Hintergrund. Und dann würde ich mit der Person auf Motivsuche gehen. Ich bin gespannt, ob die zwei Festnahmen in Frankreich neue Erkenntnisse ermöglichen.»