Das ist der GrundStadt Zürich leistet sich «unnötigsten Wahlgang ever»
Petar Marjanović
14.4.2026
Am 10. Mai wählt die Stadt Zürich ihren neuen Stapi. Heute ist bereits klar, dass die Wahl SP-Mann Raphael Golta schaffen wird.
Keystone
Zürich wählt einen Stadtpräsidenten – obwohl das Ergebnis eigentlich schon feststeht. SP-Mann Raphael Golta ist der einzige Kandidat, doch zur Urne muss die Bevölkerung trotzdem.
Raphael Golta (SP) ist der einzige Kandidat im zweiten Wahlgang um das Zürcher Stadtpräsidium, weil FDP und andere Parteien auf eine erneute Kandidatur verzichten.
Trotzdem muss die Bevölkerung zur Urne, weil die Gemeindeordnung stille Wahlen verbietet.
Theoretisch könnten Stimmbürger aber einen anderen gewählten Stadtrat auf den Wahlzettel schreiben – wie 1990, als ein nicht kandidierender FDP-Mann dem SP-Kandidaten beinahe gefährlich wurde.
Klar war damals nur: Auch bei der Stapiwahl dürften die Sozialdemokraten gute Chancen haben. Ihr Kandidat Raphael Golta holte fast doppelt so viele Stimmen wie der FDP-Kandidat Përparim Avdili, der auf dem zweiten Platz landete. Chancenlos blieben auch GLP-Kandidatin Serap Kahriman und SVP-Kandidat Ueli Bamert. Alle vier hatten eines gemeinsam: Sie erhielten zu wenige Stimmen, um die Wahl bereits im ersten Wahlgang zu gewinnen.
Was ist seither geschehen?
Die SVP durfte gar nicht erst im zweiten Wahlgang kandidieren, weil sie niemanden in der Stadtregierung hat. Einige Tage nach dem 8. März entschied dann auch die FDP: Bei der Stapi-Wahl treten wir nicht mehr an. Ein «Njet» gab es auch von den anderen gewählten Stadträt*innen. Denn um als Stapi gewählt werden zu können, muss man die Wahl in den Stadtrat geschafft haben.
Übrig blieb damit nur einer: Der SP-Mann Raphael Golta.
Irrsinnigerweise verlangt das Stadtzürcher Wahlrecht, dass die Bevölkerung auch bei einer einzigen Kandidatur im zweiten Wahlgang zur Urne bestellt wird – auch wenn auf dem Kandidatenblatt ein einziger Name steht:
Golta Raphael, SP, 1975, lic. phil., Stadtrat
Das sorgt für Stirnrunzeln in Zürich. Der «Tages-Anzeiger» stellte in einem Artikel nüchtern fest, dass seine Wahl «Formsache» sein werde. Die andere Zürcher Tageszeitung NZZ titelte: «Es kommt zu einem Wahlgang, der wohl gar keiner ist».
Der Grund ist einfach: Die Gemeindeordnung der Stadt Zürich, also quasi die städtische Verfassung, verlangt in jedem Fall eine Urnenwahl: Das Volk muss seinen Stadtpräsidenten wählen können.
Eine «stille Wahl» ist verboten. So wird eine Wahl bezeichnet, bei der es gleich viele Kandidierende wie Sitze gibt und die Wahl damit auch ohne Urnengang entschieden wird.
Thomas Benkö, der frühere «Blick am Abend»-Chefredaktor, schrieb in einem LinkedIn-Beitrag dazu: «Die Stadt Zürich leistet sich den unnötigsten zweiten Wahlgang ever.» Benkö, der selbst in einer Ortschaft innerhalb der Gemeinde Zürich wohnt, betonte, den SP-Kandidaten dafür nicht kritisieren zu wollen: «Er kann nichts fürs Prozedere. Aber Wahlen mit nur 1 einzigen Kandidaten hinterlassen bei mir immer einen etwas fahlen Nachgeschmack.»
So überzeugend Benkös Beitrag sein mag: Der umgekehrte Fall sorgte auch schon mal für Kritik. Anfang Jahr geschah im Kanton Nidwalden Historisches, als bei der Regierungsratswahl sieben Kandidat*innen für sieben Sitze gezählt wurden.
Weil das Nidwaldner Wahlrecht stille Wahlen erlaubt, wurden diese sieben Politiker*innen prompt zur Kantonsregierung gewählt, ohne dass auch nur ein einziger Stimmbürger aufstehen und zur Urne gehen musste. Zuletzt sei dies im Jahr 2006 im Kanton Obwalden passiert.
Politologe Marc Bühlmann, der als Direktor von Année politique suisse zu den besten Kennern der Schweizer Demokratie zählt, sagte gegenüber SRF: «Auf kantonaler Ebene kommt so was praktisch nie vor.» Wenn es hart auf hart komme, könne die Bevölkerung bei bestimmten Geschäften das Veto einlegen.
Auch die «Nidwaldner Zeitung» (CH Media) kritisierte, dass die Regierung «im Schlafwagen» gewählt worden sei. Das sei «unter Umständen problematisch».
In der Stadt Zürich ist das anders: Zwar ist Golta der einzige offizielle Kandidat. Wählbar sind aber auch alle anderen gewählten Stadtratsmitglieder.
Im Jahr 1990 kam es bei einer ähnlichen Situation zur Überraschung. Der FDP-Mann Thomas Wagner verzichtete auf eine Kandidatur im zweiten Wahlgang – und wurde dennoch dem einzigen offiziellen Kandidaten der SP, Josef Estermann, gefährlich: Der Freisinnige erhielt nur gut 3000 Stimmen weniger als der Sozialdemokrat. So erinnerte jüngst der «Tages-Anzeiger».
Fraglich ist, ob sich das dieses Jahr wiederholen könnte, weil der eine Stimmbürger oder die andere Stimmbürgerin aus Trotz oder Überzeugung einen bürgerlichen Namen aufschreibt: FDP-Stadtrat Michael Baumer schaffte die Stadtratswahl auf dem schwachen achten Platz. GLP-Stadtrat Andreas Hauri landete gar auf dem neunten Platz.
Die übrigen sechs wählbaren Stadtratsmitglieder haben alle ein SP- oder Grünes-Parteibuch und dürften damit kaum einen offiziellen Kandidaten aus dem eigenen Lager bekämpfen.
Korrekturhinweis: Bei der Aufzählung der Kandidierenden ging Serap Kahriman von der GLP vergessen. Der Absatz wurde um ihren Namen ergänz.
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