So hitzig verlief die Debatte Keine Munition zurück in Schweizer Haushalte

Dominik Müller

3.12.2025

Eine Packung Taschenmunition in einem Kellerabteil. Der Ständerat hat es abgelehnt, Armeeangehörigen diese Packung Munition wieder abzugeben.
Eine Packung Taschenmunition in einem Kellerabteil. Der Ständerat hat es abgelehnt, Armeeangehörigen diese Packung Munition wieder abzugeben.
Archivbild: Keystone

Armeeangehörigen soll weiterhin keine Munition für ihre persönliche Waffe abgegeben werden können. Der Ständerat hat die Forderung aus der SVP abgelehnt, die Abgabe von Taschenmunition vorzubereiten.

Dominik Müller

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Der Ständerat hat eine SVP-Motion abgelehnt, die vorsah, Armeeangehörigen wieder Taschenmunition für ihre persönliche Waffe abzugeben.
  • Gegner verwiesen auf gesunkene Suizid- und Tötungsraten seit dem Verzicht auf Heimabgabe und betonten das Risiko durch verfügbare Schusswaffen.
  • Der Bundesrat sowie die Ratsmehrheit sehen keine sicherheitspolitische Notwendigkeit für eine Heimabgabe, da Munition im Ernstfall zentral verteilt werde.

Die Ausgangslage

Das Ausland wundert sich immer wieder: Wie kann es sein, dass die Schweiz über eine so tiefe Kriminalitätsrate verfügt, obwohl jeder Armeeangehörige ein Sturmgewehr zu Hause hat? 2018 widmete die beliebte US-Show «The Daily Show» dem Thema sogar eine ganze Sendung.

Laut der letzten Schätzung der Genfer NGO Small Arms Survey befanden sich 2022 rund 2,3 Millionen Schusswaffen im Besitz der Bevölkerung – bei einer Einwohnerzahl von gut 8,9 Millionen. Das bedeutet: Auf fast jeden dritten Einwohner kommt eine Waffe.

Die Schweiz, ein neutrales Land, das als friedlich gilt, ist damit eines der am stärksten bewaffneten Länder der Welt. Nur Österreich, Norwegen oder Finnland haben vergleichbare Werte.

Schweizer Soldaten bewahren ihre Ordonnanzwaffen zu Hause auf und können sie nach der Armeezeit gegen eine geringe Gebühr zurückkaufen. Seit dem 1. Januar 2010 können sie ihre Dienstwaffe auch kostenlos bei einer Retablierungsstelle hinterlegen.

Lange Zeit bewahrten Armeeangehörige zudem einen Teil ihrer Munition im Schrank auf – die sogenannte Taschenmunition, eine Blechbüchse mit 50 Patronen für daheim. Im September 2007 hat das Parlament den Einzug der Taschenmunition verfügt. Das Hauptargument damals: Immer wieder Suizide und Tötungsdelikte mit Armeewaffen.

Was wird nun gefordert?

Die bürgerliche Mehrheit in der Sicherheitspolitischen Kommission des Ständerats (SiK-S) will Schweizer Soldaten wieder Munition mit nach Hause geben. Der Bundesrat soll alles vorbereiten, um die Taschenmunition wieder einführen zu können.

Das sagen die Befürworter

In den Augen der bürgerlichen Mehrheit ist die Wiedereinführung der Taschenmunition eine notwendige Reaktion auf den Ukraine-Krieg: «Die Sicherheitslage in Europa hat sich grundlegend verändert», argumentiert der Berner SVP-Ständerat Werner Salzmann am Mittwoch in der Kleinen Kammer.

Nach Auffassung der Kommissionsmehrheit würde die Heimabgabe der Munition die Sicherheit der Armeeangehörigen bei einer Mobilmachung erhöhen und die Verteidigungsfähigkeit der Armee insgesamt stärken.

Im Falle einer allgemeinen oder teilweisen Mobilisierung müssten sich die Wehrpflichtigen an die Munitionsabgabestandorte begeben und schon auf dem Weg dahin die eigene und die Sicherheit ihrer Kamerad*innen gewährleisten: «Dazu benötigen sie neben der persönlichen Waffe auch sehr rasch Munition», so Salzmann.

Der Berner SVP-Ständerat Werner Salzmann hat die Munition zur Wiedereinführung der Taschenmunition eingereicht.
Der Berner SVP-Ständerat Werner Salzmann hat die Munition zur Wiedereinführung der Taschenmunition eingereicht.
Keystone

Zudem wäre die Abgabe der Taschenmunition laut Salzmann auch ein ultimativer Vertrauensbeweis an die Armeeangehörigen, «die im Ernstfall ihr Leben für unser Land riskieren würden». Auch würde damit klar gezeigt, dass die Schweiz über einen starken Wehrwillen verfügt.

Die Kommissionsmehrheit sei zudem überzeugt, dass die Abgabe der Taschenmunition nicht zu mehr Tötungsdelikten oder Suiziden mit der Ordonnanzwaffe führen würde. Die Armee investiere beträchtliche Mittel, unter anderem in eine gründliche psychologische Untersuchung bei der Rekrutierung. «So wird festgestellt, ob Gründe vorliegen, die gegen die Abgabe einer persönlichen Waffe sprechen», so Salzmann.

Das sagen die Gegner

Fünf von 12 Kommissionsmitgliedern sind gegen die Abgabe der Taschenmunition. In der Diskussion im Ständerat wird rasch klar, dass diese Meinung in der Kleinen Kammer breit abgestützt ist: Gleich sechs Redner*innen werben für eine Ablehnung der Motion.

Der Zürcher Daniel Jositsch (SP) betont: «Eine einsatzfähige Schusswaffe im Keller ist eine Gefährdung.» Zudem erhöhe die Verfügbarkeit von Waffen und Munition das Risiko, dass diese im Affekt eingesetzt werden: «Die Gefahr der Schusswaffe liegt bei sogenannten Reflextaten, beispielsweise in einer Beziehungskrise kombiniert mit Alkohol.»

Gleiches gelte auch bei Suiziden: «Um zu verhindern, dass Menschen sich in verzweifelten Situationen etwas antun, sollten sie keine einsatzfähigen Schusswaffen bei sich zu Hause haben», argumentiert Jositsch.

Spricht sich entschieden gegen die Taschenmunition aus: Der Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch.
Spricht sich entschieden gegen die Taschenmunition aus: Der Zürcher SP-Ständerat Daniel Jositsch.
Keystone

Auch die Wirksamkeit der Taschenmunition wird hinterfragt: «Können wir mit der Taschenmunition wirklich Cyberattacken abwehren, Desinformation begegnen oder Sabotage verhindern?», fragt der Glarner Mathias Zopfi (Die Grünen) rhetorisch.

Bei einer Mobilmachung würde Munition am Mobilmachungsort verteilt, schnell und sicher, fügt Andrea Gmür-Schönenberger (Mitte/Luzern) hinzu. Und: Käme es nach der Heimabgabe der Munition zu einem Tötungsdelikt mit einer Armeewaffe, würde das der Armee schaden.

Die Bernerin Flavia Wasserfallen (SP) verweist auf Studien, die einen Zusammenhang zwischen Schusswaffentoten, dem Sturmgewehr zu Hause und der Taschenmunition darlegen. Und die Suizide mit Armeewaffen gingen zurück, seit die Taschenmunition nicht mehr an die Soldaten abgegeben werde.

«Mit der erneuten Abgabe der Taschenmunition nehmen wir in Kauf, dass wir mehr Leid und Trauer verursachen. Wir machen zudem sehr viel kaputt in der Suizidprävention», so Wasserfallen.

Das sagt der Bundesrat

Der Bundesrat anerkennt die veränderte geopolitische Situation, stuft einen gross angelegten Angriff durch eine feindliche Armee gemäss dem jährlichen Bericht zur Bedrohungslage aber als eher unwahrscheinlich ein.

«Die Heimabgabe lässt sich aus militärischer Sicht nicht rechtfertigen», führt Verteidigungsminister Martin Pfister im Ständerat aus. Es gebe keine vorstellbare Situation, in der sich ein Soldat auf dem Weg zu seinem Verband den Weg freischiesst oder die Waffe einsetzt, ohne dass er entsprechende Aufträge hat.

Hingegen sei es aus Sicht des Bundesrats wichtig, genügend Munition für den Ernstfall zu lagern.

Warum wurde die Abgabe der Taschenmunition damals abgeschafft?

Dem Entscheid zur Abschaffung der Taschenmunition ging damals eine emotionale Diskussion voraus. Zuvor war es mit Armeewaffen mehrmals zu Tötungsdelikten, Amoktaten und Suiziden gekommen.

Im Februar 2002 schoss beispielsweise ein 25-jähriger Mann in einem Sexkino in Lausanne mit seiner Armeewaffe ins Publikum. Zwei Menschen wurden getötet, zwei weitere schwer verletzt. Im April 2007 schoss ein Amokschütze in einem Hotel in Baden mit einer Dienstwaffe wild um sich. Die traurige Bilanz: Ein Toter und vier Schwerverletzte.

Am 12. April 2007 stürmte ein Amokläufer in das Hotel «La Capella» in Baden und tötete eine Person und verletzte vier weitere zum Teil schwer.
Am 12. April 2007 stürmte ein Amokläufer in das Hotel «La Capella» in Baden und tötete eine Person und verletzte vier weitere zum Teil schwer.
Archivbild: Keystone

Wie hat sich die Situation seit 2007 entwickelt?

Die Anzahl Tote durch Schusswaffen in der Schweiz ist gemäss einer Erhebung des Bundesamts für Statistik seit 2007 (291 Tote) bis 2023 (194 Tote) deutlich zurückgegangen.

Allerdings relativiert Nora Markwalder, Strafrechtsprofessorin an der HSG, im Gespräch mit SRF: «Es ist schwierig zu sagen, ob die Munition der Grund für diese Entwicklung war.» Schon vor der Abschaffung der Taschenmunition habe sich ein Rückgang abgezeichnet.

Wie gross der Einfluss der eingezogenen Taschenmunition auf den Rückgang von Schusswaffentodesfällen tatsächlich ist, lasse sich entsprechend nicht genau beziffern.

Aus einer Studie des Bundes zu Tötungsdelikten mit Schusswaffen im häuslichen Bereich geht hervor: Von den 41 Schusswaffen, die von 2015 bis 2022 bei Tötungsdelikten im häuslichen Bereich benutzt wurden, handelt es sich bei fünf Waffen um ehemalige Armeewaffen des Täters.

Der Entscheid

Die starke Opposition gegen den Kommissionsentscheid setzt sich letztlich deutlich durch: Mit 31 zu 9 Stimmen bei 3 Enthaltungen sagt der Ständerat am Mittwoch Nein zu der Motion. Ja-Stimmen kamen vor allem aus der SVP und vereinzelt von Mitte und FDP. Mit dem Nein ist die Motion damit vom Tisch.