Rechte gegen «SUV der Linken»Ständerat will Nummernpflicht für Lastenvelos
Stefan Michel
22.12.2025
Frontalcrash mit Cargobike: Die Simulation mit einem Crashtest-Dummy zeigt, welche Folgen ein Unfall haben könnte.
Bild:Keystone
Der Ständerat hat eine Motion überwiesen, die eine Nummernpflicht für Lastenvelos fordert. Der Bundesrat ist aus praktischen Gründen dagegen und die BFU stützt die Argumentation des Vorstosses nicht.
Stefan Michel
22.12.2025, 04:30
22.12.2025, 07:31
Stefan Michel
Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen
Der Ständerat will die Nummernpflicht für Cargobikes – ob mit oder ohne Motor.
Der Bundesrat ist dagegen, doch die Motion erhält im Ständerat eine Mehrheit. Im Frühling debattiert der Nationalrat den Vorstoss.
BFU und Astra äussern sich zu den Vorwürfen der Motion, Cargobike-Lenker*innen seien ein Sicherheitsrisiko und würden besonders oft Verkehrsregeln brechen.
Das Lastenvelo, auch Cargobike genannt, ist ein Symbol des hippen urbanen Lebens. Und als Ersatz für das Auto beim Wocheneinkauf und Kindertransport auch nützlich, finden viele, die sich ein solches Gefährt gekauft haben. Allein 2024 sind mehr als 5100 Stück über den Ladentisch gerollt, wie die Statistik des Händler-Verbands Velosuisse zeigt.
Als «SUV der Linken» oder auch «SUV der urbanen Hipster» werden die voluminösen Velos in den Medien gerne zum Objekt des Kulturkampfs gemacht. So leidenschaftlich wie Klimaschützer*innen SUVs verachten, tun dies andere offenbar mit den Cargobikes.
Für den Genfer Ständerat Mauro Poggia (Mouvement Cityoen Genevois) sind Cargobikes ein Risiko – für andere Verkehrsteilnehmer wie auch für die Kinder, die auf ihnen mitgeführt werden. Er hat deshalb eine Motion eingereicht, über die die Kleine Kammer in der Wintersession entschieden hat. Zudem hielten sich die Lenker*innen von Lastenvelos nicht immer an die Verkehrsregeln und stellten diese bisweilen so ab, dass sie Gehwege versperren, so der Westschweizer.
Poggia: faktische Straffreiheit für Cargobiker*innen
Das ist für Poggia insbesondere deshalb problematisch, weil für diese Fahrradkategorie kein Kontrollschild vorgeschrieben ist – im Unterschied zu den 45 km/h schnellen E-Bikes. «Dies führt faktisch zu vollständiger Straffreiheit. Gleiches gilt, wenn Fahrerinnen oder Fahrer solcher Velos Verkehrsregeln missachten, insbesondere wenn sie Lichtsignale ignorieren und dadurch ihre Passagierinnen und Passagiere – oft Kinder – sowie Dritte gefährden», schreibt er in seiner Motion.
Der Vorstoss verlangt vom Bundesrat, dass er die Pflicht, ein Kontrollschild zu tragen, auf Lastenräder und «Longtail-Velos» ausdehne – unabhängig davon, ob diese einen Elektromotor haben oder nicht. Der Ständerat hat die Motion mit 22 gegen 15 Stimmen überwiesen.
Die Velo-Lobby hält erwartungsgemäss wenig davon. Der Vorstoss sei ein «unbegründeter Angriff auf Cargovelos unter dem Deckmantel der Sicherheit», schreibt Pro Velo in einer Medienmitteilung zum Entscheid des Ständerats. Die Präsidentin, Nationalrätin Delphine Klopfenstein (GP/GE), schiebt nach, die Annahme, dass Lastenvelos gefährlich sind, und die Behauptung, dass ihre Fahrer*innen häufig gegen die Verkehrsregeln verstossen, sei nicht belegt.
Auch die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU sagt auf Anfrage von blue News, es seien keine Unfall-Zahlen von Lastenvelos bekannt. Dass diese Gefahrenpotenzial haben, hat die BFU allerdings schon im Frühjahr 2025 geschrieben. Dies, nachdem sie zusammen mit der Schaffhauser Kantonspolizei Polizei und der Axa Versicherung Unfälle mit Cargobikes simuliert hatte. Daraufhin gaben die BFU, Axa und Polizei Verhaltens-Empfehlungen heraus, die das Risiko eines Unfalls wie auch dessen Schwere reduzieren.
BFU-Sprecher Christoph Leibundgut erklärt, dass die Immatrikulationspflicht zu einem besseren Einhalten der Verkehrsregeln beitragen könnte. «Deutlich wirkungsvoller sind Massnahmen, die direkt zur Verkehrssicherheit beitragen – insbesondere der Ausbau sicherer und normgerechter Veloinfrastrukturen, eine Helmpflicht für alle Leichtmotorfahrräder oder die Förderung von Leuchtwesten und anderen sichtbarkeitssteigernden Mitteln.»
Die Frage, ob Cargobiker*innen die Verkehrsregeln häufiger brechen als andere Verkehrsteilnehmer*innen kann weder das Bundesamt für Strassen Astra, noch die Stadtpolizei Zürich und auch nicht die Kantonspolizei Bern beantworten. Der Grund: Diese Zahlen werden nicht separat erhoben. Lastenräder ohne Motor gehören zur gleichen Kategorie wie herkömmliche Velos, E-Cargobikes fallen in die gleiche Kategorie wie schnelle E-Bikes und Mofas. Vielleicht hat Poggia recht, einen statistischen Beleg gibt es dafür aber nicht.
Poggia ist im Ständerat Mitglied der SVP-Fraktion. Mitunterzeichner*innen seiner Motion sind drei Ständerät*innen der SVP sowie zwei der Mitte. Gerade die SVP hat sich den Abbau von Bürokratie und Regulierungen auf die Fahne geschrieben. Poggias Vorstoss weist in die entgegengesetzte Richtung.
Daran erinnert Bundesrat Rösti im Namen der Landesregierung. Der Verkehrsminister verweist darauf, dass im Sommer 2025 die Immatrikulationspflicht für E-Cargobikes ab einem Gesamtgewicht von 250 Kilogramm eingeführt worden ist. Und weiter: «Eine Definition von Lastenrädern anders als nach Gewicht würde Abgrenzungsprobleme und komplexe Vorschriften mit sich bringen. Dies würde auch zu einem hohen administrativen Aufwand für die Konsumenten und Konsumentinnen, für die Kantone und für das Fahrzeuggewerbe führen.»
Davon lässt sich der Ständerat nicht abhalten und überweist die Motion. Voraussichtlich in der Frühlingssession wird sich der Nationalrat damit befassen.
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