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Zermatter Bergführer warnen vor der Besteigung des Matterhorns – weil zu viel Schnee und Eis weggeschmolzen ist.
KEYSTONE
Die Warnung der Zermatter Bergführer vor einer Besteigung des Matterhorns ist kein Einzelfall. Der Klimawandel verändert die Bedingungen im Hochgebirge rasant und macht viele Touren schwieriger. Was das für Berggängerinnen und Berggänger bedeutet, erklärt die Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands.
Zermatter Bergführer*innen raten von einer Besteigung des Matterhorns ab, wie die NZZ am Sonntag berichtete. Aufgrund der heissen Temperaturen der letzten Wochen ist der Gipfel praktisch schneefrei. Ohne Schnee und Eis bröckelt der Berg, es droht Steinschlag.
Kurz nach Bekanntwerden der Gefahr starben zwei Bergsteiger am Matterhorn. Ob dieses Unglück mit den aktuellen Bedingungen am Berg zusammenhängt, kann Rita Christen nicht beurteilen. Sie ist Präsidentin des Schweizer Bergführerverbands (SBV). Grundsätzlich macht die langanhaltende Hitze den Bergsport aber anspruchsvoller und risikoreicher – nicht nur am Matterhorn.
Ein Problem sei die weit fortgeschrittene Ausaperung nach dem schneearmen Winter, also das Abschmelzen der Schneedecke, wodurch der darunterliegende Fels oder das Eis zum Vorschein kommen. «Im Felsgelände ergibt sich dadurch eine erhöhte Steinschlaggefahr und auf steilen Gletscherpassagen wird es technisch anspruchsvoller. Es ist massiv schwieriger, auf Steigeisen im Blankeis zu gehen als in gutem Trittschnee», sagt Rita Christen auf Anfrage von blue News. Diese Problematik werde durch die schon lange konstant hohe Nullgradgrenze zusätzlich verschärft.
Die Verhältnisse im vergletscherten Hochgebirge seien in der ganzen Schweiz schon jetzt recht schwierig. «Noch am besten ist es im Berner Oberland, weil es dort letzten Winter mehr Schnee gegeben hat», so Rita Christen. Es sei zu befürchten, dass sich dieser Sommer wie die Hitzesommer 2003 und 2018 entwickelt. Damals hätten viele Hochtouren nicht mehr mit vertretbarem Risiko begangen werden können, es habe enormen Gletschermassen-Verlust gegeben und eine Destabilisierung der Felswände durch auftauenden Permafrost.
Gesperrt werden Hochtouren und Kletterrouten deshalb aber wohl nicht. «In der Schweiz liegt die Verantwortung bei den Bergführern und Bergsteigern, und das finde ich gut so», sagt Rita Christen. «Sie sind Experten für die Gefahren beim Bergsteigen. Und es macht einen Teil der Schönheit des Bergsteigens aus, dass man selbst gefordert ist, die Risiken abzuwägen und vernünftige Entscheidungen zu treffen.» Die Präsidentin des SBV betont, wie wichtige es ist, dass Laien nicht selbstständig Bergtouren unternehmen, sondern sich von einer Bergführerin oder einem Bergführer leiten oder ausbilden lassen.
Bergführer*innen seien es gewohnt, Risiken sorgfältig abzuwägen und die Aktivitäten den aktuellen Verhältnissen anzupassen. «Auf Hochtouren weichen wir auf andere Routen und Gipfel aus wo die Verhältnisse noch passen.» Möglich sei auch, bei ganz schlechten Verhältnissen für die Gäste alternative Aktivitäten zum Bergsteigen oder zu Hochtouren anzubieten, wie Felsklettern, Alpinwandern oder Canyoning.
Wichtig sei der Austausch von Informationen über kritische Verhältnisse und Passagen zwischen den Bergsteiger*innen. Eine zentrale Rolle würden dabei die lokalen Bergsportschulen und die Sektionen des Bergführerverbands übernehmen, indem sie sich – wie aktuell fürs Matterhorn – für einen Verzicht auf gewisse Touren entscheiden und damit auch eine entsprechende Empfehlung aussprechen.
«Wir Bergführerinnen und Bergführer sind schon lange konfrontiert damit, dass sich unser Arbeitsumfeld mit dem Rückgang der Gletscher und den weiteren Klimawandelfolgen massiv verändert und dass wir uns stets von neuem anpassen müssen», sagt Christen. «Der SBV hat bereits reagiert, indem er die Bergführerausbildung angepasst und Weiterbildungsmodule zum Umgang mit den klimawandelbedingten Risiken entwickelt hat.»
In Zukunft werde sich wohl das Zeitfenster verschieben, in dem man Touren im vergletscherten Gebirge machen könne. Lange galt die Zeit zwischen Anfang Juli und Mitte September als ideal. In Zukunft werde sich das in frühere Monate verlagern, wenn noch Schnee liegt.
Hinzu komme der Rückgang der Gletscher und das Abschmelzen der Eisflanken. Manche Routen seien nicht mehr passierbar. «Viele Wände, die früher schöne Eistouren waren, sind heute unbegehbare Geröllflanken», sagt Rita Christen. «Zum Glück gibt es aber auch viele Routen, die von den Klimawandelfolgen kaum beeinflusst werden. Und dort, wo die Gletscher waren, können zum Teil sogar attraktive neue Felsrouten entstehen.»