«Ich dachte, ich sterbe» – wie Schwarze Menschen in der Schweiz leiden

Jennifer Furer

2.6.2020 - 18:06

Der Tod von George Floyd hat Amerika in Aufruhr versetzt. Auch in der Schweiz leiden Schwarze Menschen unter Rassismus. Das fängt bei Sprüchen an – und geht bis hin zu Polizeigewalt.

«I can’t breathe» – «Ich kann nicht atmen» – das waren die letzten Worte von George Floyd.

Der 46-jährige Afroamerikaner starb, nachdem der Polizeibeamte von Minneapolis, Derek Chauvin, mindestens sieben Minuten lang auf Floyds Hals kniete – dieser war gefesselt und lag während des Vorgangs mit dem Gesicht nach unten auf der Strasse.

Floyd ist schnell zum Symbol für das Leid der Schwarzen Menschen geworden, die unter Rassismus und Polizeigewalt leiden, zum Symbol für jene, die um Hilfe schreien, aber nicht gehört werden. In den USA ist es als Reaktion auf den Tod Floyds zu Ausschreitungen und Unruhen gekommen. Die Polizeigewalt wird angeprangert, überhaupt Rassismus.

Auch in der Schweiz werden Schwarze Menschen immer wieder zur Zielscheibe davon – institutionell oder strukturell bedingt. In Zürich demonstrierten am Montagabend rund 1000 Menschen. Ihr Motto: «Black Lives Matter».

Wilson A.* ist traurig, dass er die Demonstration verpasst hat. «Ich habe erst zu spät davon erfahren», sagt er zu «Bluewin». Der aus Nigeria stammende Familienvater hat drei Polizisten angezeigt. Der Grund: jener Einsatz am 28. Oktober 2009. Wilson A. war mit einem Kollegen auf dem Nachhauseweg gewesen, als beide im Tram von zwei Polizisten kontrolliert worden waren, einer hatte geglaubt, Wilson sei ein zur Fahndung ausgeschriebener Nordafrikaner.

Wilson A. sagt, er sei zusammengeschlagen und gewürgt worden, er habe die Polizisten darauf hingewiesen, an einem Herzfehler zu leiden. Wilson A. musste nach dem Einsatz notfallmässig ins Spital.



Die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen die Polizisten, stellte das Verfahren aber mehrmals ein. Dennoch musste sie Anklage erheben, entschied das Bundesgericht, nachdem der Verteidiger von Wilson A. interveniert hatte.

Neun Jahre nach dem Vorfall sprach das Bezirksgericht Zürich alle drei Polizisten frei. Der Fall habe nichts mit Racial Profiling zu tun, so der Richter. Wilson A. sei nicht kontrolliert worden, weil er schwarz sei. Noch ist der Fall nicht abgeschlossen. Wilson A. und sein Verteidiger haben das Urteil  weitergezogen.

«Du Affe, geh zurück nach Afrika»

Der Vorfall lässt Wilson A. immer noch nicht los. Nicht nur, weil das juristische Verfahren noch hängig ist. Die Aufnahmen des sterbenden George Floyd wühlen Wilson A. auf. «Es geht mir momentan nicht gut», sagt er.

Wenn er sich die Bilder anschaue, denke er daran, dass er sich einmal in der gleichen Situation befunden habe. «Ich kriege keine Luft – genau diese Worte habe ich den Polizisten auch gesagt», so Wilson A. «Ich habe geglaubt, jetzt ist alles vorbei, ich sterbe.»

Es sei eine Illusion zu glauben, dass es in der Schweiz keinen Rassismus gebe. «Er ist überall. Schwarze Menschen erleben ihn jeden Tag – durch die Polizei, die Zivilgesellschaft oder auf dem Arbeitsmarkt», sagt Wilson. 

So sieht es auch der Berner Influencer Rash Sakem, er hat afrikanische Wurzeln. «Vor zwei Tagen wollte ich zusammen mit zwei dunkelhäutigen Kollegen in eine Shisha-Bar», berichtet Rash. Doch er sei abgewiesen worden. «Der Türsteher sagte uns, wir dürfen nicht rein, weil wir nur Männer sind. Ein paar Minuten später gewährte er drei weissen Männern Einlass.»



Auch im Internet müsse er, Rash, sich immer wieder rassistische Äusserungen anhören. «Du Affe», «geh zurück nach Afrika». Oder: «Lern Deutsch.» Rash sagt, dass das Thema Rassismus in der afrikanischen Community omnipräsent sei. Nur wenige wagten es, an die Öffentlichkeit zu gehen. «Und wenn wir es machen, ist das Thema in zwei Monaten wieder vergessen.» Es brauche ein Umdenken in der Gesellschaft, fordert Rash. «Die Leute sollen uns als gleichwertige Menschen ansehen.»

Dass dies in der Schweiz nicht Realität ist, zeigt eine aktuelle Studie der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) und des Vereins Humanrights.ch. 352 Fälle von Diskriminierung meldeten die 22 Beratungsstellen 2019 – so viele wie nie. Am häufigsten betroffen waren wie schon in den Jahren zuvor Schwarze Menschen. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher.

Schwarze Menschen suchen Hilfe

Gina Vega, die Leiterin der Fachstelle Diskriminierung und Rassismus sowie Projektleiterin des Beratungsnetz für Rassismusopfer bei humanrights.ch, sagt, dass Schwarze Menschen sich aufgrund von Alltagsrassismus an die Beratungsstellen wendeten. Immer wieder suchten Schwarze Menschen auch Hilfe, weil sie Opfer von Racial Profiling geworden seien. «Polizeiliche Kontrollen geschehen häufig nur wegen der Hautfarbe», so Vega. Betroffene berichteten, dass die Polizei teilweise aggressiv auftrete, die Situation nicht erkläre, sich diskriminierend äussere. «Und es kommt eben auch vor, dass Gewalt angewendet wird.»



Auch die psychische Gewalt sei nicht zu unterschätzen, so Vega. «Betroffene haben Angst vor der Polizei, meiden nach wiederholten Kontrollen öffentliche Plätze, haben kaum mehr Vertrauen in öffentliche Institutionen.»

Regelmässig erlebt auch Rahel El-Maawi Rassismus. Sie ist Soziokulturelle Animatorin und Mitbegründerin des Netzwerkes Bla*Sh, ein Netzwerk von Schwarzen Frauen in der Deutschschweiz. «Rassismus betrifft ganze Familien, und er kommt meist unmittelbar und in allen möglichen Situationen vor – in der Ausbildung, beim Arbeitsplatz, beim Wohnen und im öffentlichen Raum.»

El-Maawi sagt: «Wir müssen aktiv daran arbeiten, dass wir verlernen, Unterscheidungen zwischen weissen und anderen Menschen zu machen», Rassismus müsse sichtbar gemacht, die Leute sensibilisiert werden.

Nebst der aktiven Auseinandersetzung mit dem Thema Rassismus bedarf es laut El-Maawi auch der Zivilcourage. «Bei einer Polizeikontrolle beispielsweise helfe es, wenn Personen stehen bleiben und der kontrollierten Person irgendwie zeigen, dass man für sie da ist.» Nach der Kontrolle sei es wichtig, (...) sich als Zeugin anzubieten, sollte eine Anzeige gegen die Polizei gemacht werden wollen.

Einsatz filmen?

Auch das Aufnehmen eines Einsatzes mit dem Handy sei denkbar, sagt El-Maawi. Die Organisation «Police the Police» rät zu diesem Vorgehen. «Wer schon einmal die Polizei bei ihrer Arbeit gefilmt hat, weiss: Sofort verhalten sich die Polizistinnen und Polizisten anders!», heisst es auf der Website. Vorbeugen könnten auch unabhängige Polizeibeschwerdestellen, «da in der momentanen Situation gewalttätige Polizistinnen und Polizisten keine Konsequenzen zu befürchten haben», schreibt die Organisation in einer E-Mail an «Bluewin». 

Gina Vega sagt, dass Rassismus oft bagatellisiert werde – «Das war nicht so gemeint» oder «Du bist zu sensibel». «Diese Verharmlosung trägt dazu bei, dass es keine Auseinandersetzung damit gibt, was Rassismus eigentlich ist und wie ausgeprägt dieser ist.»

Das Thema müsse eine Enttabuisierung erfahren, so Vega weiter. Es beginne beim subtilen Rassismus, bei dem Schwarzen Menschen – nicht unbedingt böswillig – auf individueller Ebene vermittelt wird, dass sie nicht Teil der Schweiz sind. Damit gemeint sind etwa rassistische Witze oder auch die Frage: «Wo kommst du her?» Auch eine Bemerkung wie «Du sprichst aber gut Deutsch» zieme sich nicht.

Vega sagt auch: «Jegliche rassistischen Äusserungen und Handlungen gehören bestraft. Auch die juristischen Hürden und die hohen Kosten bei einem Verfahren wegen Rassismus müssten abgeschafft werden.»



Selina Tribbia, Leiterin der Fachstelle Migration bei der Gewerkschaft Syna, sieht wiederum die Wirtschaft in der Pflicht. Es brauche strukturelle Massnahmen, um Schwarze Menschen besser in den Arbeitsmarkt zu integrieren. «Wir plädieren beispielsweise für ein standardisiertes Bewerbungsformular, bei dem weder Name noch Alter und Geschlecht genannt werden und kein Foto beigelegt werden muss.»

Vorurteile über Schwarze Menschen wie «die sind faul» oder «die beziehen alle Sozialhilfe» basierten meist auf der Tatsache, dass diese aufgrund ihrer Hautfarbe keinen Job fänden. «Es ist ein wechselseitiger Prozess. Rassismus auf struktureller Ebene manifestiert sich in der individuellen Wahrnehmung und umgekehrt», so Tribbia.


Racial Profiling in der Schweiz


Alma Wiecken, Geschäftsführerin der Eidgenössische Kommission gegen Rassismus EKR, sagt, dass die Problematik des Racial Profiling auch in der Schweiz ein aktuelles Thema ist. 

Die EKR sei in der Vergangenheit schon wiederholt mit der Konferenz der kantonalen Polizeidirektoren in Kontakt getreten, um sich zu diskriminierenden Polizeikontrollen und weiteren Fragen auszutauschen. 

Vereinzelt haben Polizeikorps in den letzten Jahren auf Racial-Profiling-Vorwürfe reagiert. Die Stadtpolizei Zürich etwa hat neue Kriterien für Personenkontrollen festgelegt. Polizisten müssten dem Kontrollierten die Gründe für die Überprüfung angeben. Das Thema werde in der Polizeiausbildung vertieft angeschaut.

Auch die Basler Polizei wird das Thema vermehrt in der Grundausbildung und in Workshops thematisiert. Tarek Naguib von der Allianz gegen Racial Profiling sagt zum «SRF»: «Es ist naiv zu glauben, dass das Problem mit einem Workshop gelöst werden kann.» Er plädiert auf ein Quittungssystem. «Wenn ein Polizist eine Quittung ausstellt, muss er eine Kontrolle begründen. Da entstehen wichtige Reflexionsprozesse.»



Unruhen nach dem Tod von George Floyd:

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